Du kennst das vielleicht: Nach Jahren in der Stadt, wo du endlich du selbst sein kannst, steht plötzlich eine Familienfeier an. Und die Frage ist nicht, ob du hingehst, sondern ob du stark genug bist für das, was dich dort erwartet. Genau darum geht es in „Close to You", dem ersten großen Kinofilm mit Elliot Page seit seiner Transition - und einem der ehrlichsten Filme über queeres Nach-Hause-Kommen der letzten Jahre.
Sam kommt nach Hause - vier Jahre später
Der Film aus dem Jahr 2023 erzählt von Sam, einem trans Mann, der seit vier Jahren in Toronto lebt und seine Kleinstadt Cobourg gemieden hat. Jetzt fährt er zum Geburtstag seines Vaters nach Hause - zum ersten Mal, seit er als Sam lebt. Die Angst vor dummen Kommentaren, vor Misgendering, vor dem ganzen emotionalen Theater sitzt tief.
Schon im Zug wird die Reise kompliziert: Sam trifft Katherine, eine alte Freundin aus der Highschool. Sie ist heute verheiratet, hat zwei Kinder - und hatte damals offenbar Gefühle für Sam, die nie ausgesprochen wurden. Die Begegnung reißt alte Wunden auf und bringt eine seltsame Nähe zurück, die beide nicht so recht einordnen können.
Zuhause angekommen, ist der Empfang herzlich. Sams Eltern geben sich sichtlich Mühe, alles richtig zu machen. Die Mutter entschuldigt sich sofort, wenn sie mal den falschen Namen benutzt. Aber die Anspannung ist spürbar - und als Sams Schwager anfängt, transfeindliche Sprüche zu lassen, eskaliert das Ganze. Sam muss sich entscheiden: Schluckt er es runter, wie so oft? Oder zieht er eine Grenze?
Ruhe statt Drama: Warum Close to You heute noch trifft
„Close to You" ist kein lauter Film. Er schreit nicht, er ringt nicht um Aufmerksamkeit. Stattdessen macht er etwas, das selten geworden ist: Er nimmt sich Zeit. Die Dialoge sind größtenteils improvisiert - Regisseur Dominic Savage und Elliot Page haben nur die Story festgelegt, den Rest haben die Schauspieler*innen selbst gefunden. Das merkst du in jeder Szene: Die Pausen, die Blicke, die halbfertigen Sätze - das alles fühlt sich echt an, nicht wie Drehbuch.
Was den Film auch 2026 relevant macht: Er zeigt trans Männlichkeit nicht als Problemfall oder als Inspirationsporno, sondern einfach als gelebte Realität. Sam ist weder Heiliger noch Opfer. Er ist verletzlich, manchmal kratzbürstig, manchmal unsicher. Elliot Page spielt das mit einer Intensität, die unter die Haut geht - vermutlich auch, weil er selbst co-produziert und die Story mitentwickelt hat.
Gleichzeitig hat der Film seine Schwächen: Die Nebenhandlung mit Katherine wirkt etwas konstruiert, die Chemie zwischen den beiden Darsteller*innen stimmt nicht ganz. Und wer auf große Plottwists wartet, wird enttäuscht. Aber genau das ist vielleicht der Punkt: Das Leben ist meistens keine Hollywood-Story. Manchmal fährst du nach Hause, es ist anstrengend, du hältst es durch - und dann fährst du wieder weg.
Triggerwarnung: Der Film zeigt Szenen mit Transfeindlichkeit, Misgendering und familiären Konflikten. Wenn du gerade selbst in so einer Situation steckst, kann das ziemlich nah gehen.
Netflix und Salzgeber - wo der Film läuft
- Netflix: Der Film ist seit November 2024 auf Netflix verfügbar - aktuell (Stand April 2026) noch streambar im Abo.
- DVD/Blu-ray: Erhältlich über Salzgeber (queerer Filmverleih in Deutschland), als DVD für rund 17 Euro oder zum Leihen bei Videotheken wie Videobuster und Verleihshop.
- Apple TV / Amazon: Digital zum Kaufen oder Leihen (Preise variieren, meistens um die 4-8 Euro für Leih-Optionen).
Nach Close to You: Filme über Heimkehr und Aussöhnung
Hier sind ein paar thematische Empfehlungen, die in eine ähnliche Richtung gehen:
- „Rückkehr nach Montauk" (2017) von Volker Schlöndorff: Auch kein queerer Film, aber ebenfalls über die Rückkehr in die Vergangenheit und die Frage, ob man alte Geschichten jemals abschließen kann.
- „A Fantastic Woman" (2017) von Sebastián Lelio: Oscargekröntes Drama mit Daniela Vega über eine trans Frau, die nach dem Tod ihres Partners um Anerkennung kämpft - emotional heftig, aber grandios gespielt.
- „Freak Show" (2017) mit Elliot Page als Produzent: Deutlich bunter und rebellischer, aber ebenfalls über queere Selbstbehauptung in feindlichem Umfeld.
- „Boy Meets Girl" (2014) von Eric Schaeffer: Leichterer Indie über eine trans Frau in einer Kleinstadt, die ihre erste große Liebe trifft - charmant und hoffnungsvoller als „Close to You".
