Was macht eine gute Liebesgeschichte aus? Dass du die Figuren verstehst? Dass du dich in ihnen wiederfindest? Oder dass sie dich zerrissen zurücklässt - irgendwo zwischen Unverständnis und einem Gefühl, das sich nicht wegleugnen lässt? Gerontophilia, der Film aus dem Jahr 2013 von Bruce LaBruce, ist genau so eine Geschichte. Lake, 18 Jahre alt, trägt ein goldenes Kreuz um den Hals und entdeckt, dass ihn alte Männer anziehen - richtig alte. Und dann verliebt er sich. In Melvin, einen 81-jährigen Altersheimbewohner, bettlägrig, sediert, abgeschoben. Eine Liebe, die alle Regeln bricht.
Lake und der alte Mann im Schwimmbad
Lake (Pier-Gabriel Lajoie) ist ein stiller, fast unschuldiger Junge, der gerade mal eine Freundin hat - Desirée, wild, hübsch, eigentlich perfekt. Doch als er im Schwimmbad einen verunglückten alten Mann per Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt und dabei eine Erektion bekommt, wird klar: Lake tickt anders. Nicht schwul im klassischen Sinne, sondern gerontophil - sexuell angezogen von alten Männern.
Er nimmt einen Job im Altersheim seiner kanadischen Heimatstadt an und lernt dort Melvin (Walter Borden) kennen: 81 Jahre alt, schwarz, ein Leben voller Kämpfe und Geheimnisse hinter sich. Lake setzt heimlich Melvins Psychopharmaka ab, und plötzlich kehrt die Lebensfreude zurück. Nackt spielen die beiden Gin Rummy in Melvins Zimmer, flirten, nähern sich einander an. Ein Sex-Play, das zugleich zärtlich und rebellisch ist - eine Zelebrierung der Schönheit des Alters, gegen die Unsichtbarkeit, die alte Menschen in Heimen erleiden.
Als ein gehässiger Pfleger Wind von der Sache bekommt, flüchten die beiden. Ein letzter Road-Trip im klapprigen Straßenkreuzer, Richtung Pazifik. Durch Motels, Bars, skurrile Begegnungen. Lake ist plötzlich eifersüchtig, Melvin hat Chancen, die Lake nicht erwartet hätte. Doch irgendwann tanzen sie eng umschlungen im roten Dämmerlicht - ein Moment, der nach Ewigkeit schmeckt.
Bruce LaBruce schreibt Liebesgeschichte statt Provokation
Bruce LaBruce, bekannt für provokante Queercore-Pornos wie L.A. Zombie und The Raspberry Reich, macht mit Gerontophilia etwas, das in seinem Werk fast radikal wirkt: Er erzählt eine romantische Liebesgeschichte. Ohne explizite Sexszenen im Bett, dafür mit umso mehr Zärtlichkeit und Humor. Das ist 2026 immer noch selten - ein Film, der gerontophile Begierde nicht pathologisiert, sondern einfach ernst nimmt.
Der Film ist gealtert, ja: Die Ästhetik wirkt indie-roh, manche Dialoge etwas hölzern, und die Darstellung von Altersheimen ist klischeehaft düster. Aber die Kernfrage bleibt aktuell: Wer darf wen lieben, und wer entscheidet, welche Begierde „normal" ist? Die Liebesgeschichte erweist sich als überraschend subtil, teilweise komisch und geradezu romantisch - und genau das macht sie so besonders.
Triggerwarnung: Der Film zeigt Altersheimverhältnisse, die verstörend wirken können (Zwangsmedikation, Vernachlässigung), und thematisiert explizit sexuelle Anziehung zu alten Körpern. Nichts davon ist exploitativ gemeint, aber wenn du sensibel auf Darstellungen von Pflegemissständen reagierst, sei gewarnt.
Netflix, DVD und Festival-Screenings im Check
- Netflix (im Abo, TV-MA, Kategorien: LGBTQ+ Movies, Romantic Comedy) - verfügbar in ausgewählten Regionen, prüfe die Verfügbarkeit in deinem Land
- DVD über Amazon.de bestellbar, auch gebraucht
- Gelegentliche Festival-Screenings (z. B. Queercore-Retrospektiven, Queer-Filmfestivals)
Stand April 2026 gibt es keinen permanenten Streaming-Link in der DACH-Region außerhalb von Netflix. Wer sichergehen will, bestellt die DVD.
Danach: Bruce LaBruces filmisches Universum
Hier sind drei weitere Werke, die thematisch oder stilistisch verwandt sind:
- The Visitor (2024) - Bruce LaBruces neuer Film, eine explizite Neuinterpretation von Pasolinis Teorema, lief im Februar 2024 bei der Berlinale und ist im Verleih von Salzgeber. Wer Gerontophilia mochte, wird hier die Rückkehr zu LaBruces expliziterer Bildsprache erleben.
- God's Own Country (2017) - Britisches Coming-of-age-Drama über einen jungen Farmer, der sich in einen Saisonarbeiter verliebt. Ähnlich rau, ähnlich zart.
- Weekend (2011) - Andrew Haighs Kammerspiel über ein intensives Wochenende zweier Männer. Unaufgeregt, ehrlich, ohne große Gesten.
