Ein Internat, fernab jeder Zivilisation. Junge Männer aus betuchten Familien, die ihre eigenen Regeln schaffen. Und ein Mitschüler, der zum Opfer wird, weil er gestohlen hat. Was zunächst klingt wie eine weitere Coming-of-Age-Geschichte entpuppt sich als brutale Studie darüber, wie schnell aus Beobachtern Mittäter werden - und wie Macht, Gewalt und unausgesprochene Begehren ein toxisches Gemisch ergeben. Volker Schlöndorffs „Der junge Törless" aus dem Jahr 1966 ist bis heute einer der wichtigsten deutschen Filme über queere Identität und moralische Schuld.
Internat, Hierarchie, Gewalt - Börless im Kaiserreich
Der Film spielt im österreich-ungarischen Kaiserreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Thomas Törless ist Schüler an einem Elite-Internat, das vorwiegend von Söhnen wohlhabender Familien besucht wird. Die Hierarchien unter den Jugendlichen sind klar geregelt, basieren auf Geld, Macht und der Bereitschaft, andere zu erniedrigen.
Eines Tages wird der jüdische Mitschüler Basini beim Diebstahl erwischt - er hat Geld gestohlen, um seine Spielschulden zu begleichen. Doch anstatt ihn bei der Schulleitung zu melden, beschließen die beiden Klassensprecher Reiting und Beineberg, ihn zu erpressen: Basini soll ihr Sklave werden, ihnen bedingungslos gehorchen. Nachts wird er in eine versteckte Dachkammer gezerrt, wo sie ihn quälen, demütigen und sexuell missbrauchen.
Törless, der dritte im Bund, ist weder Anführer noch aktiver Täter - aber er ist dabei. Er beobachtet die Gewalt, fasziniert und abgestoßen zugleich. Ihm geht es weniger um sadistische Lust als um eine Art „wissenschaftliches" Interesse: Wie weit kann ein Mensch erniedrigt werden? Warum lässt Basini das alles über sich ergehen? Und was sagen Törless' eigene homoerotischen Gefühle über ihn selbst aus? Er sucht Klarheit über seine Identität - auf Kosten eines anderen Menschen.
Als die Gewalt eskaliert und die gesamte Klasse gegen Basini aufgehetzt wird, kann Törless seine Rolle als passiver Beobachter nicht mehr aufrechterhalten. Er verlässt das Internat, bevor die Wahrheit ans Licht kommt - ein Akt der Flucht, kein Akt des Mutes.
Wie ein 60er-Jahre-Film Mobbing 2026 erklärt
„Der junge Törless" ist über sechzig Jahre alt, in Schwarz-Weiß gedreht und basiert auf einem Roman aus dem Jahr 1906. Und trotzdem ist er heute relevanter als viele aktuelle queere Filme. Warum? Weil er keine einfache Coming-out-Geschichte erzählt. Er zeigt queeres Begehren nicht als Befreiung, sondern als Teil eines Systems aus Macht, Gewalt und Schuld - und trifft damit mitten ins Herz dessen, was toxische Männlichkeit auch 2026 noch ausmacht.
Schlöndorff inszeniert mit einer kühlen, distanzierten Kamera, die Hans-Werner-Henze-Musik klingt melancholisch und beklemmend zugleich. Der Film erklärt nichts, rechtfertigt nichts - er zeigt einfach, wie „ganz normale" junge Männer zu grausamen Tätern werden, ohne dass ihre Welt zusammenbricht. Das ist bis heute verstörend, weil es so realistisch ist.
Für queere Zuschauer ist der Film ein kompliziertes Erlebnis: Törless' homoerotisches Begehren wird nicht als etwas Positives gezeigt, sondern als Verwirrung, die ihn mit seiner Komplizenschaft ringt. Der Film ist nicht queerfeindlich - aber er ist auch nicht affirming im modernen Sinne. Er stellt unbequeme Fragen: Was machst du, wenn dein Begehren dich in moralische Grauzonen führt? Wann bist du Beobachter, wann Mittäter?
Triggerwarnung: Der Film zeigt explizit körperliche und sexuelle Gewalt gegen einen Jugendlichen. Die Szenen sind nicht voyeuristisch inszeniert, aber eindringlich. Wer mit Darstellungen von Missbrauch Schwierigkeiten hat, sollte das vorher wissen.
DVD statt Stream - so findest du Börless
- Aktuell ist „Der junge Törless" in keinem großen Streaming-Dienst in DACH verfügbar (Stand April 2026).
- Die DVD ist über Amazon und andere Händler erhältlich, oft als Teil der „Edition Deutscher Film" oder „Zweitausendeins Edition".
- Gelegentlich läuft der Film in Retrospektiven des Neuen Deutschen Films - etwa bei Filmfestivals wie der Berlinale oder speziellen Kino-Reihen zu Volker Schlöndorff.
- Wer Zugang zu Bibliotheks-Streaming-Diensten wie filmfriend hat, findet den Film dort manchmal im Katalog.
Klassiker mit ähnlicher Tiefenschärfe
Hier sind drei weitere Filme, die ähnliche Themen aus queerer Perspektive verhandeln:
- „Mädchen in Uniform" (1931) - Ein weiterer deutscher Internat-Klassiker, diesmal aus lesbischer Perspektive, mit ähnlich radikaler Kameraarbeit.
- „Les amitiés particulières" (1964) - Französisches Drama über verbotene Liebe in einem katholischen Jungeninternat, ebenfalls in Schwarz-Weiß.
- „Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975) - Ein weiterer Schlöndorff-Film, diesmal über Medienmacht und staatliche Gewalt - formal verwandt, thematisch ebenso radikal.
Volker Schlöndorff, der Regisseur, ist übrigens auch 2026 noch aktiv: Sein neuer Film „Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte" (basierend auf dem Roman von Jenny Erpenbeck) feiert im Mai 2026 bei den Filmfestspielen in Cannes Weltpremiere und soll im Oktober in die deutschen Kinos kommen. Wer nach „Der junge Törless" mehr von seinem strengen, literarisch geprägten Stil sehen will, sollte das im Hinterkopf behalten.
