Nevrland - Angst, Begehren und die Flucht ins Digitale

Der österreichische Film aus dem Jahr 2019 zeigt den 17-jährigen Jakob, der unter Panikattacken leidet und online dem mysteriösen Kristjan begegnet. Ein bildgewaltiger Trip zwischen Schlachthof-Realität und psychedelischer Fantasie.

justboys-Redaktion

3 Min Lesezeit

Nevrland - Angst, Begehren und die Flucht ins Digitale - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Trailer über YouTube - beim Abspielen werden Daten an Google übertragen.

Wer nach einem queeren Coming-of-Age-Film sucht, der nicht glattgebügelt ist und der echte psychische Abgründe zeigt, findet in „Nevrland" ein seltenes Juwel. Der österreichische Regisseur Gregor Schmidinger erzählt hier keine Feel-Good-Story, sondern eine intensive, verstörende Reise in die Seele eines jungen schwulen Mannes, der nicht weiß, wer er ist - und Angst davor hat, es herauszufinden.

Jakobs Abstieg in die Nevrland - Schlachthof, Einsamkeit, Online-Flucht

Jakob ist 17, lebt mit seinem Vater und Großvater in einer beengten Wiener Wohnung und jobbt im selben Schlachthof, in dem auch sein Vater arbeitet. Der Alltag ist monoton, grau und von wenigen Worten geprägt. Doch Jakob leidet unter heftigen Panikattacken, die ihn immer wieder überrollen - ob in der Gemeinschaftsdusche der Arbeiter oder auf dem Heimweg durch die Stadt.

Nachts flüchtet er sich in Sex-Cam-Chats, wo er auf den 26-jährigen Künstler Kristjan trifft - einen attraktiven, geheimnisvollen Amerikaner, der in Wien lebt. Aus dem digitalen Gespräch entwickelt sich eine virtuelle Freundschaft, und plötzlich kreuzen sich ihre Wege auch in der realen Welt: auf der Straße, im Club, immer knapp vorbei, ohne dass es zu einer echten Begegnung kommt.

Filmstill bzw. Pressefoto zum Film

Nach einem schweren persönlichen Verlust fasst Jakob sich ein Herz und verabredet sich mit Kristjan. Was folgt, ist keine klassische Liebesgeschichte, sondern ein surrealer, bildgewaltiger Trip, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie, zwischen Begehren und Angst, zwischen Leben und Tod verschwimmen. Schmidinger selbst nennt den Film eine „transpersonale Reise" - und genau das ist er: ein psychedelisches Erwachen, das weh tut.

Psychische Notlagen 2026: Was Schmidinger 2019 vorhergesehen hat

„Nevrland" ist aus dem Jahr 2019 und hat seitdem nichts von seiner Wirkung verloren - im Gegenteil. In Zeiten, in denen psychische Gesundheit endlich entstigmatisiert wird, wirkt Schmidingers radikale Visualisierung von Angststörungen fast prophetisch. Er zeigt, was viele queere Filme ausblenden: dass Coming-out nicht automatisch zu Befreiung führt, dass Selbstakzeptanz ein schmerzhafter, manchmal halluzinatorischer Prozess sein kann.

Der Film arbeitet viel mit Symbolik - Schlachthaus-Bilder, biblische Motive, kosmische Weiten -, was manche als überladen empfinden könnten. Doch genau diese Ästhetik macht „Nevrland" zu etwas Besonderem: Es ist kein Film, der erklärt, sondern einer, der dich spüren lässt. Hauptdarsteller Simon Frühwirth, der hier sein Filmdebüt gibt, spielt Jakob mit einer erschütternden Intensität - still, fragil, zerrissen.

Triggerwarnung: Der Film zeigt explizite Gewalt (Schlachthof-Szenen), psychische Krisen, Panikattacken, sexuelle Inhalte und Suizidgedanken. Wer selbst mit Angststörungen kämpft, sollte vorsichtig sein - oder den Film gerade deshalb schauen, weil er das Unsagbare sichtbar macht.

Salzgeber, Amazon Prime, DVD - Alle Zugänge zu Nevrland

  • Salzgeber Club - im Stream (kostenpflichtig)
  • Kino VOD Club - unterstützt österreichische Kinos direkt
  • DVD und Blu-ray über den Salzgeber Shop - mit Bonusmaterial (Deleted Scenes, Audiokommentar, Musikvideo)
  • Amazon Prime Video, Apple TV und andere Plattformen bieten den Film zum Kauf/Leihen an (Stand April 2026 - Verfügbarkeit kann variieren)

Der Film lief außerdem im August 2024 auf 3sat und könnte in deren Mediathek noch verfügbar sein.

Von Schmidinger zu anderen: Filme über digitale Zuflucht

Wenn du „Nevrland" magst, schau dir diese Filme an:

  • The Boy Next Door (2008, Gregor Schmidinger) - der frühe Kurzfilm des Regisseurs, ebenfalls über Angst, Begehren und Selbstfindung. Mehr als 15 Millionen Views auf YouTube zeigen: Schmidinger trifft einen Nerv.
  • Homophobia (2012, Gregor Schmidinger) - sein zweiter Kurzfilm, der von einem schwulen Rekruten im österreichischen Bundesheer erzählt. Brutal, intim, unvergesslich.
  • Große Freiheit (2021, Sebastian Meise) - ein weiterer österreichischer Beitrag, der queeres Leid ohne Kitsch zeigt: die Geschichte eines Mannes, der nach § 175 immer wieder ins Gefängnis kommt.
  • Beach Rats (2017, Eliza Hittman) - stilistisch verwandt, aber realistischer: ein Teenager in Brooklyn, der seine Sexualität in Online-Chats erforscht, während sein Leben offline zerfällt.

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