Nevrland - Angststörung, Sex-Cam-Chat und die Reise zu dir selbst

Der 17-jährige Jakob kämpft mit lähmenden Panikattacken und flüchtet sich in virtuelle Welten. Als er in einem Sex-Cam-Chat den mysteriösen Künstler Kristjan kennenlernt, beginnt eine psychedelische Reise zwischen Realität und Fantasie.

justboys-Redaktion

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Nevrland - Angststörung, Sex-Cam-Chat und die Reise zu dir selbst - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Was macht Angst mit einem jungen Körper, der gerade erst lernt zu begehren? Der österreichische Film aus dem Jahr 2019 geht diese Frage radikal anders an als die meisten Coming-of-Age-Geschichten: Regisseur Gregor Schmidinger zeigt sexuelles Erwachen nicht als romantisches Abenteuer, sondern als existenziellen Trip durch die eigenen Abgründe. Für schwule Zuschauer, die sich in glatten Netflix-Narrativen nicht wiederfinden, ist das eine seltene Chance.

Jakob in Wien: Schlachthof, Angst und Sex-Cam

Jakob ist 17, lebt mit seinem Vater und Großvater in einer beengten Wiener Wohnung und jobbt im selben Schlachthof wie sein stoischer Vater. Das Geld braucht er fürs Studium. Doch eine zunehmende Angststörung macht ihm das Leben immer schwerer: Panikattacken überfallen ihn mitten in der Arbeit, sein Körper wird ihm zum Feind. Jakob flüchtet sich in virtuelle Welten, Pornos, digitale Räume, in denen er für Momente atmen kann.

Eines Nachts trifft er in einem Sex-Cam-Chat auf Kristjan, einen 26-jährigen Künstler aus London, der in Wien lebt. Aus dem Gespräch entwickelt sich eine merkwürdige virtuelle Freundschaft. Auch in der realen Welt kreuzen sich ihre Wege immer wieder - auf unheimliche, fast magische Weise, ohne dass es zu einer echten Begegnung kommt. Als Jakobs geliebter Großvater stirbt, fasst Jakob allen Mut zusammen und verabredet sich endlich mit Kristjan.

Was folgt, ist keine klassische Gay-Romance. In Kristjans Wohnung, auf Technoclubtoiletten und in psychedelischen Bilderwelten beginnt Jakobs Reise nach Nevrland - ein tiefenpsychologischer Trip zu den Wunden seiner Seele. Kristjan gibt ihm DMT, ein Halluzinogen, das einer Nahtoderfahrung ähneln soll. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie lösen sich auf, Fraktale explodieren, Maschinenelfen tauchen auf, und Jakob muss sich seiner größten Angst stellen: seinem eigenen Körper.

Post-Gay Realismus: Wenn Homo-Sein nicht das Problem ist

Schmidinger nennt seinen Film selbst „post-gay" - und das ist der entscheidende Punkt. Jakobs Homosexualität ist kein Problem, kein Drama, kein Coming-out-Konflikt. Sie ist einfach da. Der eigentliche Kampf findet woanders statt: in Jakobs Kopf, in seinem Körper, in der Frage, wie man überhaupt leben lernt, wenn Angst einen auffrisst. Das macht Nevrland auch 2026 noch außergewöhnlich radikal.

Was viele queere Filme von heute glattbügeln - Sexualität, Pornografie, Einsamkeit, Körperlichkeit -, zeigt Nevrland ungeschönt. Der Film ist bildgewaltig und atmosphärisch dicht, mit einem Sounddesign, das körperlich wird. Techno als postschamanische Höhle, wie Schmidinger sagt. Wer sich auf diesen visuellen und akustischen Horrortrip einlässt, erlebt einen Film, der nicht erklärt, sondern spürbar macht.

Hauptdarsteller Simon Frühwirth gibt in seiner allerersten Filmrolle eine Performance, die ihm prompt den Schauspielpreis bei der Diagonale 2019 einbrachte. Neben ihm spielt Josef Hader als Jakobs wortkarger Vater - eine stille, aber eindrückliche Präsenz. Paul Forman als Kristjan verkörpert den mysteriösen Fremden mit genau der richtigen Mischung aus Anziehung und Gefahr.

Der Film ist verstörend, visuell überwältigend und nichts für Zuschauer, die leichte Kost suchen. Triggerwarnung: Der Film zeigt explizit Panikattacken, Schlachthofszenen, Drogenkonsum und intensive, teils surreale Sexualität. Wer mit Angststörungen zu kämpfen hat, sollte sich darauf einstellen, dass Schmidinger hier keine Distanz schafft - im Gegenteil.

Streamen oder kaufen: Prime, Apple TV, Sky, DVD

  • Amazon Prime Video: Im Abo streambar (Stand April 2026)
  • Apple TV, Amazon Video, Sky Store: Als Kauf oder Leihe verfügbar
  • DVD/Blu-ray: Über Salzgeber und Hoanzl Shop bestellbar
  • Nicht verfügbar: Netflix, Mubi, ARD/ZDF Mediathek, ORF

Schmidingers andere Werke + psychedelische Radikalität

Wenn du Nevrlands psychedelische Radikalität magst, schau dir diese Filme an:

  • Homophobia (2012): Gregor Schmidingers eigener Kurzfilm über zwei junge Soldaten - brutal, intim und auf YouTube millionenfach geklickt. Ein guter Einstieg in Schmidingers Bilderwelt.
  • Beach Rats (2017): Eliza Hittmans Coming-of-Age-Film über einen Teenager in Brooklyn, der seine Sexualität auf Webcam-Plattformen erkundet - ähnlich roh, ähnlich ehrlich.
  • Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981): Ein anderer Körper-Horror-Trip über Jugend, Drogensucht und Selbstfindung in Berlin - stilistisch anders, aber thematisch verwandt.
  • Night Sessions (angekündigt): Gregor Schmidingers nächstes Projekt, ein Thriller mit Johnny Knoxville, wurde im Februar 2026 auf der Berlinale angekündigt. Es bleibt spannend, wohin der Regisseur sich entwickelt.

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