Wenn queeres Kino über Sexarbeit spricht, wird es schnell romantisch oder moralisch. Regisseur Scud gilt wegen seiner kontroversen Stoffe und expliziten Formsprache als einer der aufregendsten queeren Filmemacher Asiens, und sein Film Adonis aus dem Jahr 2017 ist beides nicht: Er ist radikal, explizit und verweigert einfache Antworten. Für schwule Zuschauer, die sich mit den Schattenseiten queerer Existenz auseinandersetzen wollen, ist das ein seltener Stoff - schonungslos, aber auch seltsam zärtlich.
Yang Kes Fall: Opernstar und Sexarbeiter
Yang Ke ist ein Operndarsteller aus Peking. Weil er dort keine Arbeit findet, lässt er sich in die Unterwelt Hongkongs treiben. Unter dem Pseudonym Adonis dreht er Schwulenpornos und verdingt sich als Sex Worker für einflussreichen Kunden, denen er jeden noch so ausgefallenen Wunsch erfüllt. Der Film zeigt in nicht-linearer Erzählweise, wie Yang Ke sich immer tiefer in ein Leben aus körperlicher und seelischer Ausbeutung verstrickt - er wird zum begehrten Objekt, verliert aber zunehmend sich selbst.

Bis er einen Ausländer kennenlernt und mit ihm seine erste richtige Liebe erlebt. Zusammen wollen sie das Land verlassen. Doch dann holt die Vergangenheit Adonis ein. Was das genau bedeutet, wird bewusst offengelassen - Scud arbeitet stark mit buddhistischer Symbolsprache, mit Motiven von Karma, Reinkarnation und Lebenszyklen. Die Geschichte ist nicht-linear erzählt und deckt viele Jahre im Leben von Adonis ab. Volle Konzentration ist nötig, um die Geschichte zu verstehen.
Der internationale Titel lautet übrigens Thirty Years of Adonis - er bezieht sich auf das chinesische Sprichwort, dass man mit 30 im Leben stehen sollte. Yang Ke ist genau in diesem Alter, als er seinen Traumberuf verliert und seine Existenz neu erfinden muss.
Pornografie als Kunstform - Scuds radikalste Vision
Sein Film „Adonis" ist zugleich sein radikalster: Er kombiniert die berührende sexuelle Erweckungsgeschichte eines jungen Mannes von makelloser Schönheit mit drastischen pornographischen Motiven und buddhistischer Symbolsprache. Was 2017 provozierte, wirkt 2026 immer noch ungewöhnlich: Scud zeigt männliche Sexualität ohne Scham, aber auch ohne Glamour. Der Film zeigt vollständige männliche Nacktheit in mehreren Szenen, und es gibt viele explizite Sexszenen. Das ist keine Pornografie, sondern Teil des künstlerischen Konzepts - die Kamera ist gleichzeitig distanziert und intim.
Was den Film aus heutiger Sicht besonders macht: Er romantisiert Sexarbeit nicht, verurteilt sie aber auch nicht. Yang Ke ist weder Opfer noch Held, er ist ein Mensch, der versucht zu überleben und gleichzeitig nach Liebe sucht. Die Sexszenen sind da, um den Film kommerziell zu machen, aber sie lenken nicht von den tiefen Subplots über die Bedeutung des Lebens, Reinkarnation und Karma ab. Das ist intellektuell fordernd, visuell opulent und emotional anstrengend.
Triggerwarnung: Der Film zeigt sexuelle Gewalt, Ausbeutung und selbstzerstörerisches Verhalten. Wegen seiner Darstellungen unsimulierter sexueller Aktivität, Nacktheit und Themen männlicher Sexarbeit erhielt der Film in Hongkong die Category III-Klassifizierung, die strengste Altersbeschränkung. Wenn du mit expliziten Darstellungen von Sex und Machtmissbrauch Schwierigkeiten hast, ist das vermutlich nicht der richtige Film für dich.
Salzgeber Streaming, DVD und Blu-ray im Shop
- Salzgeber Club bietet den Film im kostenpflichtigen Streaming an - Salzgeber ist der deutsche Verleih, der Scuds Filme seit Jahren ins Kino bringt.
- DVD und Blu-ray sind über den Salzgeber-Shop und Amazon erhältlich. Achtung: Manche internationalen Versionen haben laut Käufer-Rezensionen keine deutschen oder englischen Untertitel, achte beim Kauf auf die Region-Angaben.
- Auf den großen Streaming-Plattformen (Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, Mubi) war der Film Stand April 2026 in DACH nicht verfügbar.
Scuds queere Filmreihe: Amphetamine bis Utopians
Wenn dich Scuds radikaler Blick auf queeres Leben interessiert, schau dir seine anderen Werke an: Amphetamine (2010), Voyage (2013) und Utopians (2015) sind ebenfalls in Deutschland erschienen und kreisen um ähnliche Themen - Begehren, Identität, Ausbeutung.
Thematisch verwandt, aber formal ganz anders: Lan Yu (2001, Stanley Kwan) erzählt ebenfalls von schwuler Sexarbeit in China, ist aber deutlich zugänglicher und weniger explizit. Happy Together (1997, Wong Kar-wai) bleibt der Klassiker des hongkonger queeren Kinos - emotional ebenso intensiv, aber poetischer.
Und wenn dich die Verbindung von expliziter Sexualität und spiritueller Sinnsuche fasziniert: Stranger by the Lake (2013, Alain Guiraudie) aus Frankreich geht einen ähnlich kompromisslosen Weg, nur mit mehr Hitchcock als Buddha.
