Coming-outKapitel 1 von 5

Mittendrin im Fragen: Wenn du merkst, dass du anders fühlst

Vielleicht bist du dir noch nicht sicher. Vielleicht weißt du es längst. In der Pubertät klärt sich für viele, wen sie lieben - und manchmal ist die Antwort nicht die, die alle um dich herum erwarten.

justboys-Redaktion

6 Min Lesezeit

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Du sitzt im Unterricht, scrollst durch Instagram, hängst mit deinen Freunden ab - und mittendrin spürst du es: Da ist etwas, das sich anders anfühlt. Vielleicht denkst du an den Typen aus deiner Klasse öfter als nötig. Vielleicht suchst du seine Nähe, ohne dass du weißt, warum. Vielleicht hast du die Frage schon im Kopf, aber traust dich noch nicht, sie laut auszusprechen: Bin ich schwul? Bi? Irgendwas dazwischen?

Willkommen in der Phase, in der vieles unklar ist - und in der du trotzdem mittendrin stehst. Im Leben, in der Schule, in einer Welt, in der die meisten Menschen um dich herum hetero sind und sich diese Fragen nie stellen mussten. Aber du bist nicht allein: Vielen anderen Jugendlichen geht es in der Pubertät ähnlich, und die Vielfalt der Gefühle, die du gerade erlebst, ist absolut normal.

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Die Pubertät: Wenn Gefühle Achterbahn fahren

Wer bin ich, was will ich, und wohin führt mich mein Weg? Diese Fragen stellen sich alle Jugendlichen. Das Verhältnis zu deinen Eltern wird jeden Tag neu ausgehandelt. Vielleicht verliebt du dich zum ersten Mal so richtig. Vielleicht denkst du über Sex nach, vielleicht auch gar nicht. Es gibt keine Regeln - jeder Mensch hat seine eigene Pubertät. Vieles ist gleich, vieles ist anders.

In dieser Zeit bist du oft dünnhäutig und verletzlich, manchmal aber auch unglaublich stark, mutig und unabhängig. Und genau in dieser Phase taucht für viele auch die Frage auf: Stehe ich auf Jungs, auf Mädchen, auf beide - oder auf niemanden? Und was, wenn ich merke, dass mein Körper und mein Geschlecht nicht zusammenpassen?

Eine Sache gleich vorweg: Deine sexuelle Orientierung und deine Geschlechtsidentität kannst du nicht beeinflussen. Sie machen dich zu einer einzigartigen und wertvollen Person. Sie sind weder gut noch schlecht - sie sind einfach da. Und sie gehören zu dir.

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Schwul, bi, hetero - oder noch gar kein Label?

Das mit dem Herausfinden ist nicht einfach. Weil Gefühle nicht immer klar sind. Weil man gleichzeitig Lust und Angst haben kann. Weil man sich heute sicher fühlt und morgen wieder zweifelt.

Vielleicht hast du dich in deinen besten Freund verliebt, weil er so verdammt gut aussieht und du dich bei ihm einfach wohl fühlst. Bist du jetzt schwul? Oder du findest deinen jungen Sportlehrer süß, willst aber gleichzeitig mit einem Mädchen schlafen. Bist du jetzt bi? Oder du spürst schon lange, dass du auf Männer stehst, aber dir das einzugestehen fällt schwer.

Es gibt keine scharfe Grenze: hier schwul, hier bi, hier hetero. Gefühle müssen nicht immer fix eingeteilt werden, sie können sich auch im Lauf der Zeit ändern. Manche Jungs machen erste sexuelle Erfahrungen mit anderen Jungs und merken später, dass sie hetero sind. Andere hatten Sex mit Mädchen und stellen fest, dass sie eigentlich auf Männer stehen. Im Leben ist vieles offen und möglich. Viele Unsicherheiten klären sich mit der Zeit - durch Gespräche, durch Ausprobieren, durch ehrliches Hinspüren.

Mach dir keinen Druck. Du musst kein „Label" finden für das, was du empfindest. Du musst dich auch nicht outen, wenn du das nicht möchtest.

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Was bedeutet eigentlich „schwul", „bi", „queer"?

Homosexuell bedeutet, dass du dich von Menschen des gleichen Geschlechts angezogen fühlst - „homo" heißt auf Griechisch „gleich". Ein Mann liebt einen Mann, eine Frau liebt eine Frau. Weil Homosexualität nicht nur mit Sex zu tun hat, sondern vor allem mit Liebe, Beziehungen, Gefühlen und Vertrauen, sprechen wir am besten von schwulen Männern und lesbischen Frauen.

Heterosexuell ist, wer Menschen des anderen Geschlechts liebt - „hetero" bedeutet „anders". Frauen finden Männer anziehend und umgekehrt.

Bisexuell sind Menschen, die sich von Männern und Frauen angezogen fühlen. „Bi" ist Lateinisch für „zwei". Das heißt nicht, dass sie sich nicht entscheiden können - sie verlieben sich einfach mal in Männer, mal in Frauen. Manche verwenden stattdessen das Wort pansexuell, weil es alle Geschlechter einschließt.

Queer ist ein Sammelbegriff für alle, die nicht hetero oder cis (das heißt: deren Geschlecht mit dem bei der Geburt übereinstimmt) sind. Ursprünglich war „queer" ein Schimpfwort, wurde aber von der Community als positive Eigenbezeichnung zurückerobert - und ist auch ein politischer Begriff, der sich gegen Normen stellt.

Tönt kompliziert? Keine Sorge. Du wirst mit der Zeit merken, was für dich stimmt. Und wenn nicht: auch okay. Du musst dich niemandem erklären, solange du es nicht willst.

Wie finde ich andere schwule oder bi Jungs?

Als schwuler oder bisexueller Junge kann das Verliebtsein einige Hürden mit sich bringen. Wie finde ich heraus, ob er auch auf Jungs steht? Was mache ich, wenn er nicht schwul ist? Und wo lerne ich überhaupt andere queere Jungs kennen?

Wenn du herausfinden willst, ob ein Typ auch auf Männer steht, geh die Sache behutsam an. Vielleicht unternehmt ihr gemeinsam etwas. Dann kannst du das Thema Schwulsein vorsichtig ansprechen - erzähl von einem Freund, der sich geoutet hat, oder frag ihn, was er von einem queeren Charakter in einer Serie hält. So erfährst du seine Haltung, ohne dich direkt zu outen. Wenn er offen reagiert, kannst du mehr von dir preisgeben. Wenn er ablehnend ist, weißt du woran du bist - und kannst dich schützen.

Andere schwule oder bisexuelle Jungs kennenzulernen geht am besten in Jugendgruppen oder über Online-Plattformen wie justboys. Es braucht Mut, den ersten Schritt zu machen - aber es lohnt sich. Queere Communities bieten vielfältige Möglichkeiten, um andere kennenzulernen, sich auszutauschen und gemeinsam aktiv zu werden.

Anlaufstellen in Österreich:

  • Queer Youth Vienna (QYVIE) - Treffen, Events und Workshops für alle Queers unter 28, die Jugendschiene der HOSI Wien. Infos: hosiwien.at
  • WIENXTRA Young & Queer-Beratung - für Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre. Infos: wienxtra.at
  • COURAGE - Schwerpunktberatungsstellen für LGBTIQ-Personen in Wien, Graz, Salzburg, Innsbruck, Linz und Klagenfurt. Tel: 01-585 69 66, courage-beratung.at
  • HOSI Salzburg, HOSI Linz - regionale Anlaufstellen mit Jugendgruppen und Events
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Wenn es dir richtig schlecht geht

Triggerwarnung: Dieser Abschnitt behandelt psychische Krisen und Suizidgedanken.

Erwachsen werden ist nicht immer einfach. Als junger Mensch kann es ganz schön hart sein, was du alles lernen, aushalten und verarbeiten musst. Der erste Liebeskummer, Krach mit den Eltern, Stress in der Schule, Angst vor deinen sexuellen Gefühlen, Angst vor dem Coming-out. Und tausend Dinge mehr.

Wenn es dir so schlecht geht, dass deine Stimmung nicht besser wird - oder wenn du an Selbsttötung denkst -, such dir unbedingt Hilfe. Du bist nicht allein. Es gibt Menschen, die genau dafür da sind, dir zuzuhören.

Wichtige Hilfsangebote (Stand 2026):

  • Telefonseelsorge Österreich: 142 - rund um die Uhr, kostenlos und anonym. Auch per Chat täglich 16-23 Uhr und per Mail mit Rückmeldung innerhalb von 48 Stunden. telefonseelsorge.at
  • Rat auf Draht: 147 - gratis Helpline für Kinder und Jugendliche, rund um die Uhr. rataufdraht.at
  • Deutschland: Telefonseelsorge 0800-1110111 oder 0800-1110222 (kostenlos, 24/7)

Vergiss nicht: Du hast ein einzigartiges Leben. Du gehörst zu dieser Welt, wie alle anderen auch. Auch wenn du jetzt große Probleme hast und nicht mehr weiter weißt - es gibt Menschen, die für dich da sind.

Du bist mittendrin - und das ist gut so

Du lebst mittendrin, in einem Alltag voller Menschen, die sich diese Fragen vielleicht nicht stellen müssen. Aber du bist Teil dieser Gesellschaft, du gehörst dazu - immer und überall. Du bist du, du bist anders, und das ist gut so.

Es ist okay, wenn du noch keine Antworten hast. Es ist okay, wenn du dich noch nicht outen willst. Es ist okay, wenn du Angst hast. Und es ist okay, dir Hilfe zu holen - von Freunden, von Beratungsstellen, von Menschen, die das alles schon durchgemacht haben.

Du bist nicht allein. Und du bist richtig, so wie du bist.

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