Was macht einen queeren Coming-of-Age-Film aus? Für viele sind es heute laute Momente, Party-Szenen, Instagram-Ästhetik. Departure aus dem Jahr 2015 geht einen anderen Weg: leise, melancholisch, fast poetisch. Der Debütfilm des britischen Regisseurs Andrew Steggall erzählt vom 15-jährigen Elliot, der in einem spätsommerlichen Südfrankreich seine Sexualität entdeckt - und dabei langsam begreift, dass manche Abschiede unwiderruflich sind.
Elliot im Languedoc: Das Ende einer Ära
Elliot (Alex Lawther, bekannt aus The Imitation Game) reist mit seiner Mutter Beatrice (Juliet Stevenson) an ihr Ferienhaus im Languedoc. Es ist kein gewöhnlicher Sommerurlaub: Die Familie verkauft das Haus, die Ehe der Eltern zerbricht, und während Beatrice versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten, zieht sich Elliot zurück - in die Wälder, in seine Notizbücher, in die Lektüre von Proust. Er ist ein introvertierter Junge, der wirkt, als gehöre er eher in ein französisches Künstlerporträt aus den 1920ern als in die Gegenwart.
Dann begegnet er Clément (Phénix Brossard), einem jungen Franzosen, der am Stausee heimlich badet. Die Anziehung ist sofort da, aber Clément ist kein einfaches Crush-Objekt - er ist verletzlich, wütend, trägt eigene Lasten. Was folgt, ist kein klassischer Love-Plot, sondern eine zerbrechliche Annäherung zwischen zwei Jungs, die beide mit Verlust umgehen müssen. Gleichzeitig verschärft sich das Spannungsfeld zwischen Elliot und seiner Mutter, die selbst mit Einsamkeit und dem Ende ihrer Ehe ringt.
Der Film nimmt sich Zeit. Er beobachtet mehr, als dass er erklärt. Die Kamera bleibt oft still, die Dialoge sind sparsam, die Emotionen schwelen unter der Oberfläche. Departure ist keine Feelgood-Story - sondern eine sensible Studie darüber, wie sich queeres Begehren zum ersten Mal anfühlt, wenn rundherum alles zusammenbricht.
Stille queere Intimität - was 2026 noch bewegt
Über zehn Jahre nach seiner Premiere hat Departure nichts von seiner Eigenständigkeit verloren. Während viele aktuelle queere Coming-of-Age-Filme (zu Recht) auf Sichtbarkeit, Selbstbewusstsein und Community setzen, wählt Steggalls Film bewusst die Langsamkeit. Das kann manchmal anstrengend sein - manche Kritiker bemängelten die etwas prätentiösen Dialoge und die überlangen Unterwasser-Metaphern. Aber genau diese Sperrigkeit macht Departure auch interessant: Er zeigt queeres Erwachsenwerden nicht als bunten Trip, sondern als einsamen, oft schmerzhaften Prozess.
Besonders eindrucksvoll ist Alex Lawther, der Elliot mit einer Mischung aus Zartheit und innerer Anspannung spielt. Die Chemie zwischen ihm und Phénix Brossard trägt den Film, auch wenn ihre gemeinsamen Szenen nie explizit werden. Departure ist eher ein Film über das Unausgesprochene - und darüber, dass erste Liebe und erster Schmerz oft kaum voneinander zu trennen sind.
Triggerwarnung: Der Film behandelt familiäre Konflikte, emotionale Vernachlässigung und Tod (Clément hat eine schwerkranke Mutter). Es gibt keine expliziten Gewalt- oder Sexszenen, aber die emotionale Intensität kann belastend sein.
Streaming-Optionen: Amazon, Apple, Mubi & mehr
- Queer Cinema Amazon Channel (Abo-Streaming, im Rahmen des Prime-Abos zubuchbar)
- Amazon Video (Leihe ab ca. 3,99 €, Kauf ab ca. 7,99 €)
- Apple TV (Leihe/Kauf, Preise ähnlich)
- MagentaTV (Leihe/Kauf)
- AVA VOBB / AVA HBZ (kostenlos für Mitglieder öffentlicher Bibliotheken mit entsprechendem Zugang)
- DVD/Blu-ray bei Amazon erhältlich
Stand April 2026 ist Departure nicht bei Netflix oder Mubi verfügbar, aber dafür über mehrere legale Quellen zugänglich - vor allem über den Queer Cinema Channel bei Amazon Prime, der sich auf LGBTQ+-Filme spezialisiert hat.
Langsame Kino-Geschichten für danach
Wenn du auf stille, bildgewaltige queere Coming-of-Age-Geschichten stehst, die sich Zeit nehmen, probier diese:
- Call Me By Your Name (2017, Luca Guadagnino) - Der offensichtlichste Vergleich: Italien statt Frankreich, Sommer statt Herbst, aber dieselbe Melancholie und Sehnsucht.
- God's Own Country (2017, Francis Lee) - Härter, rauer, aber genauso emotional: Ein schwuler Farmersohn in Yorkshire verliebt sich in einen rumänischen Erntehelfer.
- Moonlight (2016, Barry Jenkins) - Poetisches Coming-of-Age-Drama über einen jungen Schwarzen schwulen Mann in drei Lebensphasen; ebenfalls sehr still und intensiv.
- Beach Rats (2017, Eliza Hittman) - Queeres Erwachsenwerden in Brooklyn, noch unbequemer und rauer als Departure, aber ähnlich eindringlich.
Departure ist kein Film für jeden Abend - aber wenn du Lust hast auf eine queere Geschichte, die nicht erklärt, sondern einfach ist, dann lohnt sich diese langsame, traurige und trotzdem hoffnungsvolle Reise durch einen südfranzösischen Spätsommer definitiv.
