Laurent dans le vent (2025) - Wenn der Wind dich irgendwo hinträgt

Ein 29-Jähriger strandet in einem leeren Alpenskiort, trifft auf merkwürdige Menschen und fragt sich: Was, wenn ich einfach bleibe? Cannes Queer Palm, melancholisch, unfassbar queer - und jetzt endlich zu sehen.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Laurent dans le vent (2025) - Wenn der Wind dich irgendwo hinträgt - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Ein französisches Indie-Trio aus Lyon hat Ende 2025 in Cannes und beim FIDMarseille für Aufsehen gesorgt - und zwar mit einem Film, der sich nicht um Genre-Regeln schert, sondern einfach macht, was er will. Laurent dans le vent gewann die Queer Palm in der ACID-Programmation in Cannes 2025 und landete auf Platz 9 der Jahresbestenliste der Cahiers du Cinéma. Das Trio Anton Balekdjian, Léo Couture und Mattéo Eustachon - Absolventen der Filmschule CinéFabrique - hat hier einen Film über das Verloren-Sein geschaffen, der sich anfühlt wie eine sanfte, queere Utopie im Schnee.

Die Geschichte: Wenn du nirgendwo hingehörst, gehst du dahin, wo niemand ist

Laurent, 29, kommt im Herbst in einer Skistation an, die außerhalb der Saison fast menschenleer ist. Dort trifft er auf eine Handvoll Bewohner - die alte Lola, die allein auf ihr Lebensende wartet, Farès und Jo auf dem Campingplatz, sowie Sophia und ihren Sohn Santiago. Laurent hat keinen Job, keine Wohnung, keine Pläne. Er ist einer dieser Menschen, die einfach treiben - buchstäblich "im Wind". Was als Zwischenstopp gedacht war, wird langsam zu etwas anderem: Beziehungen entstehen, zarte und seltsame, die nichts mit Erwartungen zu tun haben. Als der Winter kommt und die Touristen zurückkehren, merkt Laurent, dass er gar nicht mehr weg will.

Der Plot klingt simpel, aber das ist genau die Stärke. Das ist kein Coming-of-Age-Film mit großen Antworten, sondern ein Film über das Dazwischen, das Warten, das Versuchen, irgendwo hinzugehören.

Was der Film für queere Zuschauer leistet - und warum die Queer Palm mehr als verdient ist

Laurent hat eine Kompass-Nadel, die immer auf Menschen zeigt: Sein Wunsch nach Verbindung kennt keine Grenzen, transzendiert Alter und Geschlecht. Das ist das Herzstück des Films. Laurent ist nicht explizit als schwul oder bi gelabelt - er ist einfach offen. Der Film beschreibt ihn als "sexually fluid drifter", der sich nicht an Konventionen hält, sondern Liebe und Nähe sucht, wo immer sie sich bieten.

Das Besondere: Die drei Regisseure zeigen jede Szene wie ein Versprechen von Verbindung, ohne je zu erklären oder Effekte zu jagen. Sie zeigen die Fragilität unserer Existenzen und die Schönheit dessen, was uns verbindet - jede Begegnung wird zu einem kleinen Wunder. Keine Klischees, kein Drama um Coming-out, keine Tragödie. Stattdessen: queere Normalität als sanfte Fantasie.

Hinter der Kamera stehen drei junge Filmemacher, die nach ihrem Debüt "Mourir à Ibiza" (2022) als Trio weiterarbeiten und einen immersiven, realistischen Stil pflegen. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte - ein Mann verbrachte fast ein Jahr allein in einem verlassenen Skiresort. Die Regisseure haben vor Ort recherchiert, Begegnungen gesucht und das Drehbuch durch kontinuierliches Schreiben und Eintauchen in die Umgebung geformt. Das Ergebnis ist ein Film, der sich nicht wie Fiktion anfühlt, sondern wie ein Atemzug.

Die Darstellung: Béatrice Dalle und ein Cast, der fühlt

Baptiste Perusat spielt Laurent mit einer Mischung aus Verlorenheit und stiller Neugier, die dich sofort einfängt. Er ist kein klassischer Protagonist - er ist passiv, lässt sich treiben, aber genau das macht ihn so echt. Man folgt seinen Irrwegen mit Humor und Zärtlichkeit, sieht zu, wie er langsam zur Lebensfreude zurückfindet - ein Charakter, der lustig und berührend und ein bisschen verloren ist, wie so viele seiner Generation.

Béatrice Dalle als Sophia ist der emotionale Anker des Films. Dalle, die hier ein überzeugendes Comeback hinlegt, passt perfekt in die Rolle - rau, zerbrechlich, echt. Djanis Bouzyani (als Farès) bringt eine queere Präsenz mit, die sich nie rechtfertigen muss. Thomas Daloz als Santiago, Sophias Sohn, liefert stille Momente, die nachhallen. Der Cast mischt Profis mit Nicht-Schauspielern aus der Region - ganz im Geist der ACID-Bewegung, und das merkt man: Alles wirkt ungekünstelt, ungeschliffen, lebendig.

Wo du es 2026 sehen kannst

Laurent dans le vent kam am 31. Dezember 2025 in die französischen Kinos. Einen regulären Kinostart in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gibt es Stand April 2026 leider noch nicht. Der Film lief auf mehreren Festivals - neben Cannes ACID auch beim American French Film Festival in Los Angeles und als Abschlussfilm beim FIDMarseille im Juli 2025. Es ist also wahrscheinlich, dass er 2026 bei queeren Filmfestivals oder in Programmkinos im DACH-Raum auftaucht - halte die Augen offen. Streaming-Verfügbarkeit in Deutschland ist derzeit nicht bekannt.

Ein Film, der sich Zeit nimmt - und du solltest es auch

Laurent dans le vent ist kein Film für alle. Wenn du auf Action, klare Plots und schnelle Antworten stehst, wird dir hier vermutlich langweilig. Aber wenn du Lust hast auf 110 Minuten, die sich anfühlen wie ein langsamer Spaziergang durch verlassene Bergdörfer, bei dem du plötzlich merkst, dass du nicht mehr allein bist - dann ist das hier für dich.

Der Film entfaltet sich abseits von Genre-Konventionen und sozialen Normen. Man denkt an das Kino von Alain Guiraudie, aber man spürt vor allem, dass dieses Trio einen eigenen Atem hat, der von Film zu Film stärker wird. Das ist queeres Kino, das nicht schrill sein muss, um relevant zu sein. Das nicht erklärt, sondern einfach zeigt. Das keine Antworten gibt, sondern Raum lässt.

Für wen lohnt es sich? Für alle, die Call Me By Your Name oder Stranger by the Lake mochten, aber auch für Fans von europäischem Arthouse-Kino, das sich nicht um Hollywood-Regeln schert. Und definitiv für alle, die müde sind von queeren Filmen, in denen am Ende immer jemand stirbt oder leidet. Hier passiert beides nicht. Hier passiert Leben.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (© Salzgeber & Co. Medien / jeweiliger Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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