Prora - Zwischen Nazi-Ruinen und queerer Befreiung

Ein 23-minütiger Kurzfilm über zwei Jungs, ein verlassenes Nazi-Ferienlager und einen Kuss, der alles ändert. Warum Stéphane Riethausers "Prora" auch 2026 noch eindringlicher ist als so mancher Coming-out-Film.

justboys-Redaktion

3 Min Lesezeit

Prora - Zwischen Nazi-Ruinen und queerer Befreiung - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Ein leicht angetrunkener Morgen am Strand. Zwei Teenager, die nach einer Party noch nicht ins Bett wollen. Und dann dieses monströse Nazi-Gebäude, das sich kilometerlang an der Ostsee entlangzieht - verlassene Korridore, Nazi-Parolen an den Wänden, zerbrochenes Glas. In diesen 23 Minuten passiert etwas, was sich weder Jan noch Matthieu vorgestellt haben. Ein Kurzfilm, der sich anfühlt wie ein Gedicht aus Beton und Sehnsucht.

Jan und Matthieu: Ein Sommer an der Ruine

Der Film aus dem Jahr 2012 folgt dem 17-jährigen Jan aus Deutschland und dem 18-jährigen Matthieu aus Frankreich, die gemeinsam ihren Sommer auf Rügen verbringen. Matthieu gibt sich als Frauenheld, Jan ist schüchterner. Als sie eines frühen Morgens von einer Party zurückkommen, rauchen sie noch am Strand vor Prora - dem ehemaligen "Kraft durch Freude"-Seebad, das die Nazis in den 1930ern bauen ließen und das später als Kasernenkomplex der NVA diente. Ein gespenstischer Ort, endlos und leer.

Matthieu dringt ins Gebäude ein, Jan folgt widerwillig. In den verfallenen Räumen entdecken sie Hakenkreuze und Nazi-Parolen. Matthieu beginnt, sich darüber lustig zu machen - ein Spiel, das Jan zunehmend aufbringt. Er verfolgt Matthieu durch die Gänge, und als er ihn schließlich stellt, passiert etwas Unerwartetes: Jan küsst ihn. Matthieu ist überrascht, erwidert dann aber die Nähe, und die beiden haben Sex auf dem glasübersäten Boden.

Danach kippt die Stimmung. Matthieu verliert die Orientierung, wird gereizt, aggressiv. Schließlich schlägt er Jan blutig nieder und verschwindet. Jan bleibt weinend und verletzt zurück. Am letzten Tag ihrer Ferien treffen sie sich ein letztes Mal am Strand. Ohne Worte. Matthieu sieht Jans Verletzung, reicht ihm die Hand. Sie gehen zusammen ins Wasser, schwimmen, und verabschieden sich mit einem Kuss.

Unbequeme Wahrheiten: Warum Prora immer noch brennt

Viele Coming-out-Filme erzählen heute von Akzeptanz, von glücklichen Enden, von Eltern, die dazulernen. Prora tut das nicht. Er zeigt zwei Jungs, die nicht wissen, wie sie mit ihrer Anziehung umgehen sollen, die sich in einem Moment der Intimität verlieren - und dann von Scham, Wut und Verwirrung überrollt werden. Das ist roh, schmerzhaft, und es fühlt sich echt an.

Was den Film auch 2026 noch so stark macht, ist seine Verdichtung. Regisseur Stéphane Riethauser - Journalist, LGBT-Aktivist und Filmemacher - hat hier mit minimalen Dialogen, atemberaubenden Luftaufnahmen und einer beklemmenden Symbolik gearbeitet. Prora, dieser gigantische Nazi-Komplex, wird zum dritten Protagonisten: ein Ort der Unterdrückung, der Geschichte, der verdrängten Gewalt. Und genau hier ereignet sich ein queerer Moment der Befreiung - und des Scheiterns.

Der Film ist nicht einfach anzusehen. Es gibt Gewalt (ein heftiger Schlag ins Gesicht), es gibt Sex auf gebrochenem Glas, und es gibt emotionale Brutalität. Wer sensibel auf internalisierte Homophobie oder körperliche Auseinandersetzungen reagiert, sollte das wissen. Aber genau diese Ungeschöntheit macht Prora zu einem Film, der nicht loslässt.

Übrigens: Riethauser hat 2019 mit Madame einen hochgelobten Dokumentarfilm über sein eigenes Coming-out und die Beziehung zu seiner Großmutter vorgelegt - ein Werk, das queere Identität über Generationen hinweg verhandelt und bei Festivals weltweit gefeiert wurde.

OUTtv, Salzgeber, Streaming: So findest du Prora

  • OUTtv Amazon Channel: Der Film ist als Teil des OUTtv-Abos über Amazon Prime Video streambar (Stand April 2026).
  • DVD/BluRay: Die DVD ist über Edition Salzgeber erhältlich (FSK 16), teils auch über spezialisierte Online-Shops.
  • Möglicherweise läuft der Film auch bei queeren Filmfestivals oder in Kurzfilm-Retrospektiven - etwa bei den Schwulen Filmtagen oder im Salzgeber Club als VoD.

Nach Prora: Filme ohne Happy End

Dann schau dir auch diese Filme an:

  • Madame (2019, Stéphane Riethauser) - Der autobiografische Dokumentarfilm des gleichen Regisseurs über Coming-out, Familie und queere Selbstfindung.
  • Beach Rats (2017, Eliza Hittman) - Ein US-amerikanischer Film über einen Teenager in Brooklyn, der seine Sexualität erkundet, während er sich in einem toxisch-maskulinen Umfeld bewegt.
  • Fremde Haut (2005, Angelina Maccarone) - Queeres Kino aus Deutschland, das Migration, Identität und unterdrückte Liebe verwebt.

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