Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt - Aufstand in 67 Minuten

Rosa von Praunheims legendärer Film von 1971 zündete die deutsche Schwulenbewegung. Ein radikales, wütendes Manifest - und historisch wichtiger, als die meisten jungen Queers heute ahnen.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt - Aufstand in 67 Minuten - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Es gibt Filme, die machen dich wütend. Und dann gibt es Filme, die eine ganze Bewegung ins Leben rufen. „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" ist von der zweiten Sorte - ein 67-minütiger Wutausbruch, der 1971 die schwule Szene in Deutschland aufmischte, wie es kein Werk davor geschafft hatte. Heute, über 50 Jahre später, ist er mehr als ein Zeitdokument: Er ist der Ursprung dessen, was wir heute als queere Selbstermächtigung kennen.

Daniel und Clemens: Liebe im Aufbruch Berlin 71

Der Film aus dem Jahr 1971 erzählt die Geschichte von Daniel, einem jungen Mann aus der Provinz, der nach Berlin kommt und dort zufällig auf Clemens trifft. Beide erleben die große Liebe, ziehen zusammen und versuchen, eine bürgerliche Ehe nachzubilden - mit allem, was dazugehört: gemeinsame Abende, Häuslichkeit, Zweisamkeit. Doch nach vier Monaten endet das Glück abrupt. Daniel hat inzwischen einen älteren, wohlhabenden Mann kennengelernt und zieht mit ihm in dessen Villa zusammen.

Doch auch diese Beziehung scheitert, als Daniel seinen neuen Partner beim Betrug erwischt. Enttäuscht und orientierungslos taucht er in die Berliner Schwulenszene der frühen 1970er Jahre ein: versteckte Bars hinter zugeklebten Fenstern, anonyme Begegnungen auf öffentlichen Toiletten, ständig wechselnde Partner. Genau das, was Daniel nie sein wollte, wird er nun selbst - ein Schwuler, der die Mechanismen der Szene reproduziert, ohne auszubrechen.

Aber „Nicht der Homosexuelle ist pervers" ist kein klassischer Spielfilm. Regisseur Rosa von Praunheim drehte die Bilder stumm, legte einen durchgehenden, deklamatorischen Off-Kommentar darüber, der 90-mal das Wort „schwul" verwendet - damals, 1971, zwei Jahre nach Abschaffung des § 175, noch ein Hassausdruck. Der Film ist Manifest, Pamphlet, Provokation und Dokumentation zugleich. Er mischt Spiel- und Dokumentarfilm-Elemente und richtet seine Kritik vor allem an die eigene Szene, der Praunheim selbstverschuldete Unsichtbarkeit und Anpassung vorwarf.

Queere Politkino - warum dieser Film Geschichte schrieb

Historikerin Dagmar Herzog schrieb, die Bedeutung dieses Films für die Schwulenbewegung in Deutschland könne „gar nicht hoch genug eingeschätzt werden." Und tatsächlich: Kaum ein anderer deutscher Film hat queere Politik so radikal geprägt. Im deutschsprachigen Raum hat er laut dem Fachverband Homosexualität und Geschichte einen „ähnlich ikonischen Charakter wie die Stonewall Riots in den USA."

Was macht ihn heute noch relevant? Vor allem seine schonungslose Ehrlichkeit. Praunheim zeigt nicht den „adrett sauberen Burschen, der mit einem Freund seit dreißig Jahren glücklich und unauffällig beieinander wohnt", wie er selbst sagte. Er zeigt Einsamkeit, Selbsthass, Kommerzialisierung, Anpassungsdruck - und er macht deutlich: Nicht die homosexuelle Orientierung ist das Problem, sondern eine Gesellschaft, die Schwule in die Unsichtbarkeit, in Scham und in die Rolle des Geduldeten drängt.

Vieles hat sich seit 1971 verändert - und doch ist der Film bemerkenswert aktuell. Die Frage, ob queere Menschen sich anpassen oder sichtbar politisch sein sollen, spaltet die Community bis heute. Der Druck, „normal" zu wirken, ist längst nicht verschwunden. Und Praunheims Aufruf zur Solidarität, zur Selbstorganisation und zum Widerstand gegen heteronormative Erwartungen? Der hallt auch 2026 noch nach.

Achtung: Der Film arbeitet mit provokanten, teils überzeichneten Darstellungen und einer Sprache, die heute als veraltet gilt. Das ist historisch gewollt - und für manche Zuschauer*innen trotzdem anstrengend. Wer sich darauf einlässt, bekommt aber ein einzigartiges Zeitdokument, das queere Geschichte greifbar macht.

Traurige Randnotiz: Rosa von Praunheim starb am 17. Dezember 2025 im Alter von 83 Jahren in Berlin. Seinen letzten Film „Sex und Tod" schloss er im September 2025 ab - eine Aufführung erlebte er nicht mehr. Sein Vermächtnis aber bleibt: über 150 Filme, unzählige Dokumentationen über queeres Leben und ein Aktivismus, der Generationen inspiriert hat.

MagentaTV, Apple TV - so leihst du ihn 2026

  • Leihen oder Kaufen: Der Film ist bei MagentaTV und im Apple TV Store als Leihe oder zum Kauf verfügbar (Stand: März 2026).
  • Streaming-Abos: Aktuell gibt es keine kostenlosen Streaming-Optionen in DACH.
  • Amazon Prime Video führt den Film zwar in seiner Datenbank, ob er dort im Abo enthalten ist oder nur als kostenpflichtiger Titel verfügbar ist, war zum Recherchezeitpunkt nicht eindeutig - am besten direkt nachschauen.
  • Alternativ: DVD über den Salzgeber-Shop oder spezialisierte Filmarchive wie das Arsenal Berlin, das den Film regelmäßig in Retrospektiven zeigt.

Klassiker der frühen Schwulenbewegung ansehen

Dann schau dir auch diese Werke an:

  • Die Bettwurst (1971) - Rosa von Praunheims satirische Abrechnung mit der bürgerlichen Ehe, ebenfalls ein Kultfilm der frühen queeren Filmszene.
  • Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen (1979) - Praunheims Dokumentation über die schwule Befreiungsbewegung, militant, poetisch, radikal.
  • Ein Virus kennt keine Moral (1986) - Praunheims frühe Auseinandersetzung mit der AIDS-Krise, politisch und unbequem.
  • Farocki-Dokus oder Derek Jarman - wenn du auf radikale Filmsprache und queere Perspektiven stehst, führen diese Wege ebenfalls ins Herz des politischen Kinos der 1970er und 80er.

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