Was machst du, wenn die Welt dich sterben lässt? Wenn Pharmafirmen wirksame Medikamente zurückhalten, die Regierung schweigt und die Gesellschaft wegschaut? Die Antwort der ACT UP-Aktivisten im Paris der frühen 90er war eindeutig: Du wirst laut, radikal und unbequem. Robin Campillos Film aus dem Jahr 2017 erzählt von diesem Kampf - und davon, wie sich zwei junge Männer inmitten der Katastrophe ineinander verlieben.
Paris 1990er: ACT UP gegen Indifferenz und Aids
Paris, Anfang der 1990er. Seit fast zehn Jahren wütet die Aids-Epidemie in Frankreich, doch die Mitterrand-Regierung kümmert sich kaum um sexuelle Aufklärung, und die Pharmaindustrie verschleppt die Entwicklung neuer Medikamente. Die Aktivistengruppe ACT UP (AIDS Coalition to Unleash Power) will auf diese Missstände aufmerksam machen - mit spektakulären Aktionen, die Grenzen überschreiten: Sie werfen mit Kunstblut gefüllte Wasserbomben auf Forschungseinrichtungen, stürmen Klassenzimmer mit Infomaterial und fesseln Pharma-Manager während ihrer Präsentationen an Pfosten.
In diese kämpferische Gemeinschaft stolpert Nathan (Arnaud Valois), 26 Jahre alt und selbst HIV-negativ. Bei den wöchentlichen Treffen der Gruppe, die wie politische Vollversammlungen ablaufen - mit endlosen Debatten darüber, wie weit Aktivismus gehen darf - lernt er Sean (Nahuel Pérez Biscayart) kennen: den Mutigsten, Radikalsten, Kompromisslosesten unter den Aktivisten. Sean ist HIV-positiv, die Krankheit längst bei ihm ausgebrochen. Trotzdem - oder gerade deshalb - stürzt er sich mit aller Kraft in den Kampf.

Nathan verliebt sich in Sean, und die beiden werden zu einem Paar, das gemeinsam an vorderster Front kämpft. Der Film zeigt ihre Beziehung mit einer Intimität und sexuellen Offenheit, die selten ist: wilde Nächte in Pariser Clubs, zärtliche Momente in der gemeinsamen Wohnung, Sex, der Leben feiert, während der Tod immer näher rückt. Doch je mehr Seans Gesundheit sich verschlechtert, desto klarer wird: Dieser Kampf ist nicht zu gewinnen - zumindest nicht für alle.
Warum Campillos Aktivisten-Film immer noch brennt
Was macht 120 BPM fast zehn Jahre nach Erscheinen zu einem wichtigen Film? Erstens: die schonungslose Ehrlichkeit. Regisseur Robin Campillo war selbst ACT UP-Mitglied in den 90ern, und man spürt in jeder Szene, dass hier keine Hollywood-Version erzählt wird. Die Versammlungsszenen dauern lang, die Debatten sind hitzig und manchmal chaotisch - genau so, wie Basisdemokratie eben aussieht. Der Film romantisiert weder den Aktivismus noch die Krankheit. Campillo zeigt Seans Verfall über viele qualvolle Minuten, seinen toten Körper aufgebahrt in der Wohnung, während Familie und Freunde Abschied nehmen. In französischen Kinos wurden Menschen bei dieser Szene ohnmächtig.
Zweitens: 120 BPM erinnert daran, dass queere Sichtbarkeit und queere Rechte hart erkämpft wurden - von Menschen, die wussten, dass sie vielleicht nicht mehr lange leben würden. In einer Zeit, in der HIV dank PrEP und Kombinationstherapien für viele in Europa behandelbar geworden ist, zeigt der Film, wie dünn der Boden war, auf dem wir heute stehen. Gleichzeitig bleibt das Thema aktuell: HIV ist noch immer nicht heilbar, Stigma existiert weiter, und in vielen Teilen der Welt haben Menschen keinen Zugang zu Medikamenten.

Drittens: Der Film ist ein Meisterwerk in der Balance zwischen Politischem und Persönlichem. Er ist ein Aktivisten-Drama und eine queere Liebesgeschichte, ein Zeitdokument und ein zutiefst emotionaler Film über Verlust. Die Clubszenen, unterlegt mit französischer House-Music (120 BPM ist nicht nur ein Herzrhythmus, sondern auch das Tempo von House), bieten Momente der Leichtigkeit und Freiheit - Erinnerungen daran, warum die Aktivisten überhaupt ums Überleben kämpften: weil das Leben so verdammt schön sein kann.
Triggerwarnung: Der Film zeigt explizit den körperlichen Verfall durch Aids, lange Sterbeszenen und einen toten Körper. Wenn du mit Darstellungen von Krankheit und Tod schwer umgehen kannst, solltest du dich darauf einstellen - oder den Film vielleicht nicht allein schauen.
Streaming, Leihe, DVD - so schaust du 120 BPM
- Queer Cinema Amazon Channel (im Abo)
- Amazon Video und Apple TV (Leihen oder Kaufen)
- DVD über den Salzgeber-Shop bestellbar (Edition Salzgeber mit deutschen Untertiteln, ca. 13 EUR)
Stand April 2026 gibt es leider kein kostenloses Streaming-Angebot in den großen Mediatheken (ARD, ZDF, ORF, SRF). Wer den Film physisch besitzen möchte, findet die DVD auch bei größeren Online-Händlern.
Intensitaet, Queerness, Politik - drei Anschlussfilme
Dann schau dir auch diese Filme an:
- Eastern Boys (2013) - Ein früherer Film von Robin Campillo über einen älteren Pariser Mann und einen jungen osteuropäischen Stricher. Ebenfalls intensiv, politisch und queer.
- Enzo (2025) - Campillos neuester Film, eine Coming-of-Age-Geschichte im südfranzösischen Sommer über einen 16-Jährigen, der gegen die Erwartungen seiner wohlhabenden Familie rebelliert.
- How to Survive a Plague (2012) - Eine US-Dokumentation über ACT UP New York, die die historische Parallelgeschichte zu 120 BPM erzählt.
- Paris Is Burning (1990) - Jennie Livingstons Doku über die Ballroom-Szene in New York, ebenfalls zur Zeit der Aids-Krise. Ein anderer, aber ebenso wichtiger Blick auf queeres Überleben.
