Was passiert, wenn du für deinen Freund in eine neue Stadt ziehst - und plötzlich allein dastehst? Wenn die Beziehung, für die du alles aufgegeben hast, nach ein paar Wochen einfach vorbei ist? Genau darum geht es in „Drifter", einem Film aus dem Jahr 2023, der einen Blick auf die queere Szene Berlins wirft, wie er ehrlicher kaum sein könnte.
Moritz in Berlin: Nach Jonas, vor sich selbst
Moritz ist 22 Jahre alt und gerade erst nach Berlin gezogen. Der Grund: sein Freund Jonas, bei dem er einziehen sollte. Doch was als gemeinsamer Neuanfang gedacht war, endet abrupt. Jonas macht nach kurzer Zeit Schluss - und Moritz steht plötzlich ohne Plan, ohne Wohnung und ohne Orientierung in der Großstadt da.
Zunächst findet Moritz Zuflucht bei Noah, einem älteren Mann Ende dreißig, der ein ruhiges Leben mit seiner Freundin und einem Pflegekind führt. Es entsteht eine zarte Intimität, doch bald merkt Moritz, dass diese Geborgenheit ihn eher einengt als befreit. Er verändert sein Äußeres, schneidet die Haare ab, trainiert im Fitnessstudio und taucht tiefer ein in die Berliner Partyszene - in eine Welt aus Techno, Ketamin, Speed und sexuellen Begegnungen ohne Grenzen.
In dieser Phase lebt Moritz all das aus, was er zuvor unterdrückt hat: sexuelle Fetische, Kinks, Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Er experimentiert mit seinem Körper, seiner Identität, mit Macht und Unterwerfung. Doch je weiter er sich in diese Exzesse stürzt, desto mehr verliert er sich selbst. Emotionale Entfremdung und Einsamkeit werden zu seinen Begleitern - bis ihm seine queeren Freunde helfen, wieder zu sich zu finden und zu erkennen, wer er wirklich sein möchte.
Kein Coming-out-Film - ein Ankommen in der queeren Szene
„Drifter" ist kein typischer Coming-out-Film, sondern zeigt ein zweites, viel komplexeres Ankommen: das Ankommen in der queeren Community selbst. Der Film aus dem Jahr 2023 verzichtet bewusst auf eine klare moralische Bewertung - er zeigt weder die Partyszene als reines Heilsversprechen noch als Absturz-Drama. Stattdessen zeichnet Regisseur Hannes Hirsch ein differenziertes, fast dokumentarisches Porträt einer jungen Generation schwuler Männer, die mit Körperbildern, verinnerlichten Idealen und Einsamkeit kämpft - auch in vermeintlich liberalen Umgebungen.
Was den Film besonders macht: Er nimmt sich Zeit für die Widersprüche. Moritz ist keine klar gezeichnete Figur mit festem Ziel, sondern eine Projektionsfläche, die verschiedene Lebensmodelle ausprobiert. Das macht „Drifter" zu einem modernen queeren Gegenentwurf zu formelhaften Erzählungen. Gleichzeitig ist der Film visuell stark - Kamerafrau Eli Börnicke fängt die Körperlichkeit der Berliner Szene ein, ohne sie zu glorifizieren oder zu verurteilen.
Triggerwarnung: Der Film zeigt explizite sexuelle Handlungen (der Film beginnt mit einer sehr direkten Szene), Drogenkonsum (Ketamin, Speed), emotionale Krisen und Momente der Selbstentfremdung. Wer mit diesen Themen gerade nicht konfrontiert werden möchte, sollte das im Hinterkopf behalten.
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Der Film lief 2023 auch auf mehreren queeren Filmfestivals (u.a. Melbourne Queer Film Festival) - falls du auf aktuelle Festival-Programme achtest, könnte „Drifter" dort wieder auftauchen.
Von Berlin zu Futur Drei - Diese Filme passen dazu
Wenn dich „Drifter" gepackt hat, könnten diese Filme ebenfalls interessant für dich sein:
- „Beach Boy" (2011) - Hannes Hirschs preisgekrönter mittellanger Film, der bereits queere Lebenswelten in Berlin einfing
- „Futur Drei" (2020) - Ein weiterer deutscher Film über queere Identität, Migration und die Suche nach dem eigenen Platz
- „Paris Is Burning" (1990) - Dokumentarfilm über die New Yorker Ballroom-Szene der 1980er, ebenfalls über Körperbilder, Community und Selbsterfindung
- „Weekend" (2011) - Ein britischer Film von Andrew Haigh über eine intensive Begegnung zweier Männer, die beide nach Orientierung suchen
