Wenn du mal einen Film sehen willst, der queeres Begehren zeigt, ohne es jemals laut auszusprechen - und dabei so elegant bleibt, dass es wehtut -, dann ist Gewalt und Leidenschaft genau richtig. Luchino Viscontis Film aus dem Jahr 1974 ist ein langsames, intensives Kammerspiel über einen älteren Mann, der sich gegen seinen Willen in einen jüngeren verliebt. Und nebenbei auch ein Abgesang auf eine Welt, die gerade untergeht.
Rom 1970er: Der Professor und sein Geheimnis
Der Film spielt im Rom der frühen 1970er-Jahre. Ein zurückgezogen lebender amerikanisch-italienischer Professor (gespielt von Burt Lancaster) verbringt seine Tage in einem prachtvollen Palazzo, umgeben von Gemälden des 18. Jahrhunderts und der Stille eines Mannes, der sich vom Leben längst verabschiedet hat. Seine einzige Gesellschaft ist seine Haushälterin - ansonsten: Kunst, Bücher, Erinnerungen.
Dann klingelt eines Tages die exzentrische Marchesa Brumonti (Silvana Mangano) an seiner Tür. Die vulgäre, laute Industriellen-Gattin will das leerstehende Obergeschoss mieten - für ihren deutschen Liebhaber Konrad Hübel (Helmut Berger). Konrad ist Anfang 30, war mal ein 68er-Student, ist dann in Kriminalität und Drogenszene abgerutscht und lebt jetzt als Gigolo auf Kosten der Marchesa. Zusammen mit deren Tochter Lietta und deren Verlobtem Stefano zieht eine lärmende, dekadente Clique in das obere Stockwerk ein.
Der Professor ist genervt, fasziniert, überfordert. Die Neuen renovieren lautstark, feiern Partys, haben Sex, streiten. Und Konrad - undurchsichtig, charmant, provokant - zieht den älteren Mann in seinen Bann. Der Professor beginnt, die chaotische Gruppe als seine „neue Familie" zu sehen. Er lädt sie zum Essen ein, deckt Konrad gegenüber der Polizei, lässt sich in politische Intrigen verwickeln. Zwischen ihm und Konrad entwickelt sich eine Beziehung, die irgendwo zwischen Vaterfigur, Mentor und unerfülltem Begehren oszilliert.
Als Konrads Vergangenheit ihn einholt und die politischen Verstrickungen der Marchesa-Familie eskalieren, endet alles tragisch: Konrad stirbt bei einer Gasexplosion - Selbstmord, Unfall oder Mord, das bleibt offen. Der Professor, nun schwer krank, liegt am Ende im Krankenhausbett. Was bleibt, ist Trauer und die Erkenntnis, dass die Kluft zwischen den Generationen unüberbrückbar war.
Queeres Kino ohne Hast - warum Visconti heute trifft
Viscontis Film ist über 50 Jahre alt, aber er hat etwas, das viele moderne queere Coming-of-Age- oder Coming-out-Geschichten nicht haben: Er traut sich, langsam zu sein. Es gibt keine explizite Liebesszene, kein Outing, kein dramatisches Geständnis. Stattdessen alles in Blicken, Gesten, in der Art, wie der Professor Konrad ansieht, wie er ihn pflegt, nachdem dieser zusammengeschlagen wurde. Die Homoerotik ist unterschwellig, aber allgegenwärtig.
Dass Visconti selbst schwul war und Helmut Berger sein damaliger Lebensgefährte, macht den Film zu einem sehr persönlichen Statement. Visconti, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und im Rollstuhl, inszenierte hier seine eigene Beziehung zu einem viel jüngeren Mann - und gleichzeitig den Abschied von einer Epoche. Der Film ist autobiografisch, melancholisch, manchmal bitter. Und gerade deshalb so ehrlich.
Gleichzeitig ist Gewalt und Leidenschaft auch ein politischer Film. Die 1970er-Jahre in Italien waren geprägt von Terror, Neofaschismus, den Roten Brigaden. Konrad, der Ex-68er, der seine Ideale verraten hat, steht symbolisch für eine gescheiterte Generation. Die Marchesa und ihr faschistischer Industriellen-Gatte für die korrupte Elite. Der Professor für das Bildungsbürgertum, das sich in seine Paläste zurückgezogen hat und die Welt nicht mehr versteht.
Der Film ist visuell umwerfend - jede Einstellung wie ein Gemälde, die Kostüme von Yves Saint Laurent und Fendi, die Innenausstattung des Palazzo ein Traum aus Samt, Gold und Stuck. Burt Lancaster spielt den Professor mit einer Zurückhaltung, die unter die Haut geht. Helmut Berger ist gleichzeitig verführerisch und manipulativ, ein Charakter, den man nicht durchschauen kann.
Trigger-Warnung: Der Film endet tragisch und thematisiert Selbstmord, Drogenmissbrauch und politische Gewalt. Außerdem wird queeres Begehren nie erfüllt - wer einen hoffnungsvollen queeren Film sucht, wird hier nicht fündig. Aber wer bereit ist für ein ernsthaftes, melancholisches Drama, bekommt eines der bewegendsten queeren Werke der Filmgeschichte.
Plex, DVD, Blu-ray - deine Optionen im April
- Kostenlos streamen: Der Film ist auf Plex Player und Plex Channel ohne Abo verfügbar (Stand April 2026).
- DVD/Blu-ray kaufen: Erhältlich über Amazon, Thalia, jpc.de und andere Online-Händler. Die restaurierte Blu-ray-Fassung von Donau Film bietet ein HD-remastered Bild und ein Interview mit Helmut Berger als Bonus-Material. Preise liegen bei etwa 14-20 Euro.
- Achtung: Bei den gängigen Streaming-Anbietern wie Netflix, Mubi, Amazon Prime Video oder Disney+ ist der Film aktuell nicht im Abo verfügbar.
Viscontis Obsessionen - drei Filme danach
Wenn dich Viscontis elegante, melancholische Erzählweise gepackt hat, schau dir auch diese Filme an:
- Tod in Venedig (1971, ebenfalls Luchino Visconti) - Viscontis andere große queere Obsessionsgeschichte, nach der Novelle von Thomas Mann. Ein alternder Komponist verliebt sich in einen schönen Jungen. Noch stiller, noch trauriger.
- Der Leopard (1963, Luchino Visconti) - Wenn du die opulente Ausstattung und Burt Lancaster liebst: Viscontis Meisterwerk über den Untergang des sizilianischen Adels. Nicht explizit queer, aber visuell genauso umwerfend.
- Call Me by Your Name (2017, Luca Guadagnino) - Ein spiritueller Nachfahre von Viscontis Ästhetik. Auch hier: Italien, Sommer, queeres Begehren, ein Altersunterschied. Aber mit Happy End (zumindest zwischendurch).
