Ein rebellischer Junge, der von seinem Stiefvater in ein kirchliches Erziehungsheim abgeschoben wird. Was auf den ersten Blick nach einer Coming-of-Age-Geschichte klingt, ist in Wahrheit ein verstörender Blick auf eines der düstersten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte - und ein Film, der auch queeren Jugendlichen viel zu sagen hat, denn Freistatt zeigt schonungslos, wie schnell Unangepasstheit bestraft wird.
Wolfgang im Heim: Sommer 1968 zwischen Rebellion und Ausbeutung
Der Film aus dem Jahr 2015 von Regisseur Marc Brummund spielt im Sommer 1968. Während in den Städten Studenten gegen Autoritäten rebellieren und die sexuelle Revolution Fahrt aufnimmt, landet der 14-jährige Wolfgang (Louis Hofmann) in einer komplett anderen Welt: Sein Stiefvater Heinz schickt ihn gegen den Willen seiner Mutter in die Diakonie Freistatt, ein kirchliches Fürsorgeheim für "schwer Erziehbare" irgendwo im norddeutschen Moor.
Was anfangs nach strenger Ordnung aussieht, entpuppt sich schnell als brutales System aus Drill, Gewalt und Demütigung. Hausvater Brockmann, der sich nach außen als freundlicher Gärtner und Pädagoge gibt, herrscht mit harter Hand. Die Jungen müssen tagsüber im Moor Torf stechen - harte Zwangsarbeit, die als "Erziehung" verkleidet wird. Wer nicht spurt, wird geschlagen, isoliert, systematisch gebrochen. Die Mitschüler stehen nicht auf Wolfgangs Seite, sondern geben den Druck nach unten weiter. Hierarchien werden erbarmungslos durchgesetzt: Neue Autoritäten müssen als "Oberbruder" oder "Bruder" angesprochen werden, Widerstand wird hart bestraft.
Wolfgangs einziger Halt ist Anton, ein sensibler afrodeutscher Mitschüler, und die schüchternen Gespräche mit Brockmanns Tochter Angelika. Doch als die Sache auffliegt, eskaliert die Gewalt. Auch Erzieher Krapp, der sich um Milde bemüht, kann wenig ausrichten. Es kommt zum Aufstand der Jungen - doch der Preis ist hoch. An Heiligabend kulminieren die Ereignisse, Wolfgang muss erkennen, dass er selbst dabei ist zu verrohen. Mit Anton plant er die Flucht durch das gefrorene Moor.
800.000 Kinder - wie Freistatt Heimterror sichtbar macht
Freistatt basiert auf wahren Begebenheiten. Zwischen den 1950er und 1960er Jahren wurden mehr als 800.000 Kinder und Jugendliche in kirchlichen und staatlichen Heimen der Bundesrepublik misshandelt, als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und systematisch gebrochen - oft ohne besonderen Grund. Der Film verleiht diesem lange verschwiegenen Kapitel eine Stimme und zeigt, wie dünn die Grenze zwischen "Erziehung" und Missbrauch sein kann.
Was den Film aus queerer Perspektive relevant macht: Er erzählt von einem System, das Jugendliche bestraft, die nicht ins Schema passen. Wolfgang ist kein explizit queerer Charakter, aber seine Geschichte steht stellvertretend für alle, die als "anders", "unangepasst" oder "schwer erziehbar" galten - und dafür brutal sanktioniert wurden. Die Mechanismen, die der Film zeigt - Schweigen, Scham, die Unfähigkeit von Autoritäten, Gewalt zuzugeben -, sind für viele queere Menschen bis heute erschreckend vertraut.
Gleichzeitig ist Freistatt kein leichter Film. Er zeigt körperliche und psychische Gewalt, sexuellen Missbrauch wird angedeutet. Wenn du zu diesen Themen gerade sensibel bist, überlege dir gut, ob du dir den Film anschauen möchtest. Die Inszenierung ist dabei nie voyeuristisch, aber sie ist hart und lässt wenig Raum zum Durchatmen.
Auch fast elf Jahre nach Kinostart hat Freistatt kaum an Relevanz verloren. Der Film erinnert daran, dass Deutschland noch vor wenigen Jahrzehnten systematisch Kinder und Jugendliche misshandelt hat - und dass die Aufarbeitung erst spät begann. Für junge schwule und bisexuelle Männer, die sich heute fragen, wie es ihren Vorgängern in einem repressiven System erging, ist Freistatt ein wichtiges, wenn auch schmerzhaftes Dokument.
Queer Cinema, Amazon Video und Apple TV - alle Wege zu Freistatt
- Bei Queer Cinema Amazon Channel kannst du Freistatt im Abo streamen - passend, da der Film auch aus queerer Perspektive relevant ist.
- Bei Amazon Video und Apple TV kannst du den Film online leihen oder als Download kaufen.
- Auf filmfriend kannst du den Film kostenlos streamen (filmfriend ist ein Streaming-Dienst, den viele deutsche Bibliotheken ihren Mitgliedern kostenlos anbieten - check, ob deine Stadt dabei ist).
- DVD und Blu-ray sind über den Salzgeber-Shop und andere Händler verfügbar.
Brummund-Double: Ein Mann seiner Klasse schließt an
Wenn du mehr von Regisseur Marc Brummund sehen möchtest: 2024 hat er mit "Ein Mann seiner Klasse" die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Christian Baron inszeniert, die ebenfalls von schwierigen Familienverhältnissen und Klassismus erzählt.
Thematisch ähnliche Filme, die sich mit autoritären Systemen und dem Missbrauch von Macht auseinandersetzen:
- Die Welle (2008) - zeigt, wie schnell autoritäre Strukturen auch heute noch greifen können.
- Der Vorname (2018) - weniger hart, aber ebenfalls über die Nachwirkungen deutscher Geschichte in Familien.
- 120 BPM (2017) - aus queerer Perspektive ein Beispiel für Widerstand gegen ein System, das Jugendliche im Stich lässt (in diesem Fall während der AIDS-Krise).
