Es gibt Filme, die du nicht einfach „schaust" - sie lassen sich nicht konsumieren wie die üblichen Coming-of-Age-Geschichten. „Gossenkind" aus dem Jahr 1992 ist so einer. Der Film des österreichischen Regisseurs Peter Kern zeigt die Geschichte eines 14-jährigen Strichers im Düsseldorfer Bahnhofsmilieu - und eine Beziehung zwischen einem minderjährigen Jungen und einem verheirateten Mann, die jede gesellschaftliche Grenze überschreitet. Das ist verstörend, provokant und kompromisslos - und genau deshalb ein Film, der bis heute nachhallen kann.
Axel im Bahnhofsmilieu - Missbrauch und Straßenstrich
Axel ist 14 Jahre alt. Seine Mutter ist Alkoholikerin, der Freund seiner Mutter vergewaltigt ihn regelmäßig und schickt ihn auf den Strich. Das Düsseldorfer Bahnhofsmilieu ist Axels Arbeitsplatz - dort bietet er seine Dienste Freiern an, spricht unverblümt über Preise und Grenzen. In diesem brutalen Alltag trifft er auf Karl-Heinz Brenner (gespielt von Winfried Glatzeder), einen verheirateten Mann mittleren Alters, der offen schwul ist und sich in den Jungen verliebt.
Was als Transaktion beginnt, entwickelt sich zu einer komplexen Beziehung: Karl-Heinz bietet Axel Geborgenheit, Zärtlichkeit und ein warmes Bett - Dinge, die der Junge zu Hause nie hatte. Die beiden fahren gemeinsam weg, versuchen ihrer Realität zu entkommen. Parallel dazu läuft eine Nebenhandlung auf einem Bauernhof, wo Karl-Heinz' Frau mit ihrem Sohn und ihrem Liebhaber zu Gast ist. Auch dort deutet der Film sexuelle Beziehungen an, die gesellschaftliche Normen überschreiten.
Peter Kern erzählt die Geschichte ohne moralischen Zeigefinger, aber auch ohne Beschönigung. Axel ist nicht das unschuldige Opfer, das gerettet werden muss - er ist ein Teenager mit eigenen Bedürfnissen, Widersprüchen und einer Freundin in seinem Alter. Karl-Heinz ist kein Monster, aber auch kein strahlender Held. Die Beziehung scheitert letztlich nicht an ihrer „Unmöglichkeit", sondern an den Realitäten, die beide Figuren nicht loslassen können.
Unbequeme Wahrheiten der 90er - heute noch schmerzhaft
„Gossenkind" ist kein Film für einen gemütlichen Abend. Er ist schwer auszuhalten, weil er Themen zeigt, über die wir heute noch - oder gerade heute - nicht sprechen wollen: sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, die Grauzone zwischen Ausbeutung und Beziehung, die Komplexität von Opferrollen. Peter Kern, der 2015 im Alter von 66 Jahren verstarb, war bekannt für sein „Kino der Verletzten" - Filme über Menschen am Rand der Gesellschaft, die er mit dokumentarischem Blick und ohne Kitsch zeigte.
Was „Gossenkind" von vielen queeren Filmen unterscheidet: Kern romanisiert nichts. Axel ist kein niedlicher Twink, der auf seine große Liebe wartet. Karl-Heinz ist kein sympathischer Daddy, der den Jungen aus seinem Elend rettet. Der Film zeigt stattdessen eine Welt, die brutal, chaotisch und hoffnungslos ist - und in der Nähe und Zärtlichkeit trotzdem existieren, wenn auch unter unmöglichen Vorzeichen.
Gleichzeitig ist der Film gealtert. Die Schauspielführung ist teilweise hölzern (Hauptdarsteller Max Kellermann war Laiendarsteller), die Dialoge wirken manchmal unfreiwillig komisch, die Bildqualität ist selbst auf DVD miserabel. Kern drehte mit Mini-Budget auf 16mm, und das sieht man. Aber genau diese Rohheit macht den Film auch authentisch - er fühlt sich an wie ein Dokument aus einer Zeit, in der queeres Kino noch radikaler, unbequemer und weniger auf Mainstream-Akzeptanz ausgelegt war.
Triggerwarnung: Der Film zeigt sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige, Vergewaltigung, Prostitution und die Darstellung einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem 14-Jährigen. Wenn du zu diesen Themen traumatische Erfahrungen hast, ist „Gossenkind" definitiv nichts für dich.
Nur auf MagentaTV und DVD - Verfügbarkeit in DACH
- MagentaTV: Leihen oder kaufen (digitaler Download) - Stand April 2026 die einzige legale Streaming-Option in Deutschland.
- DVD: Über Amazon oder Videobuster ausleihbar. Die Bildqualität ist schlecht, aber die DVD enthält ein wichtiges Vorwort von Peter Kern, in dem er seine Intention für den Film erklärt.
- Ansonsten: Aktuell kein Angebot bei Netflix, Prime, Mubi, ARD/ZDF Mediathek oder anderen großen Streamingdiensten in DACH.
Kerns andere Filme - und verwandte Zeitdokumente
Wenn du „Gossenkind" als wichtiges, wenn auch hartes Zeitdokument empfindest, könnten diese Filme interessant sein:
- „Domenica" (1994, ebenfalls Peter Kern): Kerns Publikumserfolg über einen schwulen Transvestiten - ebenfalls roh, direkt und auf der Seite der Außenseiter.
- „Knutschen, Kuscheln, Jubilieren" (1998, Peter Kern): Ein Film über das Leben alternder schwuler Männer - Kern blieb auch später seinem Thema treu.
- „L.A. Zombie" (2010, Bruce LaBruce): Wenn du Kerns radikalen Blick auf queere Marginalität schätzt, könnte dich LaBruces ebenso kompromissloser Underground-Stil interessieren.
- „Blutsfreundschaft" (2009, Peter Kern): Kerns Auseinandersetzung mit Neonazismus und Schwulenfeindlichkeit - politisch, wütend, unbequem.
