Was macht man, wenn der eigene Vater ein stockkonservativer Nixon-Anhänger ist, die Mutter emotional unerreichbar wie die Berliner Mauer, und du merkst, dass du schwul bist? Dorian Lagatos aus einer verschlafenen Kleinstadt im Norden von New York weiß genau: Da hilft nur Flucht - aber erst mal muss er sein Coming-out überleben. Der Film aus dem Jahr 2004 wurde von Tennyson Bardwell geschrieben und inszeniert, und obwohl er über 20 Jahre alt ist, hat er nichts von seinem Charme verloren.
Dorian vs. Nicky: Zwei Brüder, zwei Leben
Dorian ist ein High-School-Senior, der merkt, dass er schwul ist, und beginnt schließlich, sich seinem Bruder Nicky gegenüber zu öffnen. Nicky ist das komplette Gegenteil: ein stipendiengewinnender Quarterback und Lieblingssohn des hetero-normativen und streitlustigen Vaters. Während Nicky auf dem Football-Feld glänzt, ist Dorian der sensible Außenseiter, der in praktischen Dingen eher unbegabt ist und vom Vater als permanente Enttäuschung wahrgenommen wird.
Dorian versucht alles, um mit seiner Sexualität klarzukommen: Er geht zum Therapeuten, beichtet beim Priester, hat seine erste intime Begegnung mit einem anderen schwulen Jugendlichen aus der Stadt. Doch die erlösenden Worte wollen ihm nicht über die Lippen kommen. Sein Bruder Nicky versucht sogar, ihn wieder "auf Mann zu trimmen" - Stimmtraining und Stripclub-Besuche inklusive. Als eine Stripperin namens Tiffany verspricht, Dorian "zu einem richtigen Kerl" zu machen, scheint er um sein Coming-out herumzukommen. Doch sein Körper sendet deutliche Signale, dass es so einfach nicht ist.
Schließlich outet sich Dorian seinem Vater - während er ein fuchsiafarbenes Shirt trägt - und wird nach einem surrealen Streit aus dem Haus geworfen. Dorian zieht nach New York City, die Stadt, die er liebt. Dort erlebt er eine Serie von Höhen und Tiefen: Er findet einen Freund, wird nach zwei Monaten ohne Grund abserviert, entwickelt eine Depression. Parallel dazu spitzen sich die Dinge zu Hause dramatisch zu - Nicky verliert sein Football-Stipendium, und der Vater stirbt an einem Herzinfarkt. Bei der Beerdigung sagt die Mutter, die sich endlich vom erdrückenden Einfluss des Vaters befreit hat, zu Dorian, dass sie es bereut, ihn nicht vor der Wut des Vaters geschützt zu haben.
Warum dieser Indie-Film 2026 immer noch besticht
„Dorian Blues" ist eine dieser unprätentiösen Indie-Komödien, die genau wissen, was sie sein wollen: kein perfektes Kunstwerk, sondern ein Film mit viel Herz. Mit launigen Farben und liebenswertem Humor feiert der Film die Kapriolen eines ganz normalen schwulen Teenager-Lebens, und anders als viele andere Teenie-Komödien dreht sich hier nicht alles um Sex, sondern ums Leben selbst.
Besonders Michael McMillian in der Hauptrolle ist eine Wucht: Er spielt Dorian mit einer Mischung aus Selbstironie, Verletzlichkeit und trotzigem Optimismus, die den Charakter zur perfekten - weil eben nicht perfekten - Identifikationsfigur macht. Seine Voice-over-Kommentare durch den Film sind melancholisch und witzig zugleich. Die Situationskomik funktioniert über weite Strecken brillant, etwa in den Therapiesitzungen, in denen Dorian einer mit weißem Stoff überzogenen Büste gestehen soll: "Vater, ich bin schwul" - und den Satz einfach nicht herausbekommt.
Was den Film auch 2026 noch sehenswert macht: Er zeigt Coming-out nicht als straighte Erfolgsgeschichte, sondern als holprigen Prozess mit Rückschlägen, absurden Momenten und echten Niederlagen. Dorian ist keine Heiligenfigur, sondern ein normaler Typ, der versucht, in einer Welt klarzukommen, die ihn nicht haben will. Das ist ehrlicher und berührender als viele glattpolierte queere Filme von heute.
Triggerwarnung: Der Film enthält Szenen von emotionalem Missbrauch durch den Vater, homophobe Sprache und Darstellungen von Depression. Wer mit diesen Themen sensibel umgeht, sollte das im Hinterkopf behalten.
Netflix & MagentaTV: So streamst du Dorian
- Bei MagentaTV kannst du "Dorian Blues" online leihen oder als Download kaufen.
- Der Film ist außerdem auf Netflix verfügbar - ein seltener Fall, dass ein queerer Indie-Film von 2004 dort noch im Katalog ist (Stand April 2026).
- Auf Amazon Prime Video ist der Film ebenfalls als Kauf- oder Leihoption erhältlich.
- Eine DVD-Version mit deutscher Synchronfassung ist nach wie vor über Amazon und andere Anbieter bestellbar.
Nach Dorian Blues: Deine nächsten Coming-of-Age-Favoriten
Wenn du „Dorian Blues" magst, probier diese Filme:
- Edge of Seventeen (1998) - Ein weiterer Coming-of-Age-Film, der in den 1980ern spielt und ähnlich unaufgeregt und ehrlich von schwuler Jugend erzählt.
- Beautiful Thing (1996) - Britische Coming-out-Geschichte aus einer Londoner Sozialbausiedlung, die mit viel Wärme und ohne Drama auskommt.
- C.R.A.Z.Y. (2005) - Kanadisches Drama über einen schwulen Teenager in einer konservativ-katholischen Familie der 1960er bis 80er Jahre - emotional intensiver, aber ähnlich familienfokussiert.
Regisseur Tennyson Bardwell drehte nach „Dorian Blues" 2011 noch „The Skeptic", einen Horrorthriller mit Zoe Saldana, der allerdings kein queeres Thema hat. Seitdem ist es still um ihn geworden - „Dorian Blues" bleibt sein queeres Vermächtnis und ein kleiner, aber feiner Beitrag zum schwulen Indie-Kino der 2000er.
