Der verlorene Soldat - Erste Liebe im Kriegssommer 1945

Ein zwölfjähriger Junge aus Amsterdam verliebt sich 1945 in einen kanadischen Soldaten - dieser niederländische Film von 1992 erzählt eine queere Coming-of-Age-Geschichte, die heute kaum noch denkbar wäre.

justboys-Redaktion

3 Min Lesezeit

Der verlorene Soldat - Erste Liebe im Kriegssommer 1945 - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Es gibt queere Filme, die man heute so nicht mehr drehen würde - nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie Themen berühren, vor denen das Kino 2026 zurückschreckt. "Der verlorene Soldat" aus dem Jahr 1992 ist so ein Film: eine stille, melancholische Erzählung über erste Liebe, sexuelles Erwachen und Verlust, angesiedelt in den letzten Kriegsmonaten 1945 in den Niederlanden.

Jeroen im Kriegssommer: Amsterdam 1944

Amsterdam, 1944. Der zwölfjährige Jeroen wächst zwischen deutscher Besatzung und einer überforderten Mutter auf. Das Leben in der Stadt ist gefährlich geworden, Essen ist knapp. Wie viele städtische Kinder wird Jeroen aufs Land evakuiert - in ein friesisches Fischerdorf, wo die Bauernfamilien nicht wissen, was Rationierung bedeutet, und "satt werden" selbstverständlich ist.

Inmitten dieser liebevollen Pflegefamilie wächst Jeroen auf, umgeben von der zauberhaften Idylle Nordhollands. Als das Kriegsende naht, ziehen kanadische und amerikanische Befreier ins Dorf ein. Für Jeroen reduziert sich die Aufregung bald auf ein einziges Gesicht: den Soldaten Walt. Zwischen dem Jungen und dem jungen Mann entwickelt sich eine intensive, zärtliche Beziehung - eine, die von der Dorfgemeinschaft stillschweigend geduldet wird.

Doch so plötzlich, wie die Befreier kamen, verschwinden sie wieder. Jeroen bleiben nur eine Sonnenbrille und ein Foto von Walt, das beim Waschen versehentlich zerstört wird. Jahrzehnte später, in den 1980ern, holt der erwachsene Jeroen - inzwischen Choreograf - diese Erinnerung zurück. In Rückblenden lässt er die wenigen Wochen Revue passieren, die sein Leben geprägt haben.

Kerbosch' stille Poetik - was der Film bleibt

Regisseur Roeland Kerbosch hat den autobiografischen Roman des niederländischen Choreografen Rudi van Dantzig mit großer Zurückhaltung verfilmt. Der Film arbeitet mit langen, ruhigen Einstellungen, die an holländische Landschaftsmalerei erinnern - Winterlicht über Friesland, verregnete Sommer, Nebel über den Deichen. Diese visuelle Ruhe steht im Kontrast zur inneren Aufregung des Jungen, dessen erste große Liebe hier ohne Hysterie oder Moralisierung erzählt wird.

Was "Der verlorene Soldat" von vielen späteren queeren Coming-of-Age-Filmen unterscheidet: Es gibt hier kein Drama um Akzeptanz, keine Scham, kein Verstecken. Die Beziehung zwischen Jeroen und Walt wird von der Umgebung wahrgenommen und geduldet - ein bemerkenswerter Kontrast zu dem, was historisch realistischer gewesen wäre, aber auch zu dem Drama, das queere Filme heute oft brauchen, um erzählbar zu sein.

Wichtige Triggerwarnung: Der Film zeigt eine romantische und sexuelle Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. Diese Darstellung ist heute - zu Recht - hochumstritten und wird im Film selbst nicht problematisiert. Die Verfilmung ist nicht explizit, aber die Thematik ist klar. Wer mit diesem Thema nicht umgehen kann oder will, sollte den Film meiden.

Dass ein Film wie dieser 1992 noch möglich war und heute nicht mehr produziert werden würde, sagt viel über unsere veränderten gesellschaftlichen Maßstäbe - aber auch über die Komplexität von Erinnerung, Autobiografie und queerer Geschichte. Van Dantzigs Roman verarbeitet seine eigenen Erfahrungen; der Film behandelt sie als prägende, nicht als traumatische Erinnerung. Das ist für viele heute schwer auszuhalten - und genau deshalb ein historisches Dokument einer anderen Zeit und eines anderen Diskurses.

Streaming-Lücke: Wo es schwierig wird

Aktuell kannst du "Der verlorene Soldat" nicht im Streaming in Deutschland, Österreich oder der Schweiz legal ansehen (Stand April 2026). Auch auf den großen Plattformen wie Netflix, Amazon Prime Video, Mubi oder Apple TV+ ist der Film derzeit nicht verfügbar.

  • Die DVD ist nach wie vor über verschiedene Online-Händler erhältlich - unter anderem bei MediaMarkt, Saturn oder über internationale Anbieter wie Amazon.
  • Gelegentlich taucht der Film bei spezialisierten queeren Filmfestivals oder Retrospektiven auf - etwa beim OMG-Filmfest oder in Programmreihen zu LGBTQ-Klassikern.
  • Die DVD-Version bietet deutsche und englische Untertitel; der Originalton ist Niederländisch.

Stille Männlichkeiten - Filme danach

Wenn du nach ähnlichen queeren Filmen suchst, die queere Geschichte jenseits des üblichen Coming-out-Narrativs erzählen:

  • God's Own Country (2017) - Ebenfalls ein stiller, ländlicher queerer Film über eine unerwartete Beziehung, diesmal zwischen einem englischen Farmersohn und einem rumänischen Erntehelfer.
  • Maurice (1987) - James Ivorys Verfilmung des E.M. Forster-Romans über schwule Liebe im viktorianischen England - auch hier steht am Ende kein Tragödie, sondern ein leises Glück.
  • Brokeback Mountain (2005) - Wenn du die melancholische Erinnerungsstruktur magst: Ang Lees Western über zwei Cowboys und eine Liebe, die nie eine Chance hatte.

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