Wenn du dachtest, dass Coming-out und erste große Liebe heute kompliziert sind, dann schau mal ins Ruhrgebiet der frühen 1980er Jahre. "Radio Heimat" ist zwar keine queere Geschichte im engeren Sinne, aber eine ehrliche, oft urkomische Erzählung darüber, wie verdammt schwer es ist, als junger Mensch herauszufinden, wer man sein will - und wie man damit umgeht, wenn die Welt um einen herum andere Pläne hat.
Vier Jungs im 80er-Jahre-Bochum: Auf der Suche
Der Film aus dem Jahr 2016 begleitet vier Freunde - Frank, Spüli, Pommes und Mücke - durch ihre Pubertät im Bochum der 80er Jahre. Wie die meisten Teenager ihres Alters haben sie ein klares Ziel: endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren. Vor allem Frank hat es dabei auf die schöne Carola Rösler abgesehen, in die er schon ewig verschossen ist. Doch zwischen Freibad-Flirts, Schrebergarten-Idylle und gut gemeinten Ratschlägen der Erwachsenen läuft so gut wie gar nichts nach Plan.
Parallel dazu erzählt der Film in Rückblenden die Liebesgeschichte von Franks Eltern in den 1960er Jahren - angeblich eine Zeit, in der zwischen Kohlegrube, Tanzschule und Kaffeekränzchen noch alles viel einfacher war. Zumindest wenn man den nostalgisch verklärten Erzählungen von Franks "Vatter" glaubt. Als die vier Freunde versuchen, diesem Vorbild nachzueifern - erst als Rocker im Chor der Bergarbeiter, dann in der Tanzstunde - scheitern sie grandios.
Regisseur Matthias Kutschmann, der hier sein Kinodebüt feierte, hat das Drehbuch nach Kurzgeschichten des Bochumer Autors Frank Goosen geschrieben. Der Film ist eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet, aber auch an all die unbeholfenen, peinlichen Momente des Erwachsenwerdens. Mit viel Selbstironie, einem flotten Off-Kommentar und einem Ensemble aus jungen Newcomern und gestandenen Größen wie Anja Kruse, Stephan Kampwirth und Peter Lohmeyer entsteht ein warmherziges Porträt einer Generation zwischen Pilstrinken, Pommes-rot-weiß und den ersten schmerzhaften Erfahrungen mit Zurückweisung.
Die unbequeme Frage nach dem eigenen Weg
Auch wenn die Geschichte heterosexuell erzählt ist, steckt in "Radio Heimat" etwas, das für queere Zuschauer interessant sein kann: die Frage, wie man seinen eigenen Weg findet, wenn alle um einen herum ein bestimmtes Drehbuch im Kopf haben. Franks verzweifelte Versuche, den Erwartungen seiner Umgebung gerecht zu werden - sei es durch toxische Männlichkeitsrituale oder die Nachahmung väterlicher "Erfolgsrezepte" - scheitern immer wieder. Erst als er lernt, dass jeder auf seine eigene Weise "zum Mann werden" muss, findet er zu sich selbst.
Der Film ist dabei erstaunlich reflektiert und verzichtet auf billige Witze. Stattdessen zeigt er mit viel Humor und Wärme, wie die vier Freunde sich gegenseitig stützen, ihre Wunden lecken und gemeinsam durch diese Phase stolpern. Die 80er-Jahre-Ausstattung - von den schrägen Klamotten über die Musik bis zum Ruhrpott-Slang - ist liebevoll umgesetzt, ohne ins Karikaturhafte abzurutschen.
Wo der Film gealtert ist: Die Geschlechterrollen sind klar traditionell gezeichnet, und manche Sprüche würden heute anders klingen. Wer sensibel auf stereotype Männlichkeitsbilder reagiert, sollte das wissen - auch wenn der Film diese durchaus hinterfragt. Triggerwarnungen gibt es ansonsten keine, die Geschichte bleibt harmlos und FSK 12.
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