Verstohlene Blicke unter der Dusche, athletische Körper in knappen Badehosen, ein Teenager, der genau weiß, was er will - und ein Lehrer, der nicht weiß, was mit ihm passiert. „Ausente" ist der zweite Spielfilm des argentinischen Regisseurs Marco Berger aus dem Jahr 2011, und er hat damals nicht umsonst den Teddy Award für den besten queeren Spielfilm auf der Berlinale gewonnen. Der Film ist ein beklemmender Psychothriller, der dich an Stellen berührt, an denen du vielleicht gar nicht berührt werden willst - und genau das macht ihn so stark.
Martín entdeckt seine Begierde - und verliert die Kontrolle
Der 16-jährige Martín steckt mitten in der Pubertät und merkt ziemlich schnell, dass ihn männliche Oberkörper mehr interessieren als die seiner Mitschülerinnen. Er will seine homoerotischen Gefühle ausleben und sucht sich dazu seinen Schwimmlehrer Sebastián aus, einen verlobten Mann Anfang 30, der eigentlich ein ganz normales, geregeltes Leben führt.

Filmstill: Martín (Javier De Pietro) im Schwimmbad - verstohlene Blicke und viel mehr.
Martín ist dabei alles andere als schüchtern. Er schwimmt nicht mehr, behauptet etwas im Auge zu haben, lässt sich von Sebastián zum Arzt fahren - und schafft es so, dass er bei ihm übernachten muss, weil seine Oma nicht zu Hause ist. Was folgt, ist eine Nacht voller Spannung, in der Martín immer wieder die Grenze testet: Er läuft nur mit Handtuch bekleidet an der offenen Wohnungstür vorbei, liegt halb nackt auf der Couch, macht unmissverständliche Angebote. Sebastián wehrt sich, ist verwirrt, versucht zu schlafen - und beginnt gleichzeitig, seine eigene Sexualität in Frage zu stellen.

Sebastián durchschaut das Spiel schließlich und sieht sich nun mit seinen eigenen Gefühlen und Begehrlichkeiten konfrontiert. Doch der Film zeigt nicht einfach eine Coming-out-Geschichte oder eine verbotene Liebe - er zeigt Manipulation, Macht, Obsession. Und er lässt dich am Ende ratlos zurück mit der Frage: Wer ist hier eigentlich Opfer, und wer Täter?
Warum Bergers Psychothriller heute noch verstört
„Ausente" ist kein Feel-Good-Film. Er ist auch kein klassisches Coming-out-Drama, in dem am Ende alles gut wird. Der Film von Marco Berger ist kein Drama einer homosexuellen Schüler-Lehrer-Beziehung, sondern provoziert unterkühlt Erwartungen: ein Thriller der erotischen Ambivalenz und Bedrohung. Das macht ihn besonders - aber auch schwer verdaulich.

Was „Ausente" von vielen queeren Filmen unterscheidet: Er romantisiert nichts. Die Macht-Dynamik zwischen dem minderjährigen Schüler und dem Lehrer wird nicht ausgeblendet, sondern ist das Zentrum des Films. Berger baut einen erotisch-sexuellen Spannungsbogen auf, der unter die Haut geht, und er arbeitet dabei vor allem mit Schweigen, Blicken, Andeutungen - nicht mit Dialogen. Das wirkt heute, 15 Jahre nach Erscheinen, immer noch frisch, weil so viele aktuelle Filme zu viel erklären wollen.
Gleichzeitig muss man klar sagen: Der Film bewegt sich in einem moralischen Graubereich, der nicht für jeden geeignet ist. Die Darstellung der Verführung eines Lehrers durch einen Minderjährigen kann triggern - vor allem, wenn du selbst Erfahrungen mit Machtmissbrauch gemacht hast. Berger lässt die Frage offen, wer hier wen manipuliert, und das kann unbequem sein. Aber genau das ist auch der Punkt: „Ausente" zeigt queeres Begehren nicht als saubere, politisch korrekte Erzählung, sondern als etwas Komplexes, manchmal Dunkles.

Sebastián (Carlos Echevarría) - zwischen Pflicht und Verlangen.
Apple TV & Amazon: So streamst du Ausente
Die gute Nachricht: Du kannst „Ausente" (internationaler Titel: „Absent") bei Apple TV und Amazon Video online leihen oder als Download kaufen. Die schlechte Nachricht: Ein Streaming-Abo, in dem der Film enthalten ist, gibt es aktuell in DACH nicht. Bei den großen Anbietern wie Netflix, Mubi oder Disney+ ist „Ausente" derzeit nicht verfügbar (Stand April 2026).
- Apple TV: Leihen oder kaufen (ca. 3,99-7,99 EUR)
- Amazon Video: Leihen oder kaufen
- DVD/Blu-ray: Auf DVD bei Videobuster oder Amazon verfügbar, teilweise auch über den Salzgeber-Verleih bestellbar
Falls du den Film physisch haben willst: Die DVD ist noch erhältlich, allerdings meist nur mit deutschen Untertiteln, nicht mit deutscher Tonspur.

Bergers queere Psycho-Klassiker danach
Marco Berger hat sich als Meister des queeren Psychothrillers etabliert. Falls dich „Ausente" packt, schau dir unbedingt auch diese Werke an:
- „Hawaii" (2013): Ebenfalls von Berger, ebenfalls argentin isch - ein deutlich ruhigerer, aber mindestens genauso intensiver Film über zwei Männer, die sich nach Jahren wiederbegegnen und ihre Vergangenheit aufarbeiten. Weniger Thriller, mehr Intimität.
- „Der Blonde" / „El Rubio" (2019): Noch ein Berger-Film, in dem ein junger Mann als Assistent bei einem Autor anheuert - und ein erotisches Spiel beginnt, das an „Ausente" erinnert, aber erwachsener ist.
- „Plan B" (2009): Bergers Debütfilm, in dem ein Mann plant, seinen Ex-Freund zurückzugewinnen, indem er dessen neuen Lover verführt. Klingt absurd, ist aber brilliant - und hat Bergers Karriere begründet.

„Ausente" ist kein leichter Film. Aber wenn du Lust auf queeres Kino hast, das nicht gefallen will, sondern verstören darf - dann ist er genau richtig. Berger traut sich, Fragen offen zu lassen, und das ist 2026 seltener denn je.
