Statistisch betrachtet müssten in den 36 Profi-Clubs der deutschen Bundesligen rund 45 bis 150 schwule Spieler kicken. Tatsächlich gibt es keinen einzigen aktiven, offen schwulen Fußballer. Auch in Österreich, England, Spanien oder Italien sieht es kaum anders aus. Während sich bei den Olympischen Winterspielen 2026 mindestens 50 offen queere Athlet:innen qualifizierten - ein Rekord, verglichen mit 36 in Peking 2022 und 15 in Pyeongchang 2018 -, bleibt der Männerprofifußball ein Raum des Schweigens.
Die Kabine als Testosteron-Zone: Warum Schwulsein nicht ins Bild passt
In der Kabine trieft Testosteron. Sprüche, die von eigener Männlichkeit zeugen sollen, werden gerissen. Homophobe oder frauenfeindliche Sprüche gehören oft dazu. Homosexualität passt nicht in dieses Schwarz-Weiß-Denken. Es geht darum, sich nicht angreifbar zu machen. Kicker seien selten Kumpels, sondern Kontrahenten. Es geht um Rangordnungen und Alpha-Männchen. Der österreichische Amateurspieler Oliver Egger - bis heute der einzige offen schwule Fußballer Österreichs - berichtete, wie seine Mitspieler ein schwaches Zuspiel einen „schwulen Pass" nannten und der Trainer forderte, nicht zu attackieren „wie die Warmen".
Mehrere Fußballprofis betonten gegenüber der Wiener Zeitung: Wer eine Angriffsfläche biete, riskiere seine Karriere. Sponsoren, Fankultur, Boulevardmedien - all das schwingt mit. Die Angst vor dem Absturz ist real.
Das gescheiterte Gruppen-Coming-out: Große Ankündigung, null Ergebnis
Ein Gruppen-Coming-out im Profifußball sollte am 17. Mai 2024 stattfinden, dem Internationalen Tag gegen Homophobie. Das hatte der schwule Ex-Jugendnationalspieler Marcus Urban angekündigt. Im Rahmen der Kampagne „Sports Free" sollten Profifußballer gemeinsam ihr Queersein öffentlich machen. Am 17. Mai brach die Webseite unter den vielen Aufrufen zusammen. Zu viele wollten zusehen, wie Geschichte geschrieben wird. Doch dann passierte nichts. Kein einziger Fußballer nutzte die Gelegenheit.
Die Antidiskriminierungsbeauftragte der österreichischen Sportinitiative „Fairplay", Nikola Staritz, sieht ein Gruppen-Coming-out „kritisch". Es werde „mit Sensationslust nach bekannten schwulen Fußballern gesucht und diesen eine Bringschuld zugeschoben", kritisierte sie. Auch die Initiative selbst war umstritten: Die Aktion wurde als Alleingang kritisiert - und der Termin als unpassend. Vor der anstehenden Europameisterschaft würde kein Spieler freimütig erklären, auf Männer zu stehen.
Frauenfußball: Ein komplett anderes Klima
Der Kontrast ist krass. Homosexualität beim österreichischen Frauenfußballteam sei ganz normal und viel offener als beim Männerfußball gelebt, sagt die deutsche Spielerin Jennifer Klein. Im Frauenfußball fordern wir kein Coming-out, weil jede Frau so im Team anerkannt ist, wie sie ist, nach dem Motto: Leben und leben lassen. Die österreichische Fußball-Superstar Viktoria Schnaderbeck, einst für Bayern München und Arsenal aktiv, postet Fotos von ihrer Hochzeit und ihrer schwangeren Frau. Niemand stört sich daran.
Warum? Die Fankultur beim Frauenfußball ist kleiner und familiärer als beim Männerfußball, wodurch es den Frauen oft einfacher macht als lesbische Fussballspielerinnen zu leben. Die brutale Hierarchie, das toxische Männlichkeits-Theater - das spielt dort weniger eine Rolle.
Was bringt Veränderung? Nicht nur ein Coming-out
Einzelne Outings sind zwar wichtig, um das Thema zu diskutieren. Um aber breite Akzeptanz dafür zu schaffen, dass es völlig egal ist, welche sexuelle Orientierung ein Sportler hat, müssen die Vereine und Verbände noch einiges tun. Das beginnt ganz banal in der Ausbildung, dass zum Beispiel Trainer von Diskriminierungs- und Integrationsthematiken hören. Die könnten dann Werkzeuge in die Hand bekommen, um damit umzugehen.
Das österreichische Projekt „Anti-Diskriminierung: Homosexualität im Burschen- & Männerhandball", das vom Bundesministerium gefördert wird, erzielt Bewusstseinsbildung und Enttabuisierung des Themas, einerseits im Kinder- und Jugendbereich, andererseits bei den Mannschaften der ersten und zweiten Liga. Solche strukturellen Ansätze braucht es auch im Fußball - und nicht nur die Erwartung, dass Einzelne ihren Kopf hinhalten.
Selbst die Beratungsstelle „Gay Players Unite" rät dringend davon ab, dass Spieler allein und ungeplant von ihrer Homosexualität berichten. Die Konsequenzen seien nicht abschätzbar. Die Dramatik wird deutlich, wenn man an den ersten geouteten Fußballprofi, den Engländer Justin Fashanu, denkt. Acht Jahre nach seinem Coming-out 1990 beging er Suizid.
Was du tun kannst - auf und neben dem Platz
Wenn du selbst Fußball spielst - egal ob im Verein oder nur mit Freunden: Hör hin, wenn „schwul" als Schimpfwort benutzt wird. Du musst keine große Rede halten, aber ein kurzes „Lass das" oder „Was soll der Scheiß?" kann schon einen Unterschied machen. Zivilcourage auf den Tribünen und in der Kabine stoppt homophobe Sprüche.
Falls du selbst schwul oder bi bist und im Sport aktiv: Du schuldest niemandem ein Coming-out. Weder deinem Team, noch den Medien, noch „der Community". Dein Tempo, deine Entscheidung. Wenn du aber darüber nachdenkst, hol dir Unterstützung. Beratungsstellen wie mannigfaltig.de (queere Beratung in Deutschland) oder die Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien können helfen, wenn du nicht weißt, wie du es angehen sollst.
Ein Großteil der Bundesliga-Clubs beherbergt inzwischen queere Fan-Clubs, die auch mal sichtbar in die Choreo auf den Rängen eingebunden sind. In einem offenen Brief unterstützen zahlreiche Fangruppierungen Coming-Out-Pläne der Profi-Fußballer. An der Basis bewegt sich etwas - langsam, aber erkennbar. Bis das auch in den Profietagen ankommt, wird es noch dauern. Aber Schweigen ändert nichts.
