Es gibt queere Filme, die dich sanft an der Hand nehmen. Und dann gibt es Filme wie „Marilyn", die dich mit voller Wucht treffen und tagelang nicht mehr loslassen. Der Film aus dem Jahr 2018 zeigt, wie brutal es sein kann, schwul oder trans auf dem argentinischen Land aufzuwachsen - ohne Fluchtweg, ohne Community, nur mit der dünnen Hoffnung auf einen Moment Freiheit beim Karneval.
Marcos auf der Pampa: Liebe zwischen Einsamkeit
Marcos ist 17 und lebt mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder auf einer gepachteten Farm in der argentinischen Pampa. Der Alltag ist hart: Vieh hüten, Käse machen, überleben. Während sein Vater ihn zur Schule schicken und ihm eine bessere Zukunft ermöglichen will, hilft Marcos lieber seiner Mutter im Haushalt - er näht Kleider um, wählt Stoffe aus, hat ein Händchen für Mode und Make-up.
Heimlich näht Marcos sich Frauenkleider. Beim Karneval schlüpft er in sein Alter Ego „Marilyn", trägt Perücke und sexy Outfits, tanzt die ganze Nacht und flirtet mit Jungs. Für ein paar Stunden darf er endlich er selbst sein. Doch einer der Typen, mit denen er tanzt - der Sohn des Verpächters - erkennt ihn. Auf dem Heimweg wird Marcos brutal vergewaltigt.
Als seine Mutter am nächsten Morgen seine weiblichen Sachen entdeckt, verbrennt sie alles. Kurz darauf stirbt Marcos' Vater überraschend, die Familie steht vor dem finanziellen Ruin. Sie ziehen in eine kleine Neubausiedlung, wo Marcos Federico kennenlernt - einen jungen Mann, der offen zu seiner Homosexualität steht. Die beiden verlieben sich. Doch je mehr Marcos versucht, seine Identität zu leben, desto brutaler wird der Druck von außen. Der Film steuert auf ein Ende zu, das viele Zuschauer*innen schockiert zurücklässt.
Stille statt Action: Die Kraft der Langsamkeit
„Marilyn" ist kein leichter Film. Er ist langsam erzählt, fast ohne Musik, mit langen Einstellungen und wenig Dialog. Aber genau das macht seine Kraft aus: Die Stille der Pampa wird zur Metapher für Marcos' Isolation. Du spürst seine Einsamkeit in jeder Szene.
Was der Film hat, was viele neuere Coming-out-Geschichten nicht haben: Er zeigt die brutale Realität queeren Lebens in ländlichen, konservativen Gegenden, ohne zu beschönigen. Kein Happy End, kein „es wird alles gut". Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Marilyn Bernasconi - und diese Geschichte endet tragisch. Regisseur Martín Rodríguez Redondo hatte für seine Recherchen Kontakt zur realen Marilyn und Zugang zu ihrem Tagebuch.
Dabei vermeidet der Film Melodrama. Die Kamera bleibt distanziert, beobachtend, fast dokumentarisch. Das macht manche Szenen schwer auszuhalten - besonders die Vergewaltigung wird brutal direkt gezeigt. Aber der Film respektiert seine Figur, macht Marcos nie zum reinen Opfer. Walter Rodríguez spielt ihn mit einer stillen Intensität, die unter die Haut geht.
Triggerwarnung: Der Film zeigt explizit sexualisierte Gewalt, Queerfeindlichkeit, emotionalen Missbrauch und ein verstörendes, gewalttätiges Ende. Wenn du gerade in einer fragilen Phase bist, ist das vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für diesen Film.
Gleichzeitig: Wenn du wissen willst, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, die keinen Platz für dich hat - und wie weit Menschen gehen können, wenn sie in die Enge getrieben werden -, dann ist „Marilyn" einer der ehrlichsten Filme zu diesem Thema.
Mubi, Tubi, Amazon: Verfügbarkeit in DACH prüfen
- Der Film war zeitweise auf Mubi verfügbar - prüfe dort im aktuellen Katalog (Mubi rotiert sein Angebot regelmäßig)
- In den USA lief er auf Plattformen wie Tubi TV und Amazon Prime Video (Kauf/Leihe) - für DACH ist die Verfügbarkeit aktuell unklar
- DVD/BluRay wurden über Pro-Fun Media in Deutschland vertrieben - eventuell noch über spezialisierte Händler oder Bibliotheken zu finden
- Der Film lief 2018 auf der Berlinale (Panorama-Sektion) und auf verschiedenen queeren Filmfestivals - halte Ausschau bei Veranstaltungen wie dem Queer Film Fest oder Pink Apple
Stand April 2026: Kein aktuelles Streaming-Angebot in DACH verifiziert. Falls du den Film findest, gib Bescheid - die Verfügbarkeit ändert sich ständig.
Queere Landfilm-Alternative zu Marilyn
- „God's Own Country" (2017) - Ebenfalls eine queere Liebesgeschichte auf dem Land, diesmal in Yorkshire. Rauer Ton, aber deutlich hoffnungsvoller als „Marilyn".
- „Esteros" (2016) - Argentinischer Film über zwei Freunde, die sich nach Jahren wiedertreffen und ihre unterdrückten Gefühle füreinander wiederentdecken. Sanfter erzählt als „Marilyn", aber mit ähnlicher Atmosphäre.
- „Brokeback Mountain" (2005) - Der Klassiker über zwei Cowboys, die ihre Liebe geheim halten müssen. Thematisch verwandt, aber stilistisch ganz anders.
- Andere Werke von Martín Rodríguez Redondo: „Marilyn" war sein Debütfilm. Neue Projekte des Regisseurs sind uns bis April 2026 nicht bekannt - falls er weitere Filme gedreht hat, lohnt es sich aber definitiv, sie im Auge zu behalten.
