Love, Simon (2018) - Der Meilenstein, der nicht für alle gilt

2018 war "Love, Simon" das erste große Studio-Coming-out-Märchen - aber wessen Geschichte wird hier eigentlich erzählt? Ein Film zwischen Durchbruch und Durchschnitt.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Love, Simon (2018) - Der Meilenstein, der nicht für alle gilt - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

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Stell dir vor: 2018 bringt ein Hollywood-Studio den ersten Teenie-Film mit schwulem Hauptcharakter in die Kinos. Klingt nach Revolution, oder? Love, Simon, basierend auf Becky Albertallis Roman "Simon vs. the Homo Sapiens Agenda", wurde damals gefeiert wie der zweite Coming-Out - aber sechs Jahre später zeigt sich: Der Film ist komplizierter, als seine Pressehefte es zugeben wollten.

Ein Coming-out wie aus dem Bilderbuch - vielleicht zu sehr

Simon Spier (Nick Robinson) ist 17, hat liebevolle Eltern (Jennifer Garner, Josh Duhamel), tolle Freunde und ein großes Geheimnis: Er ist schwul. Parallel verliebt er sich in "Blue", einen anonymen Mitschüler, mit dem er sich per E-Mail austauscht. Als der manipulative Martin (Logan Miller) Simons Geheimnis entdeckt, beginnt eine Erpressung - Simon soll ihm helfen, Abby (Alexandra Shipp) zu erobern, sonst wird er geoutet. Der Plot ist klassische John-Hughes-Komödie: charmant, vorhersehbar, mit emotionalem Finale auf dem Schulhof.

Aber hier beginnt das Problem: Simons Welt ist zu perfekt. Er wächst in einer wohlhabenden, liberalen Vorstadt auf, seine Mutter hält ihm die tränenreichste Akzeptanz-Rede der Filmgeschichte, seine Freunde umarmen ihn - und am Ende wartet der Traumtyp auf dem Riesenrad. Für viele queere Kids, die mit Ablehnung, Gewalt oder religiösem Druck kämpfen, fühlt sich das wie ein Schlag ins Gesicht an.

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Wer darf hier queer sein - und wie?

Der Film hat einen offen schwulen Regisseur (Greg Berlanti) und eine bisexuelle Autorin - aber der Hauptdarsteller Nick Robinson ist straight. Das allein wäre vielleicht verschmerzbar, wenn der Film nicht gleichzeitig ein ziemlich toxisches Bild von "akzeptabler" Queerness zeichnen würde.

Da ist Ethan, der einzige offen schwule Schüler: feminin, mit Schal und langen Haaren, wird er gemobbt - und Simon? Der denkt im Film wortwörtlich: "Ich wünschte, Ethan würde es ihnen nicht so leicht machen." Diese Szene ist brutal. Sie sagt im Grunde: Wenn du zu "sichtbar queer" bist, bist du selbst schuld. Simon hingegen trägt Kapuzenpullis, hört auf Indie-Rock, ist der "unsichtbare" Schwule - und genau der bekommt sein Happy End. Die Message? Queersein ist okay, solange du nicht zu gay rüberkommst.

Kritiker haben das zu Recht zerrissen: Der Film bedient sich am Bild des "idealen Schwulen" - weiß, maskulin, bürgerlich. Für feminine, nicht-weiße, oder trans Kids bleibt wenig Platz.

Cast mit Herz - aber nicht genug Tiefe

Nick Robinson spielt Simon mit viel Charme, auch wenn man ihm anmerkt, dass er die Rolle von außen spielt. Jennifer Garners Monolog ("Du darfst jetzt ausatmen, Simon") ist ehrlich rührend - wurde übrigens erst nachträglich ins Drehbuch geschrieben, weil Garner eine echte Verbindungsszene wollte. Katherine Langford (Leah) und Alexandra Shipp (Abby) sind solide, aber ihre Charaktere bleiben Sidekicks.

Interessant: Keiynan Lonsdale, der Bram spielt (Spoiler: er ist Blue), outete sich während der Dreharbeiten als bisexuell. Auch Nick Robinsons jüngerer Bruder kam während der Produktion raus - der Film hatte also realen Impact, nur leider nicht unbedingt im Film.

Wo du ihn sehen kannst

Love, Simon läuft aktuell auf Disney Plus in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Alternativ kannst du ihn bei Amazon Video, Google Play Movies, Apple TV, Rakuten TV, Sky Store und anderen Anbietern leihen oder kaufen. Eine Fortsetzungs-Serie, Love, Victor, lief von 2020 bis 2022 auf Hulu (international teils auf Disney+) - mit diverserer Besetzung und etwas mehr Tiefe.

Lohnt es sich trotzdem - oder ist das nur Nostalgie?

Hier wird's kompliziert. Love, Simon war 2018 ein kultureller Moment: Der erste große queere Teenie-Film, der nicht in Tragödie oder Tod endete. Tausende Kids sind nach der Vorstellung weinend aus dem Kino gekommen oder haben sich danach geoutet - das ist real und wertvoll.

Aber wenn du den Film 2024 oder 2026 schaust, nachdem du Heartstopper, Red, White & Royal Blue oder Young Royals gesehen hast, merkst du: Love, Simon fühlt sich an wie ein Film, der mehr für Hetero-Zuschauer gemacht wurde als für uns. Er ist nett, er ist süß - aber er traut sich nicht, wirklich unangenehm zu werden. Er will gemocht werden, von allen.

Also: Wenn du Bock auf eine leichte, tränenreiche RomCom hast und weißt, dass du ein sehr privilegiertes Coming-out siehst - go for it. Wenn du ehrliche, kantige queere Geschichten suchst, die auch unbequeme Wahrheiten zeigen: Schau lieber woanders. Love, Simon ist ein Meilenstein - aber kein Meisterwerk.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (© Salzgeber & Co. Medien / jeweiliger Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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