Was tust du, wenn die Person, mit der du seit Jahren schläfst, nicht nur verheiratet ist - sondern mit deiner eigenen Schwester? Soft Lad, das Regiedebüt des britischen Filmemachers Leon Lopez aus dem Jahr 2015, stellt genau diese Frage. Kein leichtes Melodram, sondern ein kammerspielartiges Drama über Begehren, Scham und die Sprengkraft von Geheimnissen im Working-Class-Liverpool.
David, die Tanzschule und die versteckte Affäre
David ist 22, talentiert und gerade an einer renommierten Tanzschule angenommen worden. Nach außen läuft alles rund. Doch seit zwei Jahren führt er eine heimliche Affäre mit Jules - dem Ehemann seiner Schwester Jane. Jules schämt sich für sein Begehren, kann aber nicht von David lassen. Die Beziehung ist toxisch, geprägt von Scham, Kontrolle und der ständigen Angst, erwischt zu werden.
Nach einem heftigen Streit wirft sich David in die Nacht und landet im Bett von Sam, einem selbstbewussten jungen Mann, der offen zu seiner Sexualität steht. Was als One-Night-Stand beginnt, entwickelt sich schnell zu etwas Ernstem. David verliebt sich - zum ersten Mal richtig. Doch Jules, der seinen Platz an Davids Seite schwinden sieht, wird von Eifersucht und unterdrückter Wut zerfressen.
Als Jane darauf besteht, Davids neuen Freund kennenzulernen, eskaliert die Situation. Beim gemeinsamen Abendessen bricht Jules zusammen - und enthüllt ein Geheimnis, das für alle verheerende Konsequenzen hat.
Radikale Intimität - warum Soft Lad 2026 noch schmerzt
Was Soft Lad von vielen Coming-out- oder Coming-of-Age-Filmen unterscheidet, ist seine radikale Intimität. Leon Lopez inszenierte den Film praktisch im Alleingang: Er schrieb, führte Regie, schnitt und bediente die Kamera - mit einem Budget von gerade mal 17.000 Pfund. Das Ergebnis ist roh, konzentriert und ungeschönt. Keine Hollywood-Ästhetik, sondern echter britischer Indie-Realismus.
Der Film erzählt nicht von glamourösem queeren Leben, sondern von den Zwischenräumen: von Scham, die sich über Jahre festsetzt, von der Unfähigkeit, Gefühle auszusprechen, von der Gewalt, die entsteht, wenn Begehren im Verborgenen bleiben muss. Jules ist kein Bösewicht, sondern ein zutiefst beschädigter Mensch - und genau das macht den Film so unbequem und gleichzeitig so stark.
Allerdings: Der Film ist gealtert. Die Tonqualität schwankt stellenweise, manche Szenen wirken theaterhaft (Lopez schrieb das Drehbuch ursprünglich als Theaterstück). Und wer explizite Sexszenen oder große Gesten erwartet, wird enttäuscht. Soft Lad ist leise, manchmal sperrig - aber gerade deshalb bleibt er hängen.
Triggerwarnung: Der Film behandelt emotionale Manipulation, toxische Beziehungen und familiäre Gewalt. Eine Szene zeigt die plötzliche Enthüllung von HIV-Positivität - ohne Vorwarnung und mit dramatischer Zuspitzung. Wenn dich das triggern könnte, sei vorbereitet.
Prime Video, Apple TV, DVD - so schaust du Soft Lad
- Amazon Prime Video (im Abo enthalten, Stand Februar 2026)
- Apple TV (Kauf/Leihe)
- DVD über Amazon.de bestellbar (auch gebraucht)
- Hinweis: In der Schweiz und Österreich kann die Verfügbarkeit abweichen - prüfe am besten direkt bei den Anbietern.
Nach Soft Lad: Filme mit queerem Realismus
Wenn dich Soft Lad packt, könnten dich diese Filme ebenfalls interessieren:
- Weekend (2011) von Andrew Haigh - ebenfalls britisch, ebenfalls roh, ebenfalls ein intensives Porträt queerer Intimität in der Working Class.
- God's Own Country (2017) von Francis Lee - ein schwuler Schäferroman im ländlichen Yorkshire, emotional heftig und wunderschön fotografiert.
- Almost Saw the Sunshine - ein Kurzfilm von Leon Lopez mit Munroe Bergdorf, ebenfalls auf Amazon Prime verfügbar.
Leon Lopez hat nach Soft Lad übrigens weitergemacht: 2018 inszenierte er den Spielfilm „Out of Time", außerdem führte er Regie bei Episoden von Serien wie Death in Paradise und Midsomer Murders. Sein Blick für queere Geschichten jenseits des Mainstreams ist geblieben.
