Ein Schwimmbad in Bilbao, zwei 14-jährige Jungs, die sich erst zaghaft näher kommen - und dann eine drohende Abschiebung, die alles auf den Kopf stellt. „Der heimliche Freund" ist ein Film, der heute vielleicht dringender ist denn je: ein Coming-of-Age-Drama, das Rassismus, Flucht und queere Liebe in einem einzigen Schicksal zusammenführt, ohne dabei in Pathos zu verfallen.
Rafa und Rai: Ein Sommer voller Geheimnisse
Der Film aus dem Jahr 2014 ist der erste Langfilm des spanischen Regisseurs Mikel Rueda. Im Zentrum steht Rafa (Germán Alcarazu), ein introvertierter 14-Jähriger aus bürgerlichem Elternhaus, der eigentlich für seinen ersten Kuss mit einem Mädchen probt - doch dann küsst er Ibra (Adil Koukouh). Ibra ist unbegleitet aus Marokko nach Spanien geflüchtet und lebt in einem Flüchtlingsheim. Rafas Freundeskreis ist offen rassistisch, „Araber" sind dort unerwünscht - doch Rafa fühlt sich genau zu einem von ihnen hingezogen.
Die beiden Jungs treffen sich heimlich, erst am Schwimmbad, dann in verlassenen Ecken der Stadt. Zwischen ihnen entsteht eine emotionale Beziehung im Spannungsfeld zwischen Rassismus, drohender Abschiebung auf der einen Seite und erster Liebe sowie Homophobie auf der anderen. Als Ibra von den Behörden abgeschoben werden soll, fliehen die beiden gemeinsam. Sie verstecken sich vor der Polizei, vor Ibras zwielichtigen Bekannten aus der Drogenszene und vor Rafas Eltern - und erleben dabei ihre erste Liebe. Auf der Flucht.
Der Regisseur erzählt eine leise, gedämpfte Geschichte - ausgedehnte Schweigeszenen prägen den Film, denn die pubertierenden Jungs verbergen ihre Emotionen und schweigen lieber, als banal zu plaudern. Der Film springt in der Zeit vor und zurück, was manche Kritiker:innen als irritierend empfanden, aber genau diese fragmentierte Erzählweise spiegelt wider, wie überwältigend und chaotisch sich erste Liebe anfühlen kann - vor allem, wenn die ganze Welt gegen dich zu sein scheint.
Migration, Queerness, Abschiebung - ein Film von gestern, der heute spricht
„Der heimliche Freund" ist über zehn Jahre alt, aber er hat kaum an Aktualität verloren. Tatsächlich wirkt er heute, inmitten anhaltender Debatten über Migration, Abschiebungen und queere Rechte, fast prophetisch. Während viele neuere Coming-out-Filme in relativ sicheren, oft privilegierten Settings spielen, zeigt Rueda eine Realität, in der Liebe keine Garantie für ein Happy End ist - und in der strukturelle Gewalt (Rassismus, Asylpolitik, Homophobie) nicht einfach durch gute Absichten überwunden werden kann.
Der Film ist dabei nie voyeuristisch oder ausbeuterisch. Er zeigt Ibras Fluchtgeschichte nicht im Detail - "Du willst es nicht wissen", sagt Ibra zu Rafa, als der nachfragt - und respektiert damit die Würde seiner Figur. Stattdessen konzentriert sich Rueda auf die zarten Momente zwischen den beiden: beim Wasserpolo, beim gemeinsamen Rauchen, beim ersten Kuss. Mit spielerischen Montagen, einem Indiesoundtrack und warm leuchtenden Aufnahmen schafft der Film einen intimen Raum, in dem die beiden Jungs einfach Jungs sein dürfen - wenn auch nur für kurze Zeit.
Was den Film in Teilen gealtert wirken lässt: Die nichtlineare Erzählstruktur kann heute, wo wir an komplexere Serienformate gewöhnt sind, etwas unmotiviert wirken. Und manche Nebencharaktere - etwa Rafas bester Freund Guille, der womöglich selbst in Rafa verliebt ist - bleiben leider unterentwickelt. Dennoch: Die Authentizität der beiden Hauptdarsteller, die überwiegend Laienschauspieler sind, trägt den Film.
Triggerwarnung: Der Film zeigt rassistische Gewalt (ein Übergriff in einer Disko), Polizeigewalt im Kontext von Abschiebung sowie emotionale Belastung durch Outing und gesellschaftlichen Druck.
Queer Cinema, Salzgeber, DVD - alle Zugänge
- Queer Cinema (Amazon Channel) - im Abo streambar
- Amazon Video und Apple TV - als Leihe oder Kauf verfügbar
- Salzgeber Club - Video on Demand
- DVD mit deutschen Untertiteln bei Edition Salzgeber erhältlich (seit Oktober 2015); einen offiziellen Kinostart gab es in Deutschland nicht.
Nach „Der heimliche Freund" - Filme mit ähnlichen Konflikten
Wenn dich „Der heimliche Freund" berührt hat, könnten diese Filme ebenfalls für dich interessant sein:
- Tomboy (2011, Céline Sciamma) - Ein zehnjähriges trans Kind erkundet seine Identität in einem französischen Vorort; ebenfalls geprägt von langen, stillen Beobachtungen und großer Empathie.
- Western (2017, Valeska Grisebach) - Kein queerer Film, aber ein ähnlich sensibler Blick auf Männlichkeit, Fremdheit und die Unmöglichkeit von Zugehörigkeit in einem deutsch-bulgarischen Grenzkontext.
- Futur Drei (2020, Faraz Shariat) - Ein deutscher Film über einen jungen schwulen Mann iranischer Herkunft, der zwischen Queerness, Migration und Rassismus navigiert - thematisch eine direkte Fortsetzung von Ruedas Anliegen, nur zehn Jahre später und in Deutschland.
