Wenn queere Coming-of-Age-Filme heute oft zwischen Instagram-Ästhetik und Happy End pendeln, erinnert Teenage Kicks daran, dass Erwachsenwerden nicht immer weichgezeichnet ist. Der Film aus dem Jahr 2016 von Regisseur Craig Boreham erzählt von Schuldgefühlen, unausgesprochener Queerness und familiärer Enge - ohne romantische Auflösung, dafür mit einer körperlichen Intensität, die unter die Haut geht.
Miklós und Dan - Flucht vor dem Erwachsenwerden
Miklós Varga ist 17, australischer Surfer mit ungarischem Migrationshintergrund, und plant eigentlich nur eins: mit seinem besten Freund Dan abhauen, raus aus dem spießigen Elternhaus, raus aus der Enge. Dass er in Dan mehr als einen Kumpel sieht, weiß Mik selbst kaum zu benennen - sein Begehren bleibt diffus, unausgesprochen, gefährlich nah an der Oberfläche.
Dann stirbt sein großer Bruder Tomi bei einem Autounfall. Mik gibt sich die Schuld. Reflexhaft versucht er, die Lücke zu füllen, die Tomi hinterlässt: bei dessen hochschwangerer Freundin, bei den trauernden Eltern, bei sich selbst. Gleichzeitig beginnt Dan, ein Mädchen zu daten - und für Mik bricht alles auseinander. Sein Verhalten wird destruktiver, er greift zu Drogen, zu Sex mit Fremden, zu allem, was den Schmerz überdeckt.
Der Film folgt Mik durch diesen emotionalen Zusammenbruch, ohne ihm eine einfache Erlösung anzubieten. Er muss herausfinden, wer er ist - zwischen den Erwartungen seiner Familie, seinem Begehren für Dan und der Frage, ob er überhaupt das Recht hat, glücklich zu sein.
Queere Rohheit statt Melancholie - warum der Film heute noch zieht
Was Teenage Kicks von vielen neueren queeren Coming-of-Age-Filmen unterscheidet, ist seine kompromisslose Rohheit. Regisseur Craig Boreham inszeniert Miklós' innere Zerrissenheit nicht als schöne Melancholie, sondern als existenzielle Krise. Die Kamera von Bonnie Elliott bleibt nah an Miles Szantos Körper, fängt Schweiß, Tränen, Begehren ein - eine Bildsprache, die an die Arbeiten von Larry Clark oder Patrice Chéreau erinnert.
Gleichzeitig ist der Film auch gealtert: Die Darstellung von Drogenkonsum wirkt manchmal klischeehaft, die Verbindung zwischen Coming-out und Selbstzerstörung folgt einem bekannten Muster. Und ja, Miles Szanto sieht mit seinen damals 23 Jahren nicht wirklich wie 17 aus - was manche Szenen unfreiwillig älter wirken lässt, als sie gemeint sind.
Trotzdem: Wer queere Filme sucht, die nicht auf Trost aus sind, sondern auf Ehrlichkeit, wird hier fündig. Teenage Kicks zeigt, dass Erwachsenwerden auch bedeuten kann, mit Schuld, Scham und unerfülltem Begehren leben zu lernen - ohne dass am Ende alles gut wird.
Triggerwarnung: Der Film enthält explizite Darstellungen von Drogenkonsum, Selbstverletzung, Trauer und sexuellen Situationen. Nicht geeignet, wenn du gerade selbst mit Verlust oder psychischen Krisen kämpfst.
Streamen, leihen, kaufen - alle Plattformen 2026
Der Film ist im deutschsprachigen Raum bei mehreren Anbietern verfügbar:
- Queer Cinema Amazon Channel - als Teil des Abo-Kanals streambar
- Apple TV - zum Leihen oder Kaufen
- Amazon Video - zum Leihen oder Kaufen
- DVD/Blu-ray über Amazon oder Hugendubel
Kostenlose Streaming-Optionen gibt es aktuell nicht (Stand April 2026). Der Verleih Salzgeber bietet den Film weiterhin physisch an.
Nach Teenage Kicks: Drei ähnlich unbarmherzige Filme
Drei Empfehlungen, die thematisch ähnlich unterwegs sind:
- Beach Rats (Eliza Hittman, 2017) - ebenfalls ein junger Mann, der seine Queerness nicht benennen kann, dazu die Hitze von Coney Island und eine Kamera, die Körper ernst nimmt.
- L'Homme blessé (Patrice Chéreau, 1983) - der französische Klassiker über obsessive Begierde und Selbstzerstörung, auf den sich Boreham visuell bezieht.
- Drown (Dean Francis, 2015) - noch ein australischer Film über toxische Männlichkeit, verdrängtes Begehren und die Gewalt, die daraus entsteht.
Über neue Projekte von Craig Boreham ist seit Teenage Kicks wenig bekannt - der Film bleibt sein einziges Langfilm-Debüt. Seine Kurzfilme liefen auf Festivals wie der Berlinale und gewannen mehrere Teddy Awards, doch ein zweiter Spielfilm lässt bisher auf sich warten.
