„Du bist mir zu dick." Drei Worte, die in Dating-Apps keine Seltenheit sind. Manchmal kommen sie als Ablehnung, manchmal als ungebetener „Rat". Wer in der schwulen Community unterwegs ist, kennt die Kommentare - im Chat, im Club, auf der Pride. Was anderswo als schlank gilt, ist hier oft „nicht trainiert genug". Wer mit 30 nicht mehr als Twink durchgeht, fragt sich: Bin ich jetzt zu alt?
Wenn Vorlieben zu Maßstäben werden
Jeder darf Vorlieben haben. Auf Muskeln zu stehen oder auf schlanke Typen ist nicht das Problem - Oberflächlichkeit gehört zum Daten dazu, bei Heteros wie bei uns. Problematisch wird es, wenn aus persönlicher Präferenz ein Community-Standard wird, an dem alle gemessen werden.
In Dating-Apps werden Profile ohne sichtbare Muskeln oft ignoriert. Im Club wird über den Typen getuschelt, der oberkörperfrei tanzt, obwohl er keine definierten Bauchmuskeln hat. Auf der Pride wird hinter vorgehaltener Hand kommentiert, wer „sich das eigentlich nicht leisten kann". Es bleibt nicht beim Nicht-Matchen. Es wird aktiv abgewertet - und zwar laut.
Das Perfide: Diese Kommentare kommen nicht von außen, sondern aus der eigenen Community. Von Leuten, die selbst wissen, wie es ist, nicht reinzupassen.
Twinks, Hunks, Bears - Schubladen für jeden Körper
Die schwule Welt liebt Kategorien. Twinks sind jung und schlank. Hunks durchtrainiert. Twunks eine Mischung: trainiert, aber mit jungem Gesicht - oder zu alt für Twink, zu jung für Daddy. Bears sind behaart und stämmig. Otters schlank und behaart. Die Liste geht weiter.
Jeder schwule Mann kennt diese Begriffe. Viele ordnen sich selbst einer Kategorie zu, manche unbewusst, manche gezielt. In Apps kann man nach Typ filtern, oft mit Gewichtsangabe. Was wie eine neutrale Beschreibung klingt, wird schnell zur Hierarchie: Welcher Typ ist gerade „in"? Welcher Körper gilt als begehrenswert?
Das Problem ist nicht die Existenz dieser Begriffe. Das Problem ist, dass sie Ideale definieren - Ideale, die viele nicht erreichen können oder wollen. Und die vor allem eins sind: vergänglich.
Die Angst vor dem 30. Geburtstag
Für viele schwule Männer ist der 30. Geburtstag eine Zäsur. Zu alt, um als Twink durchzugehen. Zu alt, um auf bestimmten Partys noch „dazuzugehören". Zu alt, um in Apps noch Aufmerksamkeit zu bekommen - es sei denn, man ist durchtrainiert oder passt ins Daddy-Schema.
Die Frage „Was kommt nach twink, twunk, hunk?" ist mehr als eine rhetorische. Sie spiegelt eine echte Verunsicherung: Bin ich noch attraktiv, wenn ich älter werde? Wenn mein Körper sich verändert? Wenn ich nicht mehr dem entspreche, was gerade als begehrenswert gilt?
Das Altern wird in der schwulen Community oft als Bedrohung wahrgenommen - nicht als natürlicher Prozess, sondern als Verlust von Wert. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles.
Warum tun wir uns das gegenseitig an?
Wir sollten es besser wissen. Schwule Männer haben oft selbst erlebt, wie es ist, nicht reinzupassen, abgelehnt zu werden, sich verstecken zu müssen. Warum reproduzieren wir dann untereinander genau diese Mechanismen?
Ein Grund: gestörtes Selbstwertgefühl. Wer andere abwertet, erhöht kurzfristig das eigene Gefühl, „okay" zu sein. Wer selbst unter Druck steht, einem Ideal zu entsprechen, gibt diesen Druck weiter. Das ist keine böse Absicht - aber es ist toxisch.
Ein weiterer Grund: Die schwule Community ist nach wie vor stark über Körper und Begehren organisiert. Clubs, Apps, Events - vieles dreht sich um Attraktivität. Dass dabei Standards entstehen, ist menschlich. Dass diese Standards oft extrem und ausgrenzend sind, ist das Problem.
Was wir ändern können - bei uns selbst
Body-Shaming und Age-Shaming in der Community verschwinden nicht über Nacht. Aber jeder Einzelne kann etwas tun:
- Bewusster matchen: Kein Match ist okay - aber ungefragt „zu dick" oder „zu alt" schreiben ist unnötig verletzend. Einfach weiterscrollen.
- Kommentare hinterfragen: Bevor du über jemanden im Club tuschelst oder einen „gut gemeinten Hinweis" gibst: Ist das wirklich hilfreich? Oder geht es darum, dich selbst besser zu fühlen?
- Vielfalt feiern: Nicht jeder muss durchtrainiert sein. Nicht jeder muss jung aussehen. Attraktivität ist breiter, als Apps und Insta-Feeds suggerieren.
- Mit dir selbst ehrlich sein: Wenn dich der Gedanke ans Älterwerden oder an Gewichtszunahme in Panik versetzt - das ist ein Zeichen, dass du unter diesem Druck stehst. Das ist normal, aber du darfst dir Hilfe holen.
Falls du merkst, dass Body- oder Age-Shaming deine eigene psychische Gesundheit belastet - sei es, weil du selbst Ziel davon bist oder weil du merkst, dass du anderen gegenüber toxisch wirst - kannst du dir Unterstützung holen. Die Telefonseelsorge (0800-1110111) ist anonym und kostenlos. LGBTQ-spezifische Beratung gibt es z. B. bei mannigfaltig.de oder der Deutschen Aidshilfe.
Die schwule Community kann ein Ort von Freiheit und Akzeptanz sein. Aber das passiert nicht automatisch - wir müssen ihn dazu machen.
