Beach Rats - Coming-out, Coney Island und die Dunkelheit zwischen den Wellen

Ein Sommer auf Coney Island, zwischen Macho-Freunden, anonymen Chats und der Suche nach einem Leben, das sich richtig anfühlt. Eliza Hittmans düster-poetisches Porträt eines Teenagers im inneren Konflikt bleibt auch 2026 schonungslos präzise.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Beach Rats - Coming-out, Coney Island und die Dunkelheit zwischen den Wellen - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Trailer über YouTube - beim Abspielen werden Daten an Google übertragen.

Es gibt Coming-of-Age-Filme, die dir ein Happy End versprechen, und dann gibt es Filme wie Beach Rats - die dir zeigen, wie es sich anfühlt, wenn du nicht weißt, wer du bist, aber genau weißt, dass du es nicht sein darfst. Der Film aus dem Jahr 2017 erzählt von Frankie, einem Teenager aus Brooklyn, der seinen Sommer zwischen Strand, Drogen und nächtlichen Begegnungen mit Männern verbringt, die er in Chatrooms kennengelernt hat. Kein lauter Aufschrei, kein Drama mit Ausrufezeichen - nur die stille Zerrissenheit eines jungen Mannes, der in einer Welt aus toxischer Männlichkeit und sozialer Enge feststeckt.

Frankies zerreißendes Doppelleben an Coney Island

Frankie (Harris Dickinson) lebt am Rand von New York, an den heruntergekommenen Stränden von Coney Island. Sein Vater liegt im Sterben, seine Mutter will, dass er endlich eine Freundin findet, und seine Kumpels sind genau die Art von Typen, bei denen jedes falsche Wort gefährlich werden kann. Tagsüber hängt Frankie mit ihnen ab - raucht Gras, trainiert, treibt sich ziellos herum. Nachts sitzt er vor dem Computer und chattet mit älteren schwulen Männern. Dort, in der Anonymität des Internets, kann er offen über seine Wünsche sprechen. Nur dort.

Als er beginnt, sich mit diesen Männern zu treffen und in die Cruising-Bereiche am Flussufer vorzudringen, wird der Druck größer. Gleichzeitig versucht er, eine Beziehung mit Simone (Madeline Weinstein) aufzubauen - ein Mädchen, das ihn mag, aber das er emotional nicht erreichen kann. Frankie spielt eine Rolle, die ihm nicht passt, und je mehr er versucht, zwei Leben gleichzeitig zu führen, desto enger wird der Raum um ihn herum. Als seine Freunde sein Geheimnis zu entdecken drohen, eskaliert die Situation - und die Coming-of-Age-Geschichte wird zum brutalen Coming-out mit fatalen Konsequenzen.

Regisseurin Eliza Hittman erzählt das alles in gedämpften, körnigen 16mm-Bildern, die sich anfühlen wie ein Film aus einer anderen Zeit. Kein Zufall: Beach Rats erinnert formal an das radikale Außenseiter-Kino von Larry Clark, bleibt aber zugänglicher und weniger provokativ. Hittman gewann in Sundance 2017 den Preis für die beste Regie - und das zu Recht.

Neun Jahre später - warum Beach Rats 2026 noch verletzt

Neun Jahre nach seinem Erscheinen ist Beach Rats kein nostalgisches Zeitdokument, sondern ein erschreckend aktuelles Porträt darüber, was passiert, wenn queere Identität auf ein Umfeld trifft, das keine Abweichung von traditioneller Männlichkeit duldet. Der Film zeigt nicht die bunten Pride-Paraden oder die unterstützende Chosen Family, die viele queere Filme heute in den Vordergrund stellen. Stattdessen zeigt er Isolation, Selbsthass und die Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen - und genau das macht ihn so wertvoll.

Was Beach Rats von vielen aktuellen Coming-out-Geschichten unterscheidet: Hittman verurteilt Frankie nicht, aber sie verklärt ihn auch nicht. Sie zeigt einen jungen Mann, der gefangen ist - in seiner Klasse, seinem Umfeld, seiner Angst. Der Film ist leise, langsam, manchmal unbequem. Es gibt explizite Szenen, die manche Zuschauer als zu grafisch empfinden könnten, und das Ende ist offen, fast hoffnungslos. Wer einen Feel-Good-Film erwartet, ist hier falsch.

Aber wer verstehen will, wie es ist, wenn du in einem Umfeld aufwächst, das dir keine Rollenmodelle bietet - wenn du dich auf die Suche machen musst, ohne zu wissen, wonach - der findet in Beach Rats ein roh-ehrliches, visuell beeindruckendes Porträt. Triggerwarnung: Der Film enthält homophobe Gewalt, Drogenkonsum und eine Darstellung von Cruising, die nicht romantisiert ist.

Streaming-Check: Wo Frankies Geschichte digital läuft

Die Streaming-Situation für Beach Rats ist im deutschsprachigen Raum nicht einfach. Stand April 2026 gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Apple TV und Amazon Prime Video (Leihe/Kauf, kostenpflichtig) - auf beiden Plattformen kannst du den Film digital ausleihen oder kaufen, allerdings nicht im Abo.
  • DVD/Blu-ray über Salzgeber & Co. Medien (mit deutschen Untertiteln) - erhältlich bei Amazon, Thalia und in queeren Buchhandlungen wie Löwenherz in Wien.
  • Queer-Filmfestivals - Beach Rats läuft gelegentlich bei Retrospektiven queerer Independent-Kinos oder Events wie der Viennale (wo der Film 2025 nochmals gezeigt wurde).

Ein reguläres Streaming-Abo (Netflix, Mubi, Disney+) bringt dich hier leider nicht weiter. Wenn du den Film sehen willst, lohnt sich der Kauf oder die Leihe - zumal die Salzgeber-Edition ein Booklet mit Hintergrundinfos enthält.

Eliza Hittmans filmische Anatomie der Scham

Wenn Beach Rats dich packt, dann schau dir unbedingt auch Eliza Hittmans andere Arbeiten an:

  • Never Rarely Sometimes Always (2020) - Hittmans bislang gefeierter Film über eine Teenagerin, die für eine Abtreibung von Pennsylvania nach New York reist. Gewann den Silbernen Bären in Berlin und zeigt Hittmans Handschrift: leise, präzise, ohne Pathos.
  • It Felt Like Love (2013) - Hittmans Debütfilm über ein 14-jähriges Mädchen in Brooklyn, das versucht, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Ebenso ungeschönt und nah an den Figuren wie Beach Rats.
  • Moonlight (Barry Jenkins, 2016) - Ein weiterer essenzieller queerer Coming-of-Age-Film, der Männlichkeit, Identität und Schwarz-Sein in den USA verwebt. Poetischer, hoffnungsvoller, aber ebenso präzise in der Darstellung von Isolation.

Eliza Hittman arbeitet aktuell an ihrem vierten Spielfilm Motherlove, der sich um eine georgische Immigrantin in Brooklyn dreht - ein neues Thema, aber vermutlich mit der gleichen empathischen Genauigkeit, die ihre bisherigen Filme auszeichnet.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (© Salzgeber & Co. Medien / jeweiliger Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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