Wenn ein junger Soldat sein Militärcamp verlässt, um einen verschollenen Bruder zu suchen, klingt das nach klassischem Drama. Doch „Das Nest" ist alles andere als klassisch: Die vierteilige Mini-Serie aus dem Jahr 2016 erzählt von queerer Solidarität, sexuellen Experimenten und einer alternativen Familie - kraftvoll, bunt und radikal zärtlich zugleich.
Brunos Flucht: Desertion und Brudersuche in Porto Alegre
Bruno, ein junger Soldat, desertiert von seiner Truppe, um in der brasilianischen Metropole Porto Alegre nach seinem Bruder Leo zu suchen. Die beiden haben sich jahrelang nicht gesehen, und von Leo fehlt jede Spur. Stattdessen lernt Bruno dessen Freunde kennen: die Barfrau Stella, die Party-Kids Iggy, Ariel und Kin und deren „Generalin" Marlene - eine Drag-Queen und Clubbesitzerin, die über ihre bunte Gang wacht.
Bruno lässt sich immer mehr auf das wilde Treiben der Gruppe ein: auf nächtliche Partys, sexuelle Experimente und lustvolle Exzesse, aber auch auf die merkwürdige Geborgenheit, die ihm seine neuen Freunde geben. Allmählich beginnt er, die Welt mit Leos Augen zu sehen - und dabei ist er seinem Bruder dichter auf den Fersen, als er glaubt.
Die vier Episoden à 26 Minuten - insgesamt 104 Minuten - wurden ursprünglich im brasilianischen Regionalfernsehen ausgestrahlt, bevor sie auf Queer-Filmfestivals weltweit Erfolge feierten. Regisseure Filipe Matzembacher und Marcio Reolon hatten 2015 bereits auf der Berlinale mit ihrem Road-Movie „Seashore" für Aufsehen gesorgt.
Neon-Intensität und queere Sichtbarkeit - was die Serie heute noch trifft
„Das Nest" ist ein visueller Rausch: kraftvoll leuchtende Neonfarben, verwackelte Handkamera-Aufnahmen und eine Ästhetik, die an Xavier Dolan erinnert, aber eine ganz eigene brasilianische Intensität mitbringt. Die Serie erzählt vom Entwurf einer Wahlfamilie, die keine Ausgrenzung kennt - ein Gegenentwurf zur machistischen Gewalt, die in Porto Alegres konservativen Kreisen herrscht.
Was die Serie besonders macht: Sie arbeitet mit Laien-Darstellerinnen und -Darstellern, die teils direkt von den queeren Straßenpartys Porto Alegres gecastet wurden. Das verleiht den Figuren eine Authentizität, die viele polierte Coming-of-Age-Produktionen vermissen lassen. Dabei ist „Das Nest" keine naive Feel-Good-Geschichte - die Serie zeigt auch Gewalt, Unsicherheit und den Preis, den queeres Leben in einem zunehmend konservativen Brasilien fordert.
Triggerwarnungen: Die Serie enthält explizite sexuelle Szenen, Gewaltdarstellungen und Themen rund um Desertion und familiäre Entfremdung. FSK 12, aber inhaltlich deutlich erwachsener.
Besonders relevant 2026: Die Regisseure Matzembacher und Reolon haben im Januar 2026 mit „Ato Noturno" (internationaler Titel: „Night Stage") ihren neuesten Film in die Kinos gebracht - ein queerer Thriller, der auf der Berlinale 2025 gefeiert wurde und ihre Handschrift weiterführt: Porto Alegre, Neon-Ästhetik, explizite Sexualität und die Spannung zwischen öffentlichem und privatem Leben.
DVD bei Salzgeber, Streaming-Lücke - so findest du Das Nest
- DVD: Die Serie ist als DVD über den Salzgeber-Shop erhältlich (portugiesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln). Auch bei Amazon oder über Videotheken wie Videobuster ausleihbar.
- Streaming: Aktuell kein reguläres Streaming-Angebot in DACH bekannt (Stand April 2026). Die französische Plattform UniversCiné bietet die Serie als VoD an, allerdings ohne deutsche Untertitel. Vimeo On Demand listet die integrale Serie, Verfügbarkeit für DACH sollte geprüft werden.
- Festivals/Kinos: „Das Nest" wurde in der Vergangenheit im Rahmen der Queerfilmnacht in über 20 deutschen Kinos gezeigt - lohnt sich, auf queere Filmfestivals oder Retrospektiven zu achten.
Von Matzembacher & Reolon: Seashore und verwandte Welten
Dann schau dir auch diese Filme an:
- Seashore (Beira-Mar) - das Spielfilmdebüt von Matzembacher und Reolon (2015), ein melancholisches Road-Movie über zwei junge Männer und unausgesprochene Gefühle.
- Tinta Bruta - ein weiterer Film der beiden Regisseure (2018), der die Grenzen zwischen Begehren und Gewalt auslotet.
- Ato Noturno - ihr aktueller Thriller (2026), der queeres Leben in Porto Alegre mit Suspense und Erotik verbindet.
- Esteros - argentinisches Coming-of-Age-Drama über wiedergefundene Jugendliebe und die Angst vor dem eigenen Begehren.
