Wenn du auf Coming-of-Age-Geschichten stehst, die nicht mit Regenbogenflaggen und Happy Ends enden, sondern zeigen, wie verdammt brutal toxische Männlichkeit in geschlossenen Räumen wird - dann ist dieser Film für dich. „Teenage Angst" ist eine Low-Budget-Produktion von Regisseur Thomas Stuber, die 2008 auf der Berlinale ihre Premiere feierte und seitdem als verstörendes Psychogramm männlicher Gewalt gilt.
Im Internat: Vier gegen den Langeweile-Wahnsinn
Vier Schüler eines Elite-Internats haben sich zu einer Clique zusammengeschlossen und schleichen nach der Schule heimlich aus dem Internat, um sich zu betrinken und zu feiern. Sie suchen die Extreme, um ihrem goldenen Käfig, in den sie von ihren wohlhabenden Eltern gesteckt beziehungsweise abgeschoben wurden, zu entkommen. Ihr Zufluchtsort: eine abgelegene Datscha am See, wo die Jungs sich Mut ansaufen, Koks ziehen und pubertäre Machtspiele treiben.
Die Hierarchie in der Gruppe ist glasklar: Dyrbusch (Niklas Kohrt) ist der zynische Anführer, dessen Denken sich zwischen den Polen „Muschis und Moneten" bewegt, wie es im Film heißt. Bogatsch (Michael Ginsburg) ist sein sadistischer Handlanger. Der zarte Adlige von Leibnitz (Janusz Kocaj) zieht ängstlich mit, um nicht als Außenseiter dazustehen, und wird dennoch Opfer der beiden. Stürmer (Franz Dinda) ist der klassische Mitläufer - er sieht, was passiert, aber findet nicht den Mut, einzuschreiten.
Was anfangs noch nach harmlosen Jungs-Eskapaden aussieht, kippt schnell: Bei ihren Feiern kommt es zu Gewaltexzessen, die sich vor allem gegen den Schwächsten aus der Gruppe, Leibnitz, richten. Dyrbusch, der Anführer der Gruppe, und Bogatsch, seine „ausführende Gewalt", hören nicht auf, Leibnitz immer heftiger zu quälen, was dieser still erleidet, da er den Verlust ihrer „Freundschaft" und den Ausstoß aus der Gruppe fürchtet. Die Situation eskaliert, als Dyrbusch die Idee entwickelt, die Kellnerin Vaneszka zu vergewaltigen - und als Leibnitz nicht mitspielt, wird er selbst zum primären Ziel der Gewalt.
Systemische Demütigung statt Action-Spektakel
„Teenage Angst" ist unbequem. Der Film zeigt Gewalt nicht als spektakuläre Action, sondern als kalte, systematische Demütigung - und genau das macht ihn so relevant. Am Anfang stand die wiederholte Lektüre von Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß". Was dort in dem Buch beschrieben wird, ist sehr aktuell, sowohl das Thema „Gewalt ohne Motiv" unter Jugendlichen, als auch die Elitediskussion, wie Regisseur Stuber selbst erklärte.
Was den Film für ein queeres Publikum interessant macht: Die homoerotische Spannung zwischen den Jungs wird nie explizit thematisiert, liegt aber wie eine schwere Decke über allem. Die nächtlichen Rituale, die körperliche Nähe, die Demütigungen - all das hat eine sexuelle Komponente, die der Film nicht ausspricht, aber spürbar macht. „Teenage Angst" ist besonders interessant durch realistische Drogennutzung und unterdrückte sexuelle Aggression, wie Kritiker:innen anmerkten.
Der Film ist mit knapp über 60 Minuten relativ kurz, aber genau das ist seine Stärke - wäre das Werk in der typischen Spielfilmlänge von eineinhalb Stunden dahergekommen, hätte es seine jetzige Stimmigkeit wohl eingebüßt. Stuber inszeniert das Ganze mit düsteren, fast gotischen Bildern: Geheimnisvoll steigt der Nebel aus den Wäldern rund um den See, in dessen Wellen sich das Schloss malerisch spiegelt. Düstere Farben verbreiten in den gotischen Hallen wie in der Datscha eine klaustrophobische, bedrohliche Atmosphäre.
Triggerwarnung: Der Film zeigt explizite psychische und physische Gewalt, Drogenkonsum, sexualisierte Gewaltfantasien und Mobbing. FSK 18.
Netflix - jetzt im Abo verfügbar
- Netflix: Der Film ist aktuell im Streaming-Abo verfügbar. Die Plattform beschreibt ihn als "disturbing drama about what happens when a tight-knit clique of undersupervised, overprivileged teenagers are left to their own devices".
- DVD/Blu-ray: Über Salzgeber & Co. Medien als physisches Medium erhältlich - die Edition enthält auch Stubers sehenswerten Kurzfilm „Es geht uns gut" als Bonusmaterial.
Thomas Stuber & ähnliche Intensitäten
Wenn dich „Teenage Angst" packt, probier diese Titel:
- Mehr von Thomas Stuber: 2022 entstand „Die stillen Trabanten", abermals nach Vorlage von Clemens Meyer, das drei verwobene Liebesgeschichten von Menschen aus einfachen Verhältnissen erzählt. Außerdem sein gefeierter Berlinale-Wettbewerbsfilm „In den Gängen" (2018) - ein völlig anderer Ton, aber die gleiche Sensibilität für Außenseiter. Im April 2026 startet außerdem sein neuer Film „Der Frosch und das Wasser" im Kino - ein Regisseur, der nach seinen gefeierten Dramen auch das komödiantische Fach beherrscht.
- „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" (1966, Regie: Volker Schlöndorff) - die Literaturverfilmung, die Stuber inspirierte. Noch expliziter in der homoerotischen Spannung.
- „Mysterious Skin" (2004, Regie: Gregg Araki) - wenn du verstörende Coming-of-Age-Geschichten mit queerem Subtext magst, die nicht wegschauen.
- „Élève libre" (2008, Regie: Joachim Lafosse) - ein belgisches Drama über die toxische Beziehung zwischen einem Schüler und seinem Lehrer.
