Mr. Dicks #Lust - Wenn Fernsehen radikal über Sex spricht

Eine experimentelle ARD-Sendung von 2014, die queere Perspektiven, feministische Pornografie und absurde Animationen zu einem verstörend ehrlichen Blick auf Lust vereinte - und heute noch bemerkenswert wirkt.

justboys-Redaktion

3 Min Lesezeit

Mr. Dicks #Lust - Wenn Fernsehen radikal über Sex spricht - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Es gab mal eine Zeit, in der öffentlich-rechtliches Fernsehen wirklich experimentierte. 2014 strahlte Einsfestival mit "Mr. Dicks" ein crossmediales Magazin aus, das mit animierten Kunstfiguren, unzensierten Blicken auf Sexualität und einer gehörigen Portion Provokation alles auf den Kopf stellte, was man von einem ARD-Format erwartete. Die Episode zum Thema "Lust" ist dabei besonders interessant - gerade für ein queeres Publikum, das sich fragt, warum TV heute oft zahmer wirkt als vor über einem Jahrzehnt.

Mr. Dicks: Das experimentelle Gesellschaftsmagazin 2014

"Mr. Dicks" war kein klassischer Film, sondern ein experimentelles Gesellschaftsmagazin, das zwischen Februar und April 2014 drei Folgen lang auf Einsfestival lief und parallel bei 1LIVE und im Netz ausgespielt wurde. Der Rahmen: eine animierte, zynische Figur namens Mr. Dicks und sein Flamingo Fred, die durch verschiedene Kurzfilme, Reportagen und künstlerische Beiträge zu großen Themen führten - Rausch, Ego, Lust. Die letzte Folge, "#Lust", strahlte am 19. Februar 2014 aus.

Die Beiträge kamen von unabhängigen Filmemachern, Künstlern und Bands, die sonst im Fernsehen keine Plattform hatten. Für die Lust-Episode steuerte die schwedische Porno-Regisseurin Erika Lust eine Auswahl ihrer "100 Momente der Lust" bei - feministisch produzierte, explizite Kurzfilme, die Sexualität jenseits männlicher Mainstream-Pornografie zeigen. Ein Paar sprach offen über Breath Play (erotisches Würgen), der britische Animationskünstler James Murray inszenierte Essen als "Pleasure Machine", und der schwedische Filmemacher David Kvart dokumentierte das "Annual Mooning of Amtrak" in Kalifornien, bei dem hunderte Menschen einem vorbeifahrenden Zug ihre blanken Hintern zeigen. Die Berliner Band Bonaparte komponierte einen exklusiven Song. Dazwischen: Mr. Dicks selbst, der die Zuschauer in eine absurd-dreckige Welt voller unbequemer Wahrheiten über Begehren zog.

Das Format war bewusst anti-objektiv, anti-glatt, anti-Mainstream. Kein Moderator, der erklärt, keine pädagogische Rahmung - nur subjektive, teils verstörende Perspektiven auf Lust in all ihren Facetten.

Unbeugsame Stimmen aus einer mutigeren ÖR-Zeit

Aus heutiger Sicht wirkt "Mr. Dicks #Lust" wie ein Relikt aus einer mutigeren Ära des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Die Sendung gab queeren und feministischen Stimmen Raum, ohne sie zu domestizieren oder in lehrhafte Diversity-Schablonen zu pressen. Erika Lusts Beiträge etwa - sie ist bis heute eine der bekanntesten Vertreterinnen feministischer Pornografie und dreht weiterhin für ihre Plattform "XConfessions" - zeigten 2014 im deutschen Fernsehen explizit Sex, der Konsens, Ästhetik und weibliche Lust in den Mittelpunkt stellte. Das war radikal, und es ist auch 2026 noch selten.

Gleichzeitig ist die Sendung natürlich gealtert: Die Ästhetik der Animationen wirkt heute low-budget-schrullig, und manche Beiträge leben mehr von Schockwert als von Tiefe. Aber gerade diese raue, unfertige Energie macht "Mr. Dicks" interessant - es ist Autorenfernsehen, das sich nicht für Algorithmen oder Quoten verbog, sondern einfach Kunst und Provokation nebeneinander stellte. Für queere Zuschauer, die sich fragen, warum so viele heutige Formate zwar inklusiv, aber oft auch glattgebügelt sind, kann das ein wohltuender Kontrast sein.

Triggerwarnung: Die Sendung behandelt explizit Sexualität (inklusive BDSM-Praktiken wie Breath Play), zeigt teils pornografisches Material und arbeitet mit provokanten, absurden Bildern. Nicht für alle Gemüter geeignet.

Die Jagd nach drei vergessenen Folgen

Hier wird es schwierig: "Mr. Dicks" war ein einmaliges TV-Experiment und wurde nach drei Folgen nie wiederholt oder ins Streaming übernommen. Die ARD Mediathek listet die Sendung nicht mehr, und auch auf YouTube oder anderen Plattformen gibt es keine offiziellen Uploads. Es ist möglich, dass Mitschnitte in Archiven oder auf privaten Kanälen zirkulieren, aber ein legales, zugängliches Streaming-Angebot existiert Stand April 2026 nicht.

Wer sich für Erika Lusts Arbeit interessiert, kann ihre aktuellen Filme auf ihrer eigenen Plattform Lust Cinema oder via XConfessions streamen (kostenpflichtig). Ihr Spielfilm "The Wedding - Eine Hochzeit voller Lust" aus dem Jahr 2023 ist teilweise auf Video-on-Demand-Diensten erhältlich.

Queere und explizite TV danach: Das gibts noch

Wenn du nach ähnlich unkonventionellen, queeren oder sexuell expliziten TV-Formaten suchst, die abseits des Mainstreams operieren:

  • "Planet Sex with Cara Delevingne" (2022-2023, Hulu/Sky) - Dokumentarserie, in der Erika Lust selbst zu Wort kommt und die globale Sexualität aus queerer, inklusiver Perspektive beleuchtet.
  • "Fucking Different"-Anthologien (2005ff.) - Queere Kurzfilm-Reihen aus Berlin, die explizit und experimentell LGBTQ+-Sexualität inszenieren.
  • Vice-Dokumentationen zum Thema Sexualität - Ähnlich rau und ungeschminkt, oft mit Fokus auf subkulturelle oder tabuisierte Perspektiven.

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