66/67 - Fairplay war gestern - Hooligans, schwule Nebenfiguren und die Angst vorm Erwachsenwerden

Braunschweig, Gewalt, Männerfreundschaft - und mittendrin ein schwuler Hooligan, der sein Geheimnis hütet. Ein rauer deutscher Film aus 2009, der Männlichkeit auseinandernimmt.

justboys-Redaktion

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66/67 - Fairplay war gestern - Hooligans, schwule Nebenfiguren und die Angst vorm Erwachsenwerden - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Ein deutscher Film über Hooligans klingt erstmal nicht nach queerer Pflichtlektüre. Aber „66/67 - Fairplay war gestern" aus dem Jahr 2009 ist mehr als nur Stadiongewalt und Männer-Getue - er erzählt von Otto, einem schwulen Hooligan, der sich in einer Welt aus toxischer Männlichkeit verstecken muss. Und das macht den Film bis heute interessant.

Otto versteckt sich - Männerfreundschaft im Hooligan-Milieu

Der Film aus dem Jahr 2009 spielt im Mai 2008 in Braunschweig. Sechs Freunde Ende zwanzig - Florian, Otto, Henning, Christian, Tamer und Mischa - haben sich alle das Jahr 1966/67 auf die Brust tätowieren lassen, die letzte (und einzige) Meistersaison von Eintracht Braunschweig. Sie sind Ultra-Fans, Hooligans, und ihr ganzes Leben dreht sich um Fußball und die dritte Halbzeit: Schlägereien mit gegnerischen Fans.

Aber die Gruppe bröckelt. Jeder von ihnen hat sein eigenes Leben, das nicht mehr zur ewigen Jugend im Fanclub passt. Florian hat heimlich studiert und einen Top-Abschluss gemacht, traut sich aber nicht, es seinen Kumpels zu erzählen - er würde seine türkische Freundin Özlem lieber rauswerfen, als erwachsen zu werden. Christian hat sein Leben minutiös durchgeplant und will seiner Freundin im Stadion einen Heiratsantrag machen, doch die macht vor allen Leuten Schluss. Henning ist Polizist, der in seiner Freizeit selbst kriminell wird. Tamer muss die Kneipe seines verstorbenen Vaters retten, die als Treffpunkt der Gruppe gilt.

Und dann ist da Otto - der beste Freund von Florian, arbeitslos, auf Hartz IV, und schwul. Aber das weiß niemand außer Henning, der es zufällig herausfindet. In einer Welt, in der Männlichkeit durch Gewalt definiert wird, ist Ottos Geheimnis gefährlicher als jede Schlägerei. Der Film zeigt in Rückblenden, wie die Freundschaft der sechs langsam unter dem Druck ihrer eigenen Lügen und der Realität zerbricht - bis es zu einer finalen Eskalation kommt.

Unbequeme queere Männlichkeit ohne Happy-End-Versprechen

„66/67" ist kein angenehmer Film, und er ist auch kein typischer queerer Film. Die schwule Figur Otto ist keine Hauptfigur, und sein Coming-out wird nicht gefeiert - im Gegenteil, er versteckt sich die ganze Zeit. Aber genau das macht den Film ehrlich. Er zeigt, wie toxische Männlichkeit queere Menschen zum Schweigen bringt, wie Gruppendruck und Gewalt eine Kultur schaffen, in der Otto niemals er selbst sein kann.

Was der Film besser macht als viele neuere deutsche Produktionen: Er ist schonungslos. Keine weichgespülten Dialoge, keine Feelgood-Momente. Die Regisseure Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser haben hier ein Drama über Freundschaft, Loyalität und die Angst vorm Erwachsenwerden gedreht, das formal an frühe Scorsese-Filme erinnert - intensive Dialoge, starke Schauspieler (vor allem Fabian Hinrichs und Christoph Bach), und eine Atmosphäre, die dich nicht loslässt.

Gealtert ist der Film trotzdem an manchen Stellen. Die Darstellung von Gewalt ist manchmal etwas zu verliebt in sich selbst, und die Frauenfiguren sind eher Projektionsflächen als echte Charaktere. Außerdem: Trigerwarnungen für explizite Gewalt, Homophobie (implizit durch die Atmosphäre) und toxische Männlichkeit. Das ist kein leichter Filmabend.

Trotzdem lohnt sich der Film 2026 noch - gerade weil er zeigt, wie weit wir seitdem gekommen sind (und wo wir immer noch stehen). Ottos Geschichte wird nie aufgelöst, nie „geheilt". Und das ist vielleicht die ehrlichste queere Erzählung im deutschen Kino von 2009.

Schwer zu finden - Streaming-Status April 2026

Aktuell ist „66/67 - Fairplay war gestern" bei keinem der großen Streaming-Dienste in DACH verfügbar (Stand April 2026) - weder bei Netflix, Amazon Prime Video, Mubi, Disney+, noch in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken. Der Film ist ziemlich in Vergessenheit geraten, was schade ist.

Du kannst ihn aber digital kaufen oder leihen:

  • Amazon Video (Kauf oder Leihe möglich)

  • Eventuell DVD/BluRay über Amazon oder spezialisierte Shops

Letzte TV-Ausstrahlung war 2024 bei einem der Dritten Programme - falls der Film nochmal im Fernsehen läuft, lohnt es sich, die Mediathek im Auge zu behalten.

Toxische Männlichkeit, queerer Subtext - Diese Filme passen

Wenn du auf raue deutsche Männerdramen mit queerem Subtext stehst, probier diese:

  • Freier Fall (2013) - Ebenfalls toxische Männlichkeit, aber diesmal mit explizitem schwulen Coming-out: Ein Polizist verliebt sich in einen Mann. Noch intensiver, noch schmerzhafter.

  • Fucking Åmål / Raus aus Åmål (1998) - Kein deutscher Film, aber auch über Gruppendruck und queeres Leben in der Provinz. Deutlich hoffnungsvoller als „66/67".

  • Systemsprenger (2019) - Kein queerer Film, aber ebenfalls schonungslos und roh. Wenn du die Energie von „66/67" magst, wirst du das lieben.

Die Regisseure Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser haben seitdem hauptsächlich für TV gearbeitet, darunter Märchenverfilmungen wie „Zwerg Nase" (2021) - weit weg vom Hooligan-Milieu, aber handwerklich solide.

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