Ein Film über rechte Jugendgewalt, queere Einsamkeit im Alter und den nicht enden wollenden Schatten der NS-Zeit - das klingt schwer verdaulich, ist aber unbedingt sehenswert. „Blutsfreundschaft" aus dem Jahr 2009 ist ein verstörendes, ungeschöntes österreichisches Drama, das genau dort hinsieht, wo es wehtut: bei Neonazi-Gangs in Wiener Hinterhöfen und bei schwulen Männern, die von Kriegsschuld geprägt bleiben.
Axels Flucht zu Gustav: Als Neonazi bei einem schwulen Wäschereibesitzer
Der 16-jährige Axel (Harry Lampl) gehört einer Neonazi-Clique an und gerät nach einem brutalen Überfall auf eine soziale Einrichtung auf die Flucht. Er landet im Versteck beim 80-jährigen Gustav Tritzinsky (Helmut Berger), der eine Wäscherei in Wien betreibt und dort zurückgezogen mit seinem transsexuellen besten Freund Jacob lebt.
Gustav ist schwul und hat eine dunkelste Vergangenheit: In der NS-Zeit verriet er seine große Liebe an die Gestapo - eine Schuld, die ihn sein Leben lang nicht loslässt. Als Axel bei ihm auftaucht, erinnert der Junge ihn fatal an diesen verlorenen Geliebten. Tritzinsky deckt den Neonazi-Jungen, obwohl alles in ihm sich gegen dessen politische Überzeugungen sträubt. Zwischen Begehren, Schuld und antirassistischen Idealen gerät der alte Mann in einen inneren Konflikt.
Doch Axels „Freunde" finden heraus, dass ihr Kamerad bei einem schwulen Nazigegner Unterschlupf gefunden hat - und sind darüber alles andere als glücklich. Die Clique übt Druck aus, es kommt zu Gewalt, und die brüchige Beziehung zwischen Gustav und Axel wird zum Sprengsatz.
Warum Kerns politisches Meisterwerk 20 Jahre später brennt
„Blutsfreundschaft" ist kein leichter Film, aber ein wichtiger. Regisseur Peter Kern, der 2015 verstorben ist, hat hier ein zutiefst wienerisches, politisches Kino geschaffen, das Österreichs Umgang mit Rechtsextremismus und queerer Geschichte gnadenlos offenlegt. Kern selbst sagte, ihm sei wichtig gewesen, dass die Geschichte in Wien spiele - weil dort Neonazis und Ausländerfeindlichkeit oft unter dem Radar blieben.
Was den Film aus heutiger Sicht so wertvoll macht: Er zeigt queere Männer jenseits von Jugendromanzen und Coming-out-Geschichten. Stattdessen geht es um Einsamkeit im Alter, um unbewältigte Traumata und um die Frage, wie viel Schuld ein Mensch tragen kann. Gustav ist keine sympathische Figur - aber eine zutiefst menschliche. Helmut Berger spielt ihn als „old wise man who doesn't talk much", mit Zurückhaltung und Würde.
Gleichzeitig bleibt der Film brutal ehrlich, was das Milieu angeht: Neonazi-Gewalt wird nicht romantisiert oder psychologisiert, sondern als das gezeigt, was sie ist - zerstörerisch und gefährlich. Einige Szenen sind schwer auszuhalten. Trigerwarnungen: Gewalt, queerfeindliche Übergriffe, Tod.
Der Film ist nicht perfekt - manchmal wirken Dramaturgie und Inszenierung etwas ungeschliffen, das Budget war niedrig, die Ästhetik rau. „Don't expect top of the art cinematography", schrieb ein Kritiker damals - aber genau diese Ungeschliffenheit macht den Film auch authentisch. Er fühlt sich real an, nicht wie ein Festivalkunstwerk.
Vimeo, Salzgeber, DVD: So findest du Blutsfreundschaft
Leider ist „Blutsfreundschaft" aktuell nicht über die gängigen Streaming-Plattformen wie Netflix, Amazon Prime, Mubi oder die deutschsprachigen Mediatheken verfügbar (Stand April 2026). Der Film ist über Vimeo zum Leihen oder Kaufen erhältlich (Filmgalerie 451). Alternativ kannst du nach einer DVD suchen - einige Online-Händler führen den Film noch im Katalog.
Falls du Lust auf queeres österreichisches Kino abseits der Mainstream-Angebote hast, lohnt sich auch ein Blick auf Spezialanbieter wie den Salzgeber Club oder Plattformen wie Kino VOD Club, die Independent-Produktionen führen.
Kerns Vermächtnis: Filme über alte Queers und Österreichs Schatten
- Knutschen, Kuscheln, Jubilieren (1998, ebenfalls Peter Kern) - Kerns früherer Film über das Leben alternder schwuler Männer, radikal und zärtlich zugleich.
- Haider lebt - 1. April 2021 (2002, Peter Kern) - Eine bissige Polit-Satire gegen Jörg Haider und rechte Politik in Österreich, typisch Kern: provokant, Low-Budget, unbequem.
- Gossenkind (1992, Peter Kern) - Dokumentarisch anmutendes Porträt eines jugendlichen Strichers in Wien, roh und ehrlich.
