L.I.E. - Long Island Expressway - Coming-of-Age am Abgrund

Ein 15-Jähriger zwischen Trauer, Einbrüchen und der Frage, wem er vertrauen kann: Der Independent-Film aus 2001 war seiner Zeit voraus - und bleibt verstörend aktuell.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

L.I.E. - Long Island Expressway - Coming-of-Age am Abgrund - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — historisches Magazin-Cover

Trailer über YouTube - beim Abspielen werden Daten an Google übertragen.

Wenn du glaubst, queere Coming-of-Age-Filme müssten immer hoffnungsvoll oder wenigstens irgendwie tröstlich enden, wird dich L.I.E. eines Besseren belehren. Der Film aus dem Jahr 2001 von Regisseur Michael Cuesta ist weder Wohlfühl-Kino noch klassisches Sozialdrama - er ist ein unbequemer, moralisch komplexer Blick auf einen Jungen, der alles verliert und sich an den Falschen klammert.

Howie und der Long Island Expressway: Trauer ohne Filter

Howie Blitzer ist 15 und lebt in einer Vorstadt auf Long Island. Seine Mutter ist bei einem Autounfall auf dem Long Island Expressway ums Leben gekommen - jener Schnellstraße, die dem Film seinen Titel gibt und die als Metaphor für eine Jugend funktioniert, die ungebremst Richtung Erwachsensein rast, ohne dass jemand auf die Bremse tritt. Howies Vater ist emotional abwesend und holt sich schon einen Monat nach dem Tod seiner Frau eine neue Freundin ins Haus. Howie fühlt sich alleingelassen.

Halt findet er in einer Clique Jugendlicher, die aus purer Langeweile in Villen einbrechen. Anführer ist Gary, ein selbstbewusster, charismatischer Junge, der nebenbei als Stricher arbeitet und Howie verspricht, gemeinsam nach Kalifornien abzuhauen. Howie ist fasziniert von Gary - sexuell, emotional, auf eine Weise, die er selbst noch nicht ganz versteht. Bei einem Einbruch im Haus des älteren Ex-Marines „Big John" Harrigan werden die beiden erwischt. Big John ist einer von Garys Kunden, und er nutzt die Situation aus: Er behält ein Beweisstück zurück und fordert die gestohlenen Waffen - oder eine andere Form der Wiedergutmachung.

Als Garys Versprechen platzen, Howies Vater verhaftet wird und der Junge völlig allein dasteht, wird ausgerechnet Big John zu einer Art Vaterfigur. Der Film zeigt diese Beziehung nicht als einfaches Gut-Böse-Schema, sondern als verstörend ambivalente Konstellation, in der echte Zuwendung und Manipulation kaum voneinander zu trennen sind.

Unbarmherziges Kino: L.I.E. 2026 im Reality-Check

L.I.E. ist kein Film, der dir sagt, wie du dich fühlen sollst - und genau das macht ihn heute noch relevant. Während viele neuere queere Coming-of-Age-Filme (zu Recht) auf Empowerment und Community setzen, zeigt L.I.E. eine dunklere Realität: Was passiert, wenn ein Junge niemanden hat, der ihm hilft, seine Sexualität zu verstehen? Wenn die einzige Person, die ihm Aufmerksamkeit schenkt, toxisch ist?

Der Film war 2001 hochumstritten und erhielt in den USA zunächst ein NC-17-Rating. Heute wirkt er weniger wie eine Provokation, sondern eher wie ein schonungslos ehrlicher Blick auf Einsamkeit, Missbrauchsdynamiken und die Frage, wie viel Grauzone zwischen „Retter" und „Täter" existieren kann. Paul Dano (ja, genau der aus „There Will Be Blood" und „The Batman") spielt in seiner ersten Hauptrolle einen Howie, der so verletzlich und eigensinnig ist, dass man den Film kaum erträgt - und doch nicht wegsehen kann. Brian Cox gibt Big John eine beunruhigende Menschlichkeit, die den Film moralisch noch komplexer macht.

Trigerwarnungen: Der Film zeigt sexuelle Übergriffe und Grooming, wenn auch nicht explizit. Er romantisiert das nicht, aber er zeigt es - und das kann triggern, wenn du selbst Erfahrungen mit Missbrauch gemacht hast.

Was den Film gealtert wirken lässt: Die Ästhetik der frühen 2000er, die körnige Indie-Optik, manchmal die etwas hölzernen Nebenfiguren. Aber die Kernfrage - wie Jugendliche durch die Lücken eines Sozialsystems fallen können - ist 2026 genauso aktuell wie damals.

Schwer zu finden: L.I.E. im April 2026

L.I.E. ist im April 2026 leider kein einfacher Catch. Aktuelle Recherchen zeigen:

  • Kein Streaming-Angebot in DACH: Weder auf Mubi, Netflix, Prime Video noch auf spezialisierten Plattformen wie Salzgeber Club ist der Film derzeit verfügbar (Stand: April 2026).
  • DVD-Verleih: Bei Videobuster kannst du die DVD im Abo ausleihen.
  • Kauf: Die deutsche DVD ist über Amazon.de erhältlich (gebraucht oft günstiger). International gibt es digitale Kaufoptionen bei Apple TV, Google Play und Amazon Video - diese funktionieren aber meist nur mit ausländischen Accounts.

Falls du den Film auf einem queeren Filmfestival siehst (manchmal läuft er bei Retrospektiven), pack die Chance beim Schopf - auf der großen Leinwand entfaltet die düstere Bildsprache noch mehr Wirkung.

Aehnlich verstörend: Diese Filme danach

  • „Mysterious Skin" (2004, Gregg Araki): Noch härter, noch verstörender, aber ähnlich schonungslos in der Darstellung von sexuellem Missbrauch und queerer Adoleszenz. Mit Joseph Gordon-Levitt.
  • „Bully" (2001, Larry Clark): Ähnlich düstere Vorstadtjugend-Ästhetik, aber mit noch mehr Gewalt. Nicht einfach zu verdauen, aber thematisch verwandt.
  • „Beach Rats" (2017, Eliza Hittman): Ein queerer Junge in Coney Island, der seine Sexualität im Geheimen auslebt. Ruhiger und visuell poetischer als L.I.E., aber mit ähnlicher Einsamkeit.

Regisseur Michael Cuesta hat nach L.I.E. vor allem für hochkarätige TV-Serien gearbeitet - er führte Regie bei „Six Feet Under", „Dexter", „Homeland" und zuletzt 2025 bei der Marvel-Serie „Daredevil: Born Again". Queere Stoffe hat er seitdem nicht mehr erzählt, aber sein Gespür für moralisch komplexe Figuren ist geblieben.

War dieser Guide hilfreich?

Log dich ein, um dein Feedback dazulassen - das dauert nur einen Moment.

Einloggen & Feedback geben