Closet Monster - Coming-out, sprechende Hamster und blutige Flashbacks

Stephen Dunns kanadisches Coming-of-Age-Drama aus 2016 mischt queere Selbstfindung mit surrealen Bildern und Body-Horror - ein Film, der zehn Jahre später noch immer anders ist als alles andere.

justboys-Redaktion

3 Min Lesezeit

Closet Monster - Coming-out, sprechende Hamster und blutige Flashbacks - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Stell dir vor, dein einziger Vertrauter ist ein Hamster. Mit der Stimme von Isabella Rossellini. Und er gibt dir bessere Ratschläge als alle Menschen um dich herum. Closet Monster, das Regiedebüt des Kanadiers Stephen Dunn aus dem Jahr 2016, ist kein gewöhnlicher Coming-of-Age-Film - er ist skurril, verstörend, zärtlich und blutig zugleich. Und genau deshalb lohnt er sich auch 2026 noch.

Oscars Welt zerbricht - Familie, Trauma, sprechende Hamster

Oscar ist acht, als seine Welt zerbricht: Die Eltern trennen sich, die Mutter verschwindet aus seinem Leben, der Vater ist ein liebevoller, aber emotional instabiler Bastler. Auf einem Friedhof wird Oscar Zeuge eines brutalen homophoben Hassverbrechens - junge Männer schlagen einen anderen Teenager mit Eisenstangen zusammen, verletzen ihn schwer. Die Reaktion seines Vaters auf die Nachricht: „Das war doch nur ein Schwuler." Dann der Blick zu Oscar, die Aufforderung, sich die Haare schneiden zu lassen. Ein Schnitt, im wahrsten Sinne.

Zehn Jahre später ist Oscar (Connor Jessup) ein scheuer, kreativer Teenager, der im tiefsten Provinzloch Neufundlands feststeckt. Er schminkt seine beste Freundin Gemma mit fantasievollen Horror-Makeups, träumt von einer Maskenbildnerschule weit weg von hier - und spricht nach wie vor mit Buffy, seinem Hamster. Der lebt erstaunlicherweise noch immer und dient als Projektionsfläche für all das, was Oscar nicht aussprechen kann: seine Angst, seine Scham, sein Begehren.

Filmstill bzw. Pressefoto zum Film

Als Oscar im Baumarkt auf Wilder (Aliocha Schneider) trifft, einen dauerkiffenden, verwegen attraktiven Typen mit Berliner Fernweh, gerät sein mühsam kontrolliertes Leben aus den Fugen. Die Zuneigung ist zart und dezent inszeniert, fast beiläufig - aber Oscar wird von innen zerrissen. Dunn übersetzt diesen inneren Kampf in blutige, surreale Horrorbilder: Oscars Körper rebelliert, eine imaginäre Eisenstange wächst aus seinem Bauch, die Trauma-Erinnerung manifestiert sich als körperlicher Schmerz.

Warum Closet Monster 2026 immer noch verstört

Closet Monster ist kein glattgebügeltes Netflix-Coming-out-Drama. Er ist rau, eigenwillig und traut sich, queere Selbstfindung als existenziellen Horror zu erzählen - ohne dabei kitschig oder prätentiös zu werden. Stephen Dunn montiert Erinnerungsfetzen, Traumsequenzen und Realität so ineinander, dass du nie ganz sicher bist, wo Oscars Fantasie endet und die Wirklichkeit beginnt. Das wirkt heute, zehn Jahre später, noch immer frischer als 90 Prozent aller queeren Jugendfilme.

Filmstill: Oscar und Wilder im Baumarkt

Filmstill: Oscar und Wilder im Baumarkt

Connor Jessup spielt Oscar mit einer Verletzlichkeit, die unter die Haut geht - und Aliocha Schneider gibt Wilder genau die richtige Mischung aus Coolness und emotionaler Ungreifbarkeit. Der Film nimmt sich Zeit für Zwischentöne: ein Kuss, der falsch ist, eine Berührung, die alles verändert, ein Blick, der mehr sagt als jeder Dialog.

Aber Vorsicht: Closet Monster zeigt explizit Gewalt (das Hassverbrechen auf dem Friedhof) und visualisiert Trauma durch drastische Body-Horror-Elemente. Wenn du mit grafischen Bildern oder internalisierter Homophobie schwer umgehen kannst, sei gewarnt. Der Film nimmt kein Blatt vor den Mund - und das ist gleichzeitig seine Stärke.

Filmstill aus dem Original-Magazinartikel

DVD und Blu-ray statt Streaming - so siehst du ihn

Leider ist Closet Monster aktuell auf keinem der großen Streaming-Dienste in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar (Stand April 2026). Die gute Nachricht: Der Film ist als DVD und Blu-ray über Amazon und andere Online-Händler erhältlich, meist zwischen 6 und 20 Euro. Der deutsche Verleih lief über Pro-Fun Media in Kooperation mit Salzgeber. Es lohnt sich also, die physische Version zu bestellen - oder bei queeren Filmfestivals wie dem Queersicht Festival (Bern) oder dem RAHM Festival (Wien) nach Retrospektiven Ausschau zu halten.

Nach Closet Monster: Raue Coming-of-Age-Filme wie Beach Rats

  • Beach Rats (2017, Eliza Hittman) - ebenfalls ein Coming-of-Age-Film über einen schwulen Teenager in einer Kleinstadt, allerdings realistischer und ohne fantastische Elemente.
  • I Killed My Mother (2009, Xavier Dolan) - Dunns Film wird oft mit Dolans Frühwerk verglichen: beide erzählen von queerer Adoleszenz mit visueller Verwegenheit und emotionaler Intensität.
  • Giant Little Ones (2018, Keith Behrman) - ein weiterer kanadischer Coming-of-Age-Film, der sich der Komplexität queerer Identität annimmt, ohne auf einfache Antworten zu setzen.
Filmstill aus dem Original-Magazinartikel

Stephen Dunn hat nach Closet Monster keine weiteren queeren Spielfilme gedreht - er arbeitete an Episoden der Queer as Folk-Neuauflage (2022) und der Anthologie-Serie Little America. Closet Monster bleibt damit sein einziger langer queerer Wurf - und ein verdammt guter.

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