Manche Erinnerungen lassen sich nicht verdrängen, egal wie viele One-Night-Stands, Prügeleien und ziellose Motorradfahrten dazwischenliegen. Jonas, 33, lebt im südfranzösischen Toulon und ist ein Getriebener - von einer Schuld, die er nicht loslässt, und von der Sehnsucht nach jemandem, den er vor 18 Jahren verloren hat. Jonas - Vergiss mich nicht ist einer dieser Filme, die dich nicht einfach unterhalten wollen, sondern die dir unter die Haut gehen.
Jonas zwischen 16 und 33: Liebe, Trauma, Verfall
Der Film aus dem Jahr 2018 springt zwischen zwei Zeitebenen: Jonas als 33-Jähriger (Félix Maritaud), der im Krankenhaus als Träger arbeitet und nachts in Schwulenclubs randaliert, bis ihn sein Freund aus der Wohnung wirft. Und Jonas als 15-Jähriger (Nicolas Bauwens), schüchtern, Außenseiter, bis Nathan (Tommy Lee Baïk) in seine Klasse kommt - der rebellische Typ mit der Narbe im Gesicht, der sich vor nichts fürchtet und Jonas zeigt, dass Liebe zwischen Männern etwas völlig Natürliches sein kann.

Filmstill: Jonas auf seinem Motorrad durch Toulon
In den 90ern, zur Zeit von Walkmans und No Doubt, entwickelt sich zwischen den beiden Teenagern eine intensive Verbindung. Nathan schenkt Jonas seinen Game Boy, sie gehen ins Kino, versuchen in den Schwulenclub "Boys Paradise" zu kommen - und landen schließlich bei einem Fremden im Auto, der ihnen Zugang zu einem anderen Club verspricht. Diese Nacht wird alles verändern: Ein Handgemenge, Nathan wird gegen das Fenster geschleudert, verliert das Bewusstsein. Jonas zieht in Panik die Handbremse und flüchtet. Der Fremde fährt mit dem bewusstlosen Nathan davon - und beide verschwinden spurlos.

Der 15-jährige Jonas mit Nathan - bevor alles zusammenbricht
18 Jahre später stolpert der erwachsene Jonas über Léonard, den jüngeren Bruder von Nathan, der in jener verhängnisvollen Nacht geboren wurde. Um endlich weiterleben zu können, muss Jonas der Familie die ganze Wahrheit erzählen - und sich seiner Schuld stellen, auch wenn er damals als 15-Jähriger nicht anders handeln konnte.
Keine Heilung im Happy End - warum Jonas heute rauher wirkt
Viele queere Coming-of-Age-Geschichten setzen heute auf hoffnungsvolle Töne, auf Selbstfindung mit Happy End. Jonas geht einen anderen Weg: Er zeigt, was passiert, wenn die erste große Liebe mit einem Trauma endet, das dich ein Leben lang verfolgt. Regisseur Christophe Charrier verwebt die beiden Zeitebenen so, dass die Vergangenheit langsam an die Oberfläche kriecht - wie ein düsterer Traum, den du nicht abschütteln kannst.

Félix Maritaud (bekannt aus 120 BPM, Sauvage, Messer im Herz) liefert eine beeindruckende Performance: tough nach außen, innerlich zerrissen, ständig auf der Flucht vor sich selbst. Die Kameraarbeit fängt das nächtliche Toulon ein, diese Mischung aus Rastlosigkeit und Melancholie, die den ganzen Film durchzieht. Der Soundtrack von Alex Beaupain unterstützt die Atmosphäre perfekt.
Was den Film auch 2026 relevant macht: Er nimmt queere Gewalt ernst - nicht als spektakuläres Plot-Device, sondern als psychologische Realität, die Jahrzehnte nachwirkt. Er zeigt, wie Scham und Schuld sich in destruktives Verhalten verwandeln. Und er traut sich, keine einfachen Antworten zu liefern.

Triggerwarnung: Der Film thematisiert queere Gewalt, ein mögliches Gewaltverbrechen/Entführung, selbstverletzendes Verhalten (emotional) und zeigt explizite Sexszenen. Wenn du gerade selbst mit Trauma-Themen kämpfst, kann das intensiv sein.
Queer Cinema, Apple TV, DVD: So findest du Jonas
- Bei Queer Cinema Amazon Channel im Abo streambar, außerdem bei Apple TV und Amazon Video zum Leihen oder Kaufen
- DVD und Blu-ray sind über Videobuster und Amazon erhältlich, außerdem direkt über den Salzgeber-Shop
- Netflix hatte den Film zeitweise im Programm, aktuell (Stand April 2026) scheint er dort aber nicht mehr verfügbar zu sein
- Gelegentlich läuft der Film auch in der ARD-Mediathek, etwa im Rahmen queerer Programmwochen - Augen offenhalten lohnt sich
Intense Kino nach Jonas - Félix Maritaud und mehr
Wenn dich Jonas gepackt hat, solltest du dir diese Filme ansehen:
- Sauvage / Wild (2018) - ebenfalls mit Félix Maritaud, der einen jungen Stricher in Paris spielt. Roh, intensiv, ohne Kitsch.
- Eastern Boys (2013) - Robin Campillo inszeniert eine komplexe, verstörende Beziehung zwischen einem älteren Mann und einem ukrainischen Stricher in Paris. Bleibt lange im Kopf.
- Plein Sud / Heading South (2009) - Coming-of-Age-Roadmovie durch Südfrankreich, in dem ein schwuler Teenager mit seinem besten Freund unterwegs ist. Weniger düster als Jonas, aber ebenso ehrlich.

Regisseur Christophe Charrier hat nach Jonas übrigens 2022 den Thriller Der Patient gedreht - diesmal keine queere Geschichte, aber ebenso psychologisch dicht erzählt.
