Wie fühlt sich eine Liebe an, die eigentlich nie eine Chance hatte? Die sich über Jahre in unregelmäßigen Abständen wiedersieht, aber nie wirklich weiterwächst? Michaël Dacheux' Sur le départ (im Deutschen als Teil der Kurzfilmsammlung Liebesrauschen erschienen) erzählt genau davon - und tut das auf eine Art, die sich bewusst Zeit lässt, die Stille zulässt und dadurch umso intensiver wirkt.
Zwei Kindheitsfreunde verabschieden sich in Mont-de-Marsan
Der Film aus dem Jahr 2011 beginnt an einem Juniabend in Mont-de-Marsan, einer kleinen Stadt in den Landes im Südwesten Frankreichs. Zwei junge Männer, die sich seit Kindertagen kennen, sagen sich Lebewohl. Sie sind fast achtzehn und tragen keine "echten" Namen - der Film nennt sie Piano (César Domboy) und Klarinette (Adrien Dantou). Piano zieht nach Paris, das große Abenteuer ruft. Klarinette bleibt zurück in der Provinz, in dieser Stadt, der die Aufregung zu fehlen scheint.
Aber sie sind mehr als Freunde. Sie sind Liebende. Über die nächsten zwölf Jahre kehrt Piano immer wieder zurück - zu seinen Wurzeln, zu Klarinette. Doch diese Rückkehr ist kein romantischer Neuanfang, sondern oft unangenehm: Vorwürfe, Bedauern, zögerliche Annäherungen. Die beiden entfremden sich zunehmend, während sie gleichzeitig versuchen, an etwas festzuhalten, das vielleicht schon längst vorbei ist. Dacheux sagt selbst, dass Mont-de-Marsan für ihn ein Ort ist, an dem das Kino "den Platz einnimmt, den die Kindheit und Jugend nicht ausfüllen konnten" - eine fehlende Erinnerung, die erst im Film Gestalt annimmt.
Der Film ist durch und durch poetisch, manchmal theatralisch, mit langen Einstellungen und Dialogen, die sich mehr an der französischen Nouvelle Vague als an modernen Coming-of-Age-Filmen orientieren. Es gibt kaum Handlung im klassischen Sinn - stattdessen ein Gefühl von vergehender Zeit, unausgesprochenen Wünschen und der Melancholie einer Liebe, die nie wirklich losgelassen wird.
Stille statt Drama: Das Gegenmittel zum modernen Queer-Film
Was Sur le départ von vielen zeitgenössischen queeren Filmen unterscheidet, ist sein radikal langsamer, fast meditativer Rhythmus. Hier gibt es kein dramatisches Coming-out, keine homophoben Eltern, keine Gewalt. Stattdessen steht die emotionale Distanz im Zentrum: Wie fühlt es sich an, wenn du deine erste Liebe immer wieder triffst, aber ihr euch trotzdem nicht mehr wirklich berührt?
Dacheux' Film wirkt wie ein französisches Arthouse-Gedicht - mit all den Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Wer schnelle Schnitte, Pop-Ästhetik oder klare Erzählbögen erwartet, wird hier nicht glücklich. Wer sich aber auf die atmosphärische Dichte, die ruhigen Bilder und die melancholische Grundstimmung einlässt, bekommt etwas geboten, das in der heutigen queeren Filmlandschaft selten geworden ist: einen Film, der sich nicht erklärt, sondern wirken lässt.
Gealtert ist der Film kaum - gerade weil er sich nie auf Trends oder Hypes verlassen hat. Die Ästhetik erinnert bewusst an Regisseure wie Eric Rohmer oder François Truffaut, und genau das macht ihn zeitlos. Allerdings solltest du wissen: Das ist kein Feel-Good-Movie. Es gibt keine Auflösung, kein Happy End, keine Katharsis. Nur die Erkenntnis, dass manche Lieben nicht funktionieren - egal wie sehr wir es uns wünschen.
Salzgeber-DVD oder Glücksfall: Wie du Sur le départ findest
Leider ist die Verfügbarkeit von Sur le départ im deutschsprachigen Raum aktuell schwierig. Der Film war ursprünglich Teil einer DVD-Veröffentlichung unter dem Titel Liebesrauschen (Salzgeber, 2012), die mehrere französische Kurzfilme bündelte. Diese DVD ist mittlerweile nur noch gebraucht erhältlich.
- Streaming: Aktuell kein legales Streaming-Angebot in DACH bekannt (Stand April 2026).
- DVD: Gebraucht über Plattformen wie Medimops, eBay oder Kleinanzeigen suchbar - Titel: Liebesrauschen, Verleih: Pro-Fun Media / Salzgeber.
- Festivals: Gelegentlich läuft der Film in queeren Filmfestivals wie dem Chéries-Chéris in Paris oder kleineren europäischen Retrospektiven - Augen offen halten lohnt sich.
Poetische französische Queerness danach: L'Amour debout und mehr
Wenn dich Sur le départ anspricht, könnten diese Filme ebenfalls für dich interessant sein:
- L'Amour debout (2019) - Michaël Dacheux' erster Langfilm, ebenfalls poetisch, ebenfalls queer, ebenfalls sehr französisch. Lief 2018 in Cannes (ACID-Sektion) und erzählt von einer Liebesgeschichte, die sich über ein Jahr entfaltet - gedreht an einem Wochenende pro Monat.
- Plaire, aimer et courir vite (2018, Christophe Honoré) - Ein weiterer französischer Film über queere Liebe in den 1990ern, allerdings mit mehr Tempo und mehr Drama. Gut als Kontrast.
- Weekend (2011, Andrew Haigh) - Ebenfalls aus dem Jahr 2011, ebenfalls ruhig und intensiv. Erzählt von zwei Männern, die ein Wochenende zusammen verbringen - und von der Frage, was danach kommt.
