Es gibt Coming-of-Age-Filme, die dir klare Botschaften liefern, und dann gibt es solche wie "Die Qual der Liebe" - Filme, die dich mit mehr Fragen als Antworten zurücklassen. Das italienische Drama aus dem Jahr 1986 zeigt eine Beziehung zwischen einem jungen Lehrer und seinem Schüler, die weder eindeutig romantisch noch rein platonisch ist, und genau darin liegt seine verstörende Kraft.
Lorenzos gefährliche Nähe zu seinem Schüler
Lorenzo ist frischgebackener Lehrer und kommt voller Enthusiasmus von der Universität an eine Schule in der Nähe von Venedig. Mit seinem engagierten Unterricht begeistert er seine Schüler - besonders den dunkelhaarigen, zwölfjährigen Duilio, der seine Nähe sucht und ihm mit unschuldiger Bewunderung begegnet. Was zunächst wie eine harmlose Lehrer-Schüler-Beziehung wirkt, entwickelt sich allmählich zu etwas Komplizierterem: Lorenzo besucht Duilios Familie häufig, die beiden verbringen Zeit miteinander, und langsam verschwimmen die Grenzen.
Lorenzo selbst führt parallel eine Beziehung zu Cecilia, einer Frau in seinem Alter, doch die Gefühle, die Duilio in ihm auslöst, kann er nicht ignorieren. Als Duilios Stiefmutter die beiden erwischt und eine homosexuelle Beziehung vermutet, eskaliert die Situation. Die Familie unterbindet den Kontakt, und Lorenzo gerät in einen Gewissenskonflikt: Er wendet sich wieder Cecilia zu, doch als er später erneut von Duilios Familie eingeladen wird, lernt er dessen Schwester Adalgisa kennen, die ihrerseits Interesse an ihm zeigt - was Duilio tief verletzt.
Am Ende verlässt Lorenzo die Stadt, ohne Duilio ein Versprechen zu geben, dass sie sich wiedersehen. Der Titel bringt es auf den Punkt: Liebe wird zur Qual, wenn sie nicht sein darf - oder wenn man selbst nicht weiß, ob sie sein sollte.
Queere Grauzonengeschichten 2026 - ein Problemfilm?
Ehrlich gesagt: "Die Qual der Liebe" ist kein einfacher Film. Er stammt aus einer Zeit, in der queere Geschichten oft in Graubereichen angesiedelt wurden - und diese Geschichte ist problematisch. Die Beziehung zwischen einem erwachsenen Lehrer und einem Zwölfjährigen ist heute zurecht ein absolutes No-Go, und der Film selbst nimmt keine klare Position ein. Lorenzo wird nicht als Täter gezeichnet, aber auch nicht als unschuldiges Opfer gesellschaftlicher Normen. Stattdessen zeigt der Film die Verwirrung und die emotionale Qual aller Beteiligten - auch Duilios.
Was den Film dennoch sehenswert macht, ist genau diese Ambivalenz. "Die Qual der Liebe" bietet keine moralische Absolution und keine Happy-End-Lösung. Er zeigt, wie gesellschaftlicher Druck, eigene Unsicherheit und unterdrückte Sexualität Menschen in unmögliche Situationen treiben können. Der Film ist technisch in die Jahre gekommen - es handelt sich um eine Fernsehproduktion mit entsprechender Bild- und Tonqualität, und die schauspielerischen Leistungen sind mitunter hölzern. Aber thematisch bleibt er interessant als Zeitdokument einer Ära, in der queere Geschichten nur indirekt erzählt werden konnten.
Triggerwarnung: Der Film zeigt eine emotional belastende Beziehung mit einem Machtgefälle zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. Auch wenn es keine expliziten sexuellen Szenen gibt, ist die Dynamik für manche Zuschauer*innen verstörend.
DVD-Rarität: So findest du den Film
- Aktuell gibt es kein legales Streaming-Angebot für "Die Qual der Liebe" in DACH (Stand April 2026).
- Der Film erschien 2021 auf DVD bei cmv-Laservision (Teil der "Coming-of-Age Collection No. 30") und ist über den cmv-Shop oder Amazon als Import-DVD erhältlich.
- Die DVD enthält den Film mit deutschem und italienischem Ton sowie eine umfangreiche Bildergalerie und Trailer zu ähnlichen Titeln wie "You Are Not Alone" und "Prayers for Bobby".
Unbequeme Coming-of-Age-Filme mit Tiefgang
Wenn dich "Die Qual der Liebe" thematisch interessiert - also Coming-of-Age-Geschichten, die keine einfachen Antworten liefern -, könnten diese Filme etwas für dich sein:
- "You Are Not Alone" (1978): Dänischer Klassiker über die Freundschaft und erste Liebe zweier Jungen an einem Internat - ebenfalls problematisch aus heutiger Sicht, aber ein wichtiges Zeitdokument.
- "Maurice" (1987): James Ivorys Verfilmung des E.M. Forster-Romans über einen jungen Mann im England der Edwardianischen Ära, der seine Homosexualität entdeckt - deutlich reifer und politischer.
- "God's Own Country" (2017): Wenn du lieber etwas Zeitgemäßes suchst: Eine raue, ehrliche Liebesgeschichte zwischen zwei Männern auf einer Farm in Yorkshire - ohne Kitsch, mit echten Konflikten.
