Rückenwind - Zwei Männer, ein Wald und die Frage nach Fuchs und Hase

Johann und Robin verirren sich auf einer Radtour in Brandenburg - und in ihrer eigenen Beziehung. Jan Krügers leiser Film aus 2009 ist mehr Parabel als Roadmovie und zeigt queere Liebe abseits aller urbanen Selbstverständlichkeit.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Rückenwind - Zwei Männer, ein Wald und die Frage nach Fuchs und Hase - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Es gibt queere Filme, die schreien. Und es gibt welche, die flüstern. „Rückenwind" gehört zur zweiten Sorte - ein 75-minütiger Trip durch die brandenburgischen Wälder, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Der Film von Jan Krüger stammt aus dem Jahr 2009 und erzählt von zwei jungen Männern, die sich auf den Weg machen und dabei fast alles verlieren: Fahrräder, Orientierung, vielleicht auch einander.

Johann und Robin: Fuchs-und-Hasen-Spiele im Wald

Zu Beginn sitzt Johann allein in einem Flur und erzählt eine Parabel über einen Fuchs und einen Hasen - wer wen verführt hat, wer Jäger und wer Beute war. In der nachfolgenden Szene unternehmen Johann und Robin, nachdem sie zusammen mit dem Zug angereist waren, eine Radtour durch die brandenburgische Uckermark. Was als entspannter Ausflug beginnt, wird schnell zum Survivaltrick: Die beiden verlieren die Orientierung und damit auch ihre Fahrräder. Ohne Versorgung, ohne Plan treiben sie durch die Landschaft.

Bei ihrem Streifzug durch den Wald entdecken Johann und Robin einen Bauernhof. Während Johann seinen Freund Robin zum Spaß einsperrt, überrascht der Jugendliche Henri, ein Bewohner des Hofs, die beiden mit einem Luftgewehr und sperrt sie kurzerhand ein. Grit, die Mutter von Henri und Besitzerin des Hofs, befreit sie aus dem Keller und lädt sie zum Essen und zur Übernachtung ein. Was folgt, ist eine seltsam magische Zeit: Schießübungen mit Grit, Bootsfahrten mit Henri, Gespräche über Homosexualität und Familie. Johann outet sich Henri gegenüber als homosexuell. Die vier teilen Alltag und Geheimnisse.

Doch die Idylle kippt. Johann entschließt sich, allein in ein nahes Waldstück zu gehen und ihm unbekannte Beeren zu probieren, dabei beobachtet er heimlich, wie Robin Henri am Oberkörper berührt. Zurück auf dem Bauernhof unterhalten sie sich mit Grit über ihre homosexuellen Sexualpraktiken, über Familie und über die Vogelbeeren die Johann naiverweise gegessen hatte, ohne zu wissen, dass sie giftig sind. Johann beginnt zu halluzinieren, die Realität zerfasert. Johann erscheint nun wieder in der Anfangsszene des Films. Er sitzt im Beisein von zwei Ärzten in einem Beobachtungsraum an einem Tisch und führt unbeirrt seine Parabel über den Fuchs und den Hasen zu Ende. Was genau im Wald passiert ist, lässt der Film offen.

Indie-Kino 2026: Warum Rückenwind immer noch wirkt

„Rückenwind" ist das Gegenteil von Netflix-Binge-Material. Er ist aus einer vagen Idee entstanden, gedreht innerhalb von nur zwei Wochen ohne Drehbuch in der brandenburgischen Provinz - und man spürt das in jeder Einstellung. Der Film verweigert sich jeder eindeutigen Lesart. Ist es eine Beziehungsstudie? Ein queeres Märchen? Ein psychedelischer Trip?

Was „Rückenwind" auch 2026 noch besonders macht: Er zeigt queere Liebe völlig selbstverständlich und gleichzeitig radikal verletzlich - fernab von Großstadt-Gayness und Pride-Paraden. Johann und Robin sind keine Helden, keine Vorbilder, keine Instagram-ready Couple Goals. Sie sind einfach zwei Menschen, die sich mögen und sich dabei verlieren. Die Bilder von Kamerafrau Bernadette Paassen laufen zur Höchstform auf. Während sich die Jungs ihre Kindheit zurückerobern und die Zeit mit Ziegenfüttern, Duschen im Freien und Badefreuden am See vertreiben, ist sie berauscht von Wasser, Erde und Schweiß. Ob sanft schwebende Fischnetze oder das Treiben von Ameisen zwischen Ästen und Blättern: ihr Blick seziert die selbstgenügsame Gleichgültigkeit der Natur auf eine Weise, die hypnotisch wirkt.

Der Film ist gealtert - aber auf gute Weise. Seine Langsamkeit, seine Verweigerung klarer Antworten wirken heute fast schon subversiv in einer Zeit, in der selbst queere Inhalte oft auf leicht verdauliche Coming-out-Storys reduziert werden. Triggerwarnungen sind trotzdem angebracht: Der Film zeigt halluzinogene Zustände, Grenzverwischungen und ein verstörendes Ende, das einige ratlos zurücklassen wird. Außerdem gibt es Szenen mit giftigen Beeren und einem nächtlichen Übergriff, der nicht explizit gezeigt, aber angedeutet wird.

Queer Cinema, Vimeo, DVD: So findest du den Film

  • „Rückenwind" ist bei Queer Cinema Amazon Channel legal im Stream verfügbar (Stand April 2026).
  • Außerdem kann der Film über Vimeo On Demand als digitaler Kauf oder Leihe bezogen werden.
  • Eine DVD ist über den Salzgeber-Shop erhältlich - der Verleih, der den Film ursprünglich in Deutschland herausgebracht hat.

Jan Krügers Bildsprache: Filme in derselben Stimmung

Wenn dich Jan Krügers eigenwillige Bildsprache gepackt hat, probier diese Filme:

  • Unterwegs (2004) - Jan Krügers Debütfilm ist ein Road Movie voller ungeahnter Sehnsüchte und Möglichkeiten, das verführerisch vom Ausscheren aus dem Geplanten und Geregelten erzählt. Queere Untertöne, ähnlich rätselhafte Stimmung.
  • Auf der Suche (2011) - Jan Krügers Spielfilm, eine deutsch-französische Koproduktion, hatte im Forum der Berlinale Premiere. Die Geschichte kreist um einen abwesenden Dritten und Corinna Harfouch in einer preisgekrönten Hauptrolle.
  • Sommersturm (2004) - Wenn du deutsche queere Filme aus den 2000ern suchst, die ebenfalls in der Provinz spielen, aber etwas zugänglicher erzählt sind, ist Marco Kreuzpaintners Coming-of-Age-Drama eine gute Wahl.

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