10DANCE (2025) - Wenn Tanz die Sprache ist, die Worte fehlen

Netflix' japanischer BL-Film über zwei Tanz-Rivalen lockt mit sinnlicher Choreographie und greifbarer Spannung - doch die Romance kommt zu kurz, und lateinamerikanische Stereotype trüben das Bild.

justboys-Redaktion

6 Min Lesezeit

10DANCE (2025) - Wenn Tanz die Sprache ist, die Worte fehlen - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Zwei Männer, beide Champions, beide Shinya - der eine eleganter Ballroom-Tänzer, der andere leidenschaftlicher Latin-Dancer. Netflix' Live-Action-Adaption der beliebten BL-Manga von Inouesatoh verspricht explosive Chemie, Rivalry-to-Lovers-Tension und Tanz, der unter die Haut geht. In der ersten Woche nach Release landete 10DANCE auf Platz 4 der meistgesehenen nicht-englischsprachigen Filme auf Netflix, mit 2,6 Millionen Views - das zeigt: Die Neugier ist riesig. Aber hält der Film, was er verspricht?

Zwei Rivalen, ein unmöglicher Wettbewerb, ein loderndes Geheimnis

Shinya Sugiki ist ein talentierter Ballroom-Champion in Standard-Tänzen, während sein Namensvetter Shinya Suzuki ein Latin-Dance-Champion in Japan ist. Die beiden betrachten sich als Rivalen, doch überraschend schlägt Sugiki vor, dass sie zusammen trainieren, um voneinander zu lernen - als Vorbereitung auf die internationale 10Dance-Competition, bei der sowohl die fünf Standard- als auch die fünf Latin-Tänze von den Teilnehmern beherrscht werden müssen. Während ihrer aufgeladenen Trainings-Sessions beginnen die beiden Männer, sich ineinander zu verlieben.

Suzuki (gespielt von Ryoma Takeuchi) ist halb Kubaner, temperamentvoll, spontan, ein Tänzer, der die Leidenschaft des Latin lebt. Sugiki (Keita Machida) hingegen ist kontrolliert, ehrgeizig, diszipliniert - die Verkörperung von Eleganz und Perfektion. Wie die zwei Tanzstile sind Suzuki und Sugiki entgegengesetzte Seiten derselben Medaille: Ballroom dreht sich um Kontrolle, Latin um Leidenschaft. Und genau diese Dichotomie macht die Prämisse so reizvoll.

Wo Repräsentation und Problematik aufeinandertreffen

Queere Darstellung? Ja, die gibt es - 10DANCE ist definitiv ein BL-Film, und im Gegensatz zu vielen japanischen "gay dramas/comedies", bei denen das finale Bild nur andeutet, dass sich die männlichen Hauptfiguren küssen, lässt dieser Film die Leads tatsächlich leidenschaftlich küssen - mindestens zweimal. Das ist ein Fortschritt.

Doch die Repräsentation ist nicht ohne Makel. Als Latina fühlte sich eine Kritikerin beleidigt, jedes Mal wenn Kuba erwähnt wurde und die Stereotypen von Latinos eingehämmert wurden - ob auf Japanisch oder in schrecklichem Spanisch. Die Manga-Vorlage ist deutlich rassistischer, die Adaption hat das verbessert - sie hätten den Rassismus aber auch komplett weglassen können.

Interessant ist, dass die Handlung vor dem Hintergrund einer realen Entwicklung spielt: Die 2023er Blackstone-Entscheidung, gleichgeschlechtliche Paare bei internationalen Ballroom-Wettbewerben zuzulassen, dient als Sprungbrett für den Film und macht die Erzählung deutlich realistischer. Für manche Kritiker*innen ist 10DANCE deshalb kein BL, sondern ein Film über darstellende Kunst, der inhärent queer ist und sich eher an ein Arthouse-Publikum als an BL-Fans richtet.

Hinter der Kamera: Wer bringt diese Geschichte zum Leben?

Regie führte Keishi Ōtomo, der durch die Rurouni Kenshin-Filmreihe bekannt wurde. Ryoma Takeuchi, bekannt für Action-Rollen, spielt zum ersten Mal in einem BL-Projekt mit. Keita Machida hingegen ist kein Neuling: Sein erstes BL-Projekt war das 2020er Drama Cherry Magic, in dem er auch im 2022er Film-Sequel mitspielte. Beide Schauspieler absolvierten monatelange intensive Trainings, aber nur Machida hatte bereits Tanzerfahrung - er war in einem Tanzclub an der Uni, wo ihn ein professioneller Tänzer entdeckte und ihm ein Stipendium für eine Tanz- und Schauspielschule anbot.

Die Choreographie ist atemberaubend: Die erste Tanzstunde ist unmöglich zu vergessen wegen ihrer Sinnlichkeit. Ein oberkörperfreier Suzuki bewegt seine Hüften in diesem langsamen, hypnotischen Rhythmus, während die Kamera auf seinem muskulösen Körper verweilt. Trau dich, diese pikante Szene anzusehen, ohne dass dein Herzschlag beschleunigt! Dieselbe elektrifizierte Energie ist überall im Film, besonders wenn die Leads tanzen. Aber selbst mit all dieser Hitze bleibt 10DANCE stilvoll und classy. Die ganze Atmosphäre passt so natürlich zur Handlung, dass ein Mann, der seine Hüften schüttelt, wie hohe Kunst wirkt - und das ist keine kleine Leistung!

Wenn Rivalität sich in Rhythmus verwandelt - aber die Liebe auf halber Strecke stoppt

Hier wird es kritisch: Die Charakterentwicklung ist dünn, was es schwierig macht, sich in das Ergebnis investiert zu fühlen. Insgesamt war es ein schöner Film, aber es wurde erwartet, deutlich mehr Romance und Leidenschaft zu sehen - es fühlte sich mehr wie ein technischer Tanz-Film an und weniger darum, den Tanz als Mittel zu nutzen, um zu zeigen, wie diese Charaktere interagieren und sich ineinander verlieben.

Die versprochene sexuelle Spannung, die körperliche Elektrizität, die aus dem Begehren kommt, jemanden zu wollen und ihn nicht haben zu können, fehlte schmerzlich. Die Hauptfigur des Films war der Tanz und der Wettbewerb. Alles andere schien sehr zweitrangig, selbst die Romance zwischen den Hauptdarstellern. Das ist das zentrale Problem: Wer eine queere Liebesgeschichte erwartet, könnte enttäuscht werden. Wer einen visuell beeindruckenden Tanzfilm mit queeren Untertönen sucht, wird happy.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die übereilte Einführung der Romance. Sie wird uns zu schnell ins Gesicht gedrückt, wenn wir gerade erst im zweiten Akt sind. Es fühlt sich out of character an, dass Suzuki und Sugiki sich plötzlich so bewusst über ihre Gefühle sind, wenn sie im ersten Akt gerade erst anfangen, einander zu verstehen. Das Ende ist desorientierend. Nach dem finalen Tanz und dem öffentlichen Kuss bietet der Film keine Klarheit: Sind sie offiziell ein Paar für das 10Dance-Finale, ist ein solches Pairing überhaupt erlaubt, und wie reagiert das Publikum auf das, was sie gerade gesehen haben? Es fühlt sich an, als würde man einen Tanzwettbewerb schauen, bei dem die entscheidende Performance stattfindet, aber es keine Ergebnisse gibt - kein Kommentar, keine Reaktionen, kein Gefühl für Gewinner oder Verlierer.

Wo du 10DANCE 2026 sehen kannst

Der Film läuft seit 18. Dezember 2025 exklusiv auf Netflix - in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Du brauchst ein Netflix-Abo (auch das günstigere Abo mit Werbung funktioniert). Der Film hatte keinen Kinostart, sondern ist eine Netflix Original Production. Mit 127 Minuten Laufzeit nimmt er sich Zeit für die Tanzsequenzen - aber vielleicht zu wenig Zeit für die Romance.

Lohnt sich der Hype oder ist das nur schöner Schein?

Ehrlich? 10DANCE ist ein wunderschöner, sinnlich gefilmter Tanzfilm - aber als queere Liebesgeschichte bleibt er hinter seinen Möglichkeiten zurück. Was den Film zu einem Genuss macht: Er hat nicht nur ein starkes Drehbuch und fesselnde Performances, sondern ist auch wunderschön gemacht. Jedes Element ist mit der Geschichte verbunden und hebt sie an. Die Beleuchtung und Kameraarbeit sind sinnlich, selbst wenn die Szenen nicht in einem Ballsaal oder Studio sind.

Wenn du auf Tanzfilme stehst, die Ästhetik zelebrieren und dir "Rivals staring intensely at each other"-Vibes genug sind, dann ist das dein Film. Es gibt tonnenweise Herz und viele üppige Looks in 10DANCEs Darstellung der aufkeimenden romantischen Bindung zwischen zwei professionellen Ballroom-Tänzern. Wenn du aber eine voll ausgearbeitete queere Liebesgeschichte mit emotionaler Tiefe, klaren Coming-out-Momenten und einem befriedigenden Ende erwartest - dann wird dich 10DANCE wahrscheinlich hungrig zurücklassen.

Die Japan Times zog ein hartes Fazit: "10 Dance spielt sich eher wie eine ausgedehnte Aufwärmroutine ab und verlässt die Tanzfläche in Erwartung einer Fortsetzung, die es sich nicht verdient hat." Das klingt hart, trifft aber einen Punkt: Der Film endet offen, als würde Netflix auf Sequel-Hunger spekulieren. Netflix setzt offensichtlich darauf, dass wir nach mehr fragen. Und wir fragen. Gebt uns mehr. Mehr Tanzen, ja, aber auch mehr Sehnsucht. Mehr Romance.

Fazit: Schau es, wenn du visuell atemberaubende Filme liebst und bereit bist, Abstriche bei der Romance zu machen. Skip es, wenn du eine vollwertige BL-Romanze erwartest. Für queere Zuschauer, die sich nach ehrlicher Repräsentation sehnen, ist 10DANCE ein zwiespältiges Erlebnis - schön, aber unvollständig.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (© Salzgeber & Co. Medien / jeweiliger Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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