Ein schwuler Coming-of-Age-Film, der wie ein lebendig gewordenes Barock-Gemälde aussieht und in dem Callboys mit ihren Klienten über Caravaggio statt über Poppers reden? Postcards from London ist eines dieser Filme, die man entweder als visuelles Meisterwerk oder als überdrehtes Kunstschul-Projekt empfindet - irgendwo dazwischen gibt es wenig.
Jims Flucht nach Soho: Kunsthunger und Abgrund
Der 18-jährige Jim (Harris Dickinson) flieht aus der Provinz Essex nach London - genauer gesagt ins queere Szeneviertel Soho - auf der Suche nach Kunst, Kultur und einem neuen Leben. Doch schon in der ersten Nacht wird er ausgeraubt und steht ohne Geld auf der Straße. Eine Barmaid erkennt sein engelsgleiches Gesicht und schickt ihn in eine schwule Bar, wo er auf eine ungewöhnliche Gruppe trifft: die „Raconteurs".
Das sind nicht nur Callboys, sondern selbsternannte Kunstkenner, die wohlhabende ältere Männer mit ihrem enzyklopädischen Wissen über Kunst - vor allem über frühbarocke Meister wie Caravaggio - unterhalten. Sex gehört dazu, klar, aber das eigentliche Produkt ist die intellektuelle Konversation. Jim wird Teil dieser schrillen Gruppe, doch es gibt ein Problem: Er leidet am Stendhal-Syndrom, einer seltenen psychosomatischen Störung, die ihn beim Anblick von Kunstwerken ohnmächtig werden lässt.
Was folgt, ist eine surreale Reise durch Londons Unterwelt der käuflichen Liebe, durch Halluzinationen in denen Jim sich selbst als Teil von Caravaggio-Gemälden wiederfindet, und durch die Frage, ob seine Überempfindlichkeit für Kunst ihn zerstören oder zu etwas Größerem führen wird. Der Film aus dem Jahr 2018 wurde von Regisseur Steve McLean inszeniert - sein erster Langfilm nach 24 Jahren Pause seit Postcards from America (1994).
Caravaggio im Neon: Visuelles Meisterwerk 2026
Visuell ist Postcards from London atemberaubend. Kamerafrau Annika Summerson taucht jede Szene in Neon-Farben, krasses Licht-Schatten-Spiel und tableaux vivants, die direkt aus Caravaggio-Gemälden zu stammen scheinen. Das ist New Queer Cinema als Pop-Art-Collage - Referenzen an Pasolinis Accattone, Fassbinders Querelle und Gus Van Sants My Own Private Idaho inklusive. Wer Derek Jarmans ästhetischen Mut oder die queeren Kunstwelten von Pierre et Gilles liebt, wird hier glücklich.
Gleichzeitig ist der Film ziemlich anstrengend. Die Dialoge sind geschwollen und selbstverliebt, die Handlung dünn und episodisch. Manchmal fühlt es sich an, als würde McLean mehr zitieren als erzählen. Aber genau das ist auch der Punkt: Der Film ist ein Zitat, eine Hommage an eine queere Filmgeschichte, die oft unsichtbar gemacht wurde. In einer Zeit, in der viele queere Filme auf Netflix glattgebügelt und auf Coming-out-Dramen reduziert werden, ist Postcards from London herrlich sperrig und unapologetisch camp.
Triggerwarnung: Der Film zeigt Sexarbeit und explizite (wenn auch stilisierte) sexuelle Situationen. Wer mit sehr theatralischen, „artsy" Inszenierungen nichts anfangen kann, wird hier frustriert sein.
Streaming-Optionen: Queer Cinema & Prime Video
- In Deutschland streambar über den Queer Cinema Channel bei Amazon (im Abo), außerdem zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV, Amazon Video und Rakuten TV.
- Auf Netflix verfügbar (Verfügbarkeit kann je nach Region variieren, bitte lokal prüfen).
- DVD erhältlich über Amazon.de für ca. 9,99-13,99 EUR, ebenfalls über den Salzgeber-Shop bestellbar.
Fassbinder und Van Sant: Stilistische Verwandte
Dann schau dir auch diese Filme an:
- Querelle (Rainer Werner Fassbinder, 1982) - Der stilistische Vorläufer schlechthin: homoerotisches Kino als Gesamtkunstwerk, nach Jean Genet.
- My Own Private Idaho (Gus Van Sant, 1991) - Zwei junge Stricher auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit, mit River Phoenix und Keanu Reeves.
- Caravaggio (Derek Jarman, 1986) - Jarmans radikale, anachronistische Biografie des Malers, die McLean klar beeinflusst hat.
- Beach Rats (Eliza Hittman, 2017) - Ebenfalls mit Harris Dickinson: ein deutlich erdiger, realistischerer queerer Coming-of-Age-Film über einen jungen Mann in Coney Island.
