Ein Sommer der Liebe - Queeres Kino aus Chile, das die Sprache der Sehnsucht spricht

Zwei alte Freunde, ein heißer Sommer in Santiago, und die Frage: Wann überwinden sie endlich die letzte Hürde? Edwin Oyarces Coming-of-Age-Film von 2010 erzählt vom Begehren zwischen Männern - leise, poetisch, ohne große Gesten.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Ein Sommer der Liebe - Queeres Kino aus Chile, das die Sprache der Sehnsucht spricht - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Es gibt Coming-out-Filme, die dir alles erklären wollen. Und dann gibt es Filme wie „Ein Sommer der Liebe", die einfach nur zeigen - wie sich zwei Männer anschauen, wie Schweigen sich anfühlt, wenn es voller Bedeutung ist, wie der Sommer zu einem Raum wird, in dem alles möglich scheint.

Diego trifft seinen Schul­freund in Santiago wieder

Der Film aus dem Jahr 2010 - im Original „Otra película de amor" - spielt in Santiago de Chile, während eines dieser heißen Sommer, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Diego trifft zufällig seinen ehemaligen Schulfreund Sebastián wieder, und es dauert nicht lange, bis die beiden dort weitermachen, wo sie vor Jahren aufgehört haben: Sie werden unzertrennlich.

Sie flüchten gemeinsam vor ihren Familien, kiffen die Nachmittage durch, erzählen sich von ihren ersten sexuellen Erfahrungen. Sebastián lässt sich von Diego fotografieren, Diego betrachtet Sebastián beim Baden im Meer. Die Nächte sind heiß und schlaflos, Gespräche gehen unvermittelt in erotische Tagträume über. Und während die Sommerhitze über Santiago brütet, wird die Frage immer drängender: Wann überwinden die beiden endlich die letzte gemeinsame Hürde und gestehen sich ein, dass sie mehr als nur Freunde für einen Sommer sind?

Regisseur Edwin Oyarce erzählt diese Geschichte mit einer fast dokumentarischen Ruhe. Keine dramatischen Konflikte, keine großen Krisen - nur zwei junge Männer, die langsam begreifen, was zwischen ihnen ist. Der Film lebt von Blicken, von Berührungen, die eine Sekunde zu lang dauern, von Momenten, in denen das Unausgesprochene lauter ist als jedes Wort.

Geduld im Kino - was "Otra película de amor" 2026 noch kann

„Ein Sommer der Liebe" hat etwas, das vielen queeren Filmen heute fehlt: Geduld. Der Film nimmt sich Zeit, lässt die Kamera auf den Gesichtern der beiden Hauptdarsteller ruhen, vertraut darauf, dass du als Zuschauer*in selbst merkst, was hier passiert. Kein Voice-over erklärt dir Gefühle, keine Nebenhandlung lenkt ab. Es geht nur um Diego und Sebastián, um diesen einen Sommer, um diese eine Frage.

Gleichzeitig ist der Film ein Zeitdokument: Er zeigt Santiago aus der Perspektive junger, queerer Männer um 2010 - eine Stadt zwischen Aufbruch und Tradition, in der Homosexualität zwar nicht mehr unsichtbar war, aber längst nicht selbstverständlich. Diese Ambivalenz spürt man in jedem Frame: Die Jungs bewegen sich in einer Parallelwelt, sie erschaffen sich ihren eigenen sicheren Raum, fernab von Familie und Gesellschaft.

Aus heutiger Sicht wirkt die Ästhetik manchmal rau, fast low-budget - aber genau das macht den Film so ehrlich. Keine Hochglanzbilder, keine Instagram-Filter. Nur Sommer, Haut, Begehren. Allerdings: Der Film ist langsam. Wenn du Action oder klare Erzählbögen brauchst, wirst du hier nicht glücklich. Aber wenn du dich auf seine Atmosphäre einlässt, bekommst du etwas Seltenes: einen queeren Film, der nicht belehren will, sondern einfach nur da ist.

Eine Triggerwarnung gibt es nicht im klassischen Sinne - keine Gewalt, keine expliziten Traumata. Aber der Film zeigt Drogenmissbrauch (Cannabis) und thematisiert die Einsamkeit junger schwuler Männer, die sich selbst und ihr Begehren erst verstehen lernen müssen.

Streaming-Lücke: So findest du den chilenischen Klassiker

Hier wird es schwierig: „Ein Sommer der Liebe" ist aktuell (Stand April 2026) auf keinem der gängigen Streaming-Dienste in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar. Weder Netflix, Amazon Prime, Mubi noch die Mediatheken von ARD, ZDF, ORF oder SRF haben den Film im Programm.

  • Eine DVD-Version wurde in Deutschland über kleinere Anbieter vertrieben - vereinzelt taucht sie noch gebraucht bei Amazon oder Rebuy auf, ist aber nicht mehr regulär lieferbar.
  • Queer-Film-Festivals wie das Verzaubert Festival (Berlin) oder das OMG Queer Film Festival (Wien) zeigen gelegentlich chilenische Independent-Produktionen - es lohnt sich, die Programme im Auge zu behalten.
  • Manche Uni-Filmclubs oder queere Kulturzentren (z. B. Villa vida in Wien, SchwuZ Berlin) zeigen den Film im Rahmen von Latino- oder Queer-Cinema-Reihen.

Falls du den Film unbedingt sehen möchtest, lohnt sich eine Anfrage bei spezialisierten Verleihern für queeres Kino wie Edition Salzgeber - die haben oft Zugriff auf Kataloge, die nicht öffentlich streambar sind.

Langsame Sommerfilme mit ähnlicher Sinnlichkeit

Wenn „Ein Sommer der Liebe" dich packt, dann probiere auch diese Filme:

  • „Beach Rats" (Eliza Hittman, 2017) - Ebenfalls ein langsamer, atmosphärischer Coming-of-Age-Film über einen jungen schwulen Mann, der sein Begehren erst begreifen muss. Coney Island statt Santiago, aber die gleiche Intensität.
  • „Stranger by the Lake" / „L'inconnu du lac" (Alain Guiraudie, 2013) - Ein französischer Thriller über Begehren, Risiko und Sehnsucht an einem queeren Cruising-Spot am See. Visuell ähnlich reduziert, aber deutlich düsterer.
  • „The Wound" / „Inxeba" (John Trengove, 2017) - Ein südafrikanischer Film über queere Männlichkeit im Kontext traditioneller Initiationsriten. Ebenso ruhig erzählt, aber politisch aufgeladener.
  • Weitere Filme von Edwin Oyarce: Falls dich die chilenische Perspektive interessiert, schau dir „Tan inmunda y tan feliz" (2022) an - ein dokumentarisches Porträt, das Oyarces Blick auf queere Lebenswelten fortsetzt.

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