Jonathan - Coming-out am Sterbebett und die Liebe, die niemand sehen wollte

Ein sterbender Vater, ein lange gehütetes Geheimnis und eine queere Liebe, die Jahrzehnte versteckt wurde: Piotr J. Lewandowskis Drama aus dem Jahr 2016 zeigt, wie schwer loslassen sein kann - und warum es sich trotzdem lohnt.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Jonathan - Coming-out am Sterbebett und die Liebe, die niemand sehen wollte - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Was passiert, wenn das Coming-out erst kommt, wenn der Tod schon vor der Tür steht? Jonathan erzählt genau diese Geschichte - und macht daraus ein ruhiges, intensives Drama über Familiengeheimnisse, verpasste Chancen und die Frage, wie man liebt, ohne zu besitzen.

Jonathan auf dem Schwarzwällder Hof: Liebe im Verborgenen

Jonathan ist 23 Jahre alt, als der Film aus dem Jahr 2016 beginnt. Während seine Altersgenossen an die Uni gehen oder Ausbildungen anfangen, sitzt er auf dem Familienbauernhof im Schwarzwald fest. Sein Vater Burghardt liegt im Sterben - Hautkrebs, fortgeschritten. Jonathan pflegt ihn aufopferungsvoll, zusammen mit seiner Tante Martha. Die beiden schweigen sich seit Jahren an, die Stimmung auf dem Hof ist gedrückt, die Kommunikation auf ein Minimum reduziert.

Als Burghardts Zustand sich weiter verschlechtert, holt die Familie Pflegerin Anka ins Haus. Jonathan verliebt sich sofort in die offene, lebensfrohe Frau, die den Tod mit einer Leichtigkeit behandelt, die ihm völlig fremd ist. Anka arbeitet in einem Hospiz und begleitet Menschen beim Sterben - für Jonathan, der den Tod seines Vaters mit aller Kraft verdrängt, ist das zunächst verstörend.

Dann taucht plötzlich Ron auf, ein Mann aus Burghardts Vergangenheit, der sich als verschollen geglaubter Jugendfreund vorstellt. Burghardt blüht in Rons Anwesenheit regelrecht auf, es geht ihm sichtlich besser. Doch Jonathan empfindet Ron als Eindringling, der sich in sein ohnehin kompliziertes Leben drängt. Als er nach und nach herausfindet, dass sein Vater und Ron mehr als nur Freunde waren - dass sie eine homosexuelle Beziehung hatten, die große Liebe füreinander -, bricht für ihn eine Welt zusammen. Das angespannte Vater-Sohn-Verhältnis steht vor einer Zerreißprobe.

Zehn Jahre später: Warum Jonathan immer noch berührt

Zehn Jahre nach seinem Kinostart ist Jonathan in mancher Hinsicht gealtert - die Bildsprache ist bewusst langsam, die Dialoge oft knapp, die Landschaftsaufnahmen des deutschen Schwarzwalds wirken manchmal fast zu pittoresk. Aber genau das macht auch den Reiz aus: Der Film nimmt sich Zeit. Er zeigt queeres Leben nicht als buntes Pride-Spektakel, sondern als etwas, das über Jahrzehnte versteckt, verdrängt und verschwiegen wurde.

Was Jonathan von vielen Coming-out-Filmen unterscheidet: Hier geht es nicht um einen jungen Menschen, der sich selbst findet, sondern um einen alten Mann, der sein Leben lang gelogen hat - aus Angst, aus gesellschaftlichem Druck, aus Scham. Die Liebesgeschichte zwischen Burghardt und Ron ist eine der ergreifendsten im queeren deutschen Kino: leise, schmerzhaft, voller verpasster Chancen. Der Film zeigt auch, wie sehr diese Versteckspiele die Menschen um sie herum beschädigen - Martha, die einst von Ron verlassen wurde, Jonathan, der nie verstanden hat, warum sein Vater so distanziert ist.

Gleichzeitig ist der Film emotional fordernd. Die Themen Sterbeprozess, Pflege und der Umgang mit dem Tod nehmen breiten Raum ein. Wer gerade selbst mit Trauer oder Verlust zu tun hat, sollte vorsichtig sein - Jonathan zeigt den körperlichen Verfall ungeschönt, auch wenn die Kamera respektvoll bleibt.

Schauspielerisch ist der Film stark besetzt: Jannis Niewöhner spielt Jonathan spannungsgeladen als jungen Mann zwischen Wut, Überforderung und Sehnsucht. André M. Hennicke gibt dem sterbenden Burghardt eine brüchige Würde, Thomas Sarbacher als Ron bringt eine stille Melancholie mit. Die Chemie zwischen den beiden Schauspielern macht spürbar, was diese Männer einander bedeutet haben - und was sie verloren haben.

Streaming-Check April 2026: Jonathan verfügbar

Gute Nachrichten: Jonathan ist im April 2026 bei mehreren Streaming-Diensten in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar. Du findest ihn unter anderem bei:

  • Amazon Prime Video (im Abo enthalten, auch mit Werbung kostenlos über Amazon Freevee)
  • ARD Plus (als Apple TV Channel oder Amazon Channel)
  • alleskino (Amazon Channel)
  • filmfriend (kostenlos, wenn deine Bibliothek teilnimmt)
  • Apple TV, Amazon Video, Videobuster (Leihe oder Kauf)

Die Verfügbarkeit kann sich ändern, deshalb lohnt sich ein aktueller Check auf JustWatch oder direkt bei den Anbietern.

Nach Jonathan: Queere Liebe im ländlichen Raum

Wenn du nach ähnlichen Filmen suchst, die queere Liebe im ländlichen Raum oder über Generationen hinweg zeigen, probier diese:

  • God's Own Country (2017) - Zwei Männer finden auf einer abgelegenen Farm in Yorkshire zueinander, rau und zärtlich zugleich.
  • Brokeback Mountain (2005) - Der Klassiker über zwei Cowboys, deren Liebesgeschichte sich über Jahrzehnte erstreckt und an gesellschaftlichen Zwängen zerbricht.
  • Freeheld (2015) - Ein lesbisches Paar kämpft um Anerkennung, als eine der beiden an Krebs erkrankt - ebenfalls ein Film über Liebe, Tod und späte Sichtbarkeit.

Regisseur Piotr J. Lewandowski hat übrigens seit Jonathan weitergearbeitet: Sein Film Unspoken (2024) behandelt das Thema sexualisierte Gewalt gegen Männer und wurde auf Festivals gezeigt. Auch hier bleibt er seinem Stil treu: unaufgeregt, aber intensiv.

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