Pillion (2025) - Wenn Devotion mehr ist als nur ein Kink

Schüchterner Vorstadt-Typ, heißer Biker-Dom, eine Menge Leder - und ein überraschend nuancierter Blick auf Unterwerfung, Selbstfindung und die Frage, was "Liebe" überhaupt bedeuten kann.

justboys-Redaktion

5 Min Lesezeit

Pillion (2025) - Wenn Devotion mehr ist als nur ein Kink - Coverbild

Bild © TMDb / Filmverleih

Trailer über YouTube - beim Abspielen werden Daten an Google übertragen.

Triggerwarnung: Der Film enthält explizite BDSM-Szenen, Darstellungen von Machtgefällen in Beziehungen und sexuell grafisches Material. Wenn das nicht deine Comfort-Zone ist, lies trotzdem weiter - wir klären, ob es sich lohnt.

Wenn du dachtest, queeres Kino 2025/26 sei zahm geworden, hat Regisseur Harry Lighton eine Überraschung für dich: Pillion, sein Spielfilmdebüt, ist eine schwule BDSM-RomCom, die bei den Filmfestspielen in Cannes 2025 den Drehbuch-Preis in der Sektion Un Certain Regard gewann - und seitdem die Gemüter spaltet. Manche nennen es "eine Wallace-&-Gromit-Version von Fifty Shades", andere feiern es als ehrlichste queere Beziehungsdarstellung seit Jahren. Wieder andere werfen dem Film vor, toxische Muster zu romantisieren. Was stimmt?

Colin trifft Ray: Ein klassisches Missmatch mit Ketten und Leder

Colin (Harry Melling, ja, der Dudley aus Harry Potter) ist Mitte 30, lebt bei seinen Eltern in der englischen Vorstadt, arbeitet als Politesse und singt in seiner Freizeit in einem Barbershop-Quartett. Dating-Leben? Eher mau. Bis er in einer Kneipe auf Ray (Alexander Skarsgård) trifft - einen enigmatischen, wortkargen Biker mit Lederkluft und dem Charisma eines nordischen Gottes. Ray hinterlässt ihm seine Nummer. Colin, völlig perplex, greift zu.

Was folgt, ist keine klassische Romanze: Ray sucht einen Sub, Colin wird sein "Pillion" - der Beifahrer auf dem Motorrad, aber auch: der devote Part. Colin kocht, putzt, schläft auf dem Boden neben Rays Bett, trägt eine Kette mit Vorhängeschloss um den Hals (Ray hat den Schlüssel). Und Colin? Genießt es. Er rasiert sich den Kopf, wird selbstbewusster im Job, findet Anschluss in Rays schwuler Biker-Gang - und verliebt sich. Doch langsam dämmert ihm: Was er von Ray will (Nähe, Küsse, Emotionen), wird er von diesem Mann vielleicht nie bekommen.

Zwischen Empowerment und roter Flagge - wie ehrlich ist die Darstellung?

Hier wird's komplex. Pillion zeigt eine Dom-Sub-Beziehung, die consensual ist - aber emotional einseitig. Ray gibt nichts von sich preis, Colin opfert immer mehr. Ist das gesunde Kink-Dynamik oder eine toxische Beziehung im Leder-Kostüm?

Die Community ist sich uneinig: Manche BDSM-Praktiker*innen loben den Film dafür, dass er Devotion nicht als Pathologie darstellt, sondern als legitimen Ausdruck von Identität. Lighton recherchierte intensiv, verbrachte ein Wochenende beim Gay Bikers Motorcycle Club (GBMCC), holte echte Mitglieder als Berater und Statisten an Bord. Das merkt man: Die Szenen fühlen sich weniger wie Voyeurismus an, mehr wie ein respektvoller Blick von innen.

Trotzdem gibt es Kritik: Ein Teil der queeren Community sieht in Pillion eine weitere "traurige schwule Geschichte", in der hetero Schauspieler (Skarsgård und Melling sind beide straight) für ihre "mutige" Darstellung gefeiert werden, während reale queere und kinky Menschen weiter marginalisiert bleiben. Manche Rezensent*innen - vor allem aus der LGBTQ+-Presse - werfen dem Film vor, BDSM als Missbrauch zu inszenieren, ohne die Konsens-Kultur der echten Community ausreichend zu zeigen.

Meine Take: Der Film will keine Anleitung zu gesundem Kink sein - er erzählt Colins Coming-of-Age-Geschichte. Am Ende lernt er, Grenzen zu setzen, seine Bedürfnisse zu artikulieren und sich einen neuen Dom zu suchen, der ihm das gibt, was er braucht. Das ist Empowerment - auch wenn der Weg dorthin schmerzhaft ist.

Melling und Skarsgård: Eine Performance-Masterclass in wenigen Worten

Harry Melling spielt Colin mit einer Mischung aus stiller Sehnsucht und wachsender Selbstermächtigung, die dich mitreißt - auch wenn du selbst nicht auf Bootlicking stehst. Skarsgård dagegen ist eine Wand aus Schweigen und kontrollierter Dominanz. Ray bleibt enigmatisch bis zur letzten Einstellung, und das ist Absicht: Wir sehen ihn durch Colins Augen - fasziniert, verletzt, aber nie ganz durchschaubar.

Besonders stark: Lesley Sharp als Colins Mutter Peggy, die ihren schwulen Sohn bedingungslos unterstützt - bis sie merkt, dass diese Beziehung ihn verändert, und zwar nicht unbedingt zum Guten. Auch Jake Shears (ja, der Scissor-Sisters-Sänger) gibt sein Schauspieldebüt als Kevin, einer der anderen Subs in der Gang, und bringt eine überraschende Leichtigkeit in die explizitesten Szenen.

Wo du Pillion 2026 in DACH sehen kannst

Der Film lief ab 28. November 2025 in britischen Kinos und startete am 26. März 2026 bundesweit in Deutschland (Verleih: Weltkino) - FSK 16, obwohl manche Kritiker das für optimistisch halten. In Österreich läuft er über denselben Verleih. Schweizer Kinostart war ebenfalls im März 2026 über Praesens Film.

Mittlerweile ist Pillion auch auf digitalen Plattformen verfügbar - allerdings: In den USA wurde die VoD-Version für ein R-Rating geschnitten (unter anderem weniger explizite Nacktheit, verkürzte Sex-Szenen). Die DACH-Fassung im Kino entspricht der ungekürzten UK-Version mit 18-Rating. Wenn du auf Streaming wartest, prüf vorher, welche Version läuft.

Lohnt sich Pillion - oder ist es nur Hype um Haut und Leder?

Ehrlich? Pillion ist kein perfekter Film. Die Handlung ist dünn - im Grunde eine einzige Beziehung, die sich entwickelt und implodiert. Manche Kritiker*innen fanden das narrativ zu schmal, zu sehr auf Schock-Momente ausgelegt. Und ja: Wenn du keine expliziten Sex-Szenen sehen willst, ist das hier nicht dein Film.

Aber: Wenn du Bock hast auf queeres Kino, das wagt, das nicht nur händchenhaltend durch den Park spaziert, sondern fragt "Was, wenn Liebe und Schmerz, Hingabe und Selbstaufgabe, Kink und Identität ineinander verschwimmen?" - dann ist Pillion ein Must-Watch. Lighton inszeniert mit einer Mischung aus britischem Humor und emotionaler Tiefe, die selten ist. Die Cannes-Jury gab dem Drehbuch den Preis, Rotten Tomatoes steht bei 99 % positive Kritiken.

Für wen ist der Film? Für dich, wenn du Call Me By Your Name mochtest, aber dachtest "zu soft". Wenn du Secretary liebst, aber queere Perspektiven vermisst hast. Wenn du selbst in der Szene bist - oder einfach neugierig. Und für alle, die glauben, dass queere Geschichten mehr sein dürfen als Trauma-Porn oder Happy-End-Kitsch.

Pillion ist beides nicht. Es ist ein Film über einen Mann, der lernt, dass Devotion kein Selbstverlust sein muss - und dass die schwerste Form von Dominanz manchmal die ist, die man über sich selbst ausübt.

Bilder zum Film

Pressefotos und Filmstills (© Salzgeber & Co. Medien / jeweiliger Filmverleih). Genutzt im Sinne kritischer Berichterstattung gemäß §51 UrhG.

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