Tarragona - Ein Paradies in Flammen: Wenn Urlaub zur Katastrophe wird

Ein schwuler Sohn, sein konservativer Vater und eine historische Tragödie - der TV-Zweiteiler aus 2007 erzählt vom Coming-together im Angesicht des Grauens.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Tarragona - Ein Paradies in Flammen: Wenn Urlaub zur Katastrophe wird - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Ein Campingplatz in der Hochsaison, deutsche Urlauber, die sich erholen wollen - und ein überladener Tanklaster auf dem Weg ins Verderben. Klingt nach typischem RTL-Event-Kino? Ist es auch. Aber mittendrin steckt eine Geschichte, die für queere Zuschauer besonders berührt: Ein schwuler Sohn, der mit seinem Freund in Spanien lebt, und sein Vater, der nach Jahren endlich den Mut findet, sich zu versöhnen. Nur dass ihnen dafür verdammt wenig Zeit bleibt.

Das Unglück von Los Alfaques - 23 Tonnen Propylengas

Der Film aus dem Jahr 2007 basiert auf einer realen Tragödie: Am 11. Juli 1978 explodierte auf dem Campingplatz Los Alfaques bei Tarragona ein mit 23 Tonnen Propylengas beladener Tanklaster. 217 Menschen starben, vorwiegend deutsche Urlauber. Regisseur Peter Keglevic verwebt diese historische Katastrophe mit mehreren parallel laufenden Familiendramen.

Da ist Ulrike mit ihren beiden Kindern und ihrem neuen Freund Dietmar, die als Patchwork-Familie endlich entspannen wollen - während der leibliche Vater ebenfalls auf dem Platz lauert. Ein junges Liebespaar, das heimlich Urlaub macht. Und eben: Walter Köhler, ein konservativer älterer Herr, der seinen Sohn Dirk auf dem Campingplatz besucht. Dirk lebt offen schwul mit seinem Freund José in Spanien - die beiden sind Tänzer. Zwischen Vater und Sohn herrscht seit Jahren Funkstille, weil Walter die Homosexualität seines Sohnes nie akzeptieren konnte.

Der erste Teil des Zweiteilers spielt fast komplett vor der Katastrophe. Wir erleben die Siebziger in all ihrer trashigen Pracht: Plateauschuhe, enge Shorts, Schlaghosen, Discokugeln. Und wir sehen, wie sich die Charaktere langsam näherkommen - oder eben nicht. Walter versucht verkrampft, mit Dirk ins Gespräch zu kommen, erntet aber nur Ablehnung. José, der deutlich entspanntere Part in der Beziehung, versucht zu vermitteln. Derweil rast der überladene LKW des Fernfahrers Miguel unaufhaltsam auf den Campingplatz zu.

Als die Explosion am Ende von Teil eins den Platz in ein Flammenmeer verwandelt, kippt der Film komplett. Teil zwei wird zum Katastrophendrama: Verletzte, Verbrennungen dritten Grades, verzweifelte Angehörige. Die queere Storyline bleibt präsent, wird aber Teil eines größeren Überlebenskampfes. Dirk sucht seinen Vater in den Trümmern - und findet ihn schließlich tot in seinem Zelt. Die erhoffte Versöhnung kam zu spät.

Tragödie ohne queere Zentralfigur - trotzdem sehenswert?

Seien wir ehrlich: Tarragona - Ein Paradies in Flammen ist kein Meisterwerk. Die Charakterzeichnung ist stellenweise flach, die Dialoge klischeehaft, und die queere Nebenhandlung wird eher pflichtschuldig abgearbeitet als wirklich durchdrungen. Die Darstellung von Dirk und José bleibt an der Oberfläche - zwei sympathische, gut aussehende Typen, von denen einer tanzen kann. Fertig. Tiefere Auseinandersetzung mit ihrem Leben in Spanien, ihrer Beziehung oder den konkreten Konflikten mit Walters Homophobie? Fehlanzeige.

Trotzdem hat der Film etwas, das viele queere Geschichten heute vermissen lassen: Er traut sich, queere Figuren in ein größeres, „universelles" Drama einzubetten, ohne sie zur Hauptattraktion zu machen. Dirk und José sind Teil des Ensembles, nicht das exotische Sonder-Storyline-Paar. Das ist 2007 für deutsches Fernsehen durchaus mutig - und wirkt heute fast erfrischend unaufgeregt.

Außerdem: Der Film nimmt sich Zeit. Fast anderthalb Stunden lang passiert nichts außer Urlaubsalltag, Beziehungsgeplänkel und Siebziger-Jahre-Vibes. Diese Langsamkeit macht die Katastrophe umso brutaler - weil wir die Menschen vorher kennengelernt haben. Die queere Vater-Sohn-Dynamik bekommt dadurch echtes Gewicht: Walters Tod ist nicht nur eine weitere Tragödie, sondern eine verpasste Chance. Eine Versöhnung, die nie stattfand.

Triggerwarnung: Der zweite Teil zeigt drastische Bilder von Verbrennungsopfern, Panik und Tod. Wer empfindlich auf Katastrophenszenarien oder medizinische Notfälle reagiert, sollte hier vorsichtig sein.

Schwer zu finden: Streaming-Optionen in DACH

  • Streaming: Aktuell ist Tarragona - Ein Paradies in Flammen bei keinem der großen Streaming-Anbieter in DACH verfügbar (Stand April 2026). Weder Netflix, Amazon Prime Video, Mubi noch die Mediatheken von ARD, ZDF, ORF oder SRF haben den Film im Programm.
  • DVD/Kauf: Der Zweiteiler ist als 2-DVD-Set über Amazon, Thalia und andere Händler erhältlich - meist gebraucht, aber vereinzelt auch neu. Preise variieren zwischen 5 und 15 Euro.
  • Gelegentliche TV-Wiederholungen: RTL und andere Sender zeigen den Film sporadisch im Nachtprogramm - lohnt sich, die Wunschliste-Funktion bei fernsehserien.de zu nutzen, wenn du benachrichtigt werden willst.

Queere Nebenrollen in Katastrophen-Dramen

Wenn dich Geschichten über queere Figuren in extremen, nicht-queeren Kontexten interessieren, könnten diese Titel passen:

  • Das Wunder von Lengede (2003) - Ebenfalls von der Produktionsfirma Zeitsprung, ebenfalls ein historisches Katastrophendrama. Keine explizit queere Handlung, aber ähnlicher Ton: Ensemblefilm über echte Tragödien.
  • And the Band Played On (1993) - Der HBO-Film über die Anfänge der AIDS-Krise zeigt queere Männer in einer anderen Art von Katastrophe - und wie Politik und Gesellschaft versagten.
  • Paris is Burning (1990) - Dokumentarfilm über die Ballroom-Szene in New York. José ist im Film Tänzer - die echte queere Tanzkultur der Siebziger und Achtziger war natürlich um Welten radikaler und politischer.

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