Jitters - Schmetterlinge im Bauch - Ein isländisches Coming-out-Drama mit Tiefgang

Ein 16-jähriger Isländer küsst beim Schüleraustausch einen Mitschüler - und verstummt. Baldvin Z erzählt vom Coming-out ohne Kitsch, dafür mit Alkohol, übergriffigen Eltern und der Einsamkeit, die entsteht, wenn niemand die richtigen Fragen stellt.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Jitters - Schmetterlinge im Bauch - Ein isländisches Coming-out-Drama mit Tiefgang - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Gabriel ist sechzehn, sensibel und der Kuscheltyp in seiner Clique - die Freundinnen kommen zu ihm, wenn sie Liebeskummer haben. Doch als er bei einem Schüleraustausch in Manchester betrunken den selbstbewussten Mitschüler Markus küsst, ändert sich alles. Nicht laut, nicht dramatisch - sondern leise, fast unmerklich. Genau so erzählt Baldvin Z in seinem isländischen Drama aus dem Jahr 2010 vom Coming-out: ohne Erklärung, ohne Happy-End-Versprechen, dafür mit brutaler Ehrlichkeit.

Gabriel und Markus: eine betrunkene Nacht in Manchester

Gabriel verbringt die Sommerferien in Manchester beim Schüleraustausch. In einer Kneipennacht küsst er Markus, einen anderen isländischen Austauschschüler. Beide sind betrunken, beide wissen danach nicht recht, was das bedeutet. Zurück in Reykjavík merken Gabriels Eltern und seine Freunde aus der Clique zwar, dass er sich verändert hat - stiller geworden ist, in sich gekehrter -, aber niemand versteht, womit das zusammenhängt.

Greta, Gabriels beste Freundin, sucht währenddessen ihren leiblichen Vater, den sie nur über Facebook kennt. Stella wird von ihrer tyrannischen Großmutter gegängelt, die ihr jeden Schritt vorschreibt. Ein anderer Freund wird wegen Untreue von seiner Freundin verlassen. Und Gabriels Eltern? Die stellen die falschen Fragen. Seine kontrollwütige Mutter will ihm Bekenntnisse abtrotzen, zu denen der stille Junge nicht bereit ist - sie merkt, dass etwas anders ist, aber sie versteht nicht, was.

Erst als Gabriel zufällig Markus in Reykjavík über den Weg läuft, fängt er an, sich seinen eigenen Gefühlen zu stellen. Doch Markus hat eine feste Freundin, und für eine Beziehung zwischen zwei Jungs ist in ihrer Welt kein Platz - auch wenn niemand das offen ausspricht. Die Sommerferien, die eigentlich eine Zeit der Freiheit sein sollten, werden zu einem Schwebezustand zwischen Partys, Alkohol und der Suche nach einem Job, den Gabriel nicht findet. Alles fühlt sich haltlos an, bis eine der alkoholgeschwängerten Nächte auf der Intensivstation endet.

Queere Verwirrung statt Happy End - warum das heute zählt

Viele queere Coming-of-Age-Filme von heute wissen schon auf Seite eins, wo sie hinwollen: zum Selbstakzeptanz-Moment, zur großen Versöhnung, zum ersten Kuss im Sonnenuntergang. "Jitters" weiß das nicht. Der Film aus dem Jahr 2010 lässt Gabriel und seine Freunde in ihrer Orientierungslosigkeit schwimmen - und das macht ihn auch 2026 noch so authentisch und manchmal schmerzhaft anzusehen.

Regisseur Baldvin Z, für den "Jitters" das Spielfilmdebüt war, inszeniert das Coming-out nicht als zentrales Drama, sondern als eines von vielen Problemen in einer Generation, die bei den Erwachsenen keine Orientierung findet. Homophobe Sprüche fallen beiläufig, niemand in Gabriels Umfeld ist offen schwul, und die Angst, als "anders" zu gelten, sitzt tiefer als jede Selbstfindung. Der Film zeigt, wie lähmend es sein kann, wenn man nicht einmal die Worte hat, um über das zu sprechen, was einen bewegt.

Was "Jitters" von vielen aktuellen queeren Filmen unterscheidet: Er romantisiert nichts. Die Figuren sind keine Helden, sie sind Teenager, die Fehler machen, zu viel trinken, sich gegenseitig verletzen und manchmal einfach nur durchhalten wollen. Der Film ist dabei nie belehrend, nie wehleidig - er beobachtet einfach, mit Respekt und ohne Häme. Und er zeigt Island nicht als hippes Reykjavík-Postkarten-Idyll, sondern als Ort, an dem dieselben Probleme herrschen wie überall sonst: zerrüttete Familien, Alkoholmissbrauch, Einsamkeit.

Gealtert ist der Film kaum - vielleicht gerade weil er nie versucht hat, "zeitgemäß" zu sein. Die Themen - das Nicht-Aussprechen-Können, die Angst vor Ablehnung, die Sehnsucht nach Nähe - sind universell. Wer nach einem ehrlichen, ungeschönten queeren Film sucht, der nicht auf Trost aus ist, sondern auf Wahrheit, ist hier richtig.

Triggerwarnung: Der Film zeigt exzessiven Alkoholkonsum, emotionale Vernachlässigung durch Eltern und homophobe Äußerungen. Eine Szene endet im Krankenhaus nach einer Alkoholvergiftung.

Schwer zu finden: So kommst du an "Jitters" heran

  • Aktuell ist "Jitters - Schmetterlinge im Bauch" leider in keinem der großen Streaming-Dienste (Netflix, Prime Video, Mubi, Apple TV+, Disney+) in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar (Stand: April 2026).
  • Die DVD mit deutschen Untertiteln ist weiterhin über den Salzgeber-Shop oder spezialisierte DVD-Händler bestellbar. Erschienen ist sie 2012 über Edition Salzgeber.
  • Gelegentlich zeigen queere Filmfestivals wie die Nordischen Filmtage Lübeck oder spezialisierte Programmkinos Retrospektiven zu isländischem Kino - es lohnt sich, die Spielpläne im Auge zu behalten.

Nach "Jitters": isländisches Kino mit echtem Schmerz

Wenn dich "Jitters" berührt hat, könnten diese Filme für dich interessant sein:

  • Straße der Hoffnung (2014) - ebenfalls von Baldvin Z, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in Islands Drogenszene abrutscht. Düster, realistisch und ohne moralischen Zeigefinger.
  • Sparrows (2015, Rúnar Rúnarsson) - ein isländischer Coming-of-Age-Film über einen Jungen, der zurück zu seinem versoffenen Vater in die Provinz ziehen muss. Bitter, meisterhaft, ähnlich ungeschönt wie "Jitters".
  • Heartstone (2016, Guðmundur Arnar Guðmundsson) - zwei Jungen in einem isländischen Fischerdorf, erste Gefühle, homophobe Gewalt. Einer der besten queeren Filme Islands, der zeigt, wie toxisch Männlichkeit und Schweigen zusammenwirken.

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