The Nature of Nicholas - Surrealer Coming-of-Age-Trip aus Kanada

Ein 12-Jähriger verliebt sich in seinen besten Freund, küsst ihn - und spaltet ihn damit in zwei Persönlichkeiten. Jeff Erbachs Film aus dem Jahr 2002 ist kein gewöhnliches Coming-out-Drama, sondern ein surrealer Fiebertraum über Pubertät und Begehren.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

The Nature of Nicholas - Surrealer Coming-of-Age-Trip aus Kanada - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Wenn du auf der Suche nach einem queeren Coming-of-Age-Film bist, der sich anfühlt wie ein David-Lynch-Albtraum auf dem kanadischen Land, dann könnte "The Nature of Nicholas" genau dein Ding sein. Der Film aus dem Jahr 2002 erzählt nicht einfach nur von einem schwulen Teenager - er taucht kopfüber in dessen Kopf ein und kommt mit Zombie-Metaphern, toten Vätern und einer ordentlichen Portion Verstörung wieder heraus.

Nicholas verliebt sich in seinen besten Freund Bobby

Nicholas ist 12 Jahre alt und steckt mitten in der Pubertät. Während seine Klassenkameraden langsam anfangen, sich für Mädchen zu interessieren, hat Nicholas nur Augen für eine Person: Bobby, seinen besten Freund. Bobby ist das genaue Gegenteil von Nicholas - extrovertiert, sportlich, selbstbewusst. Und leider ziemlich hetero.

Nicholas versucht, mit seinen Gefühlen klarzukommen, während gleichzeitig sein verstorbener Vater in Visionen auftaucht und ihn in eine "normale" Richtung lenken will. Die Sommer sind lang in der kanadischen Provinz, und Nicholas verbringt viel Zeit in seinem selbstgebauten Labor im Gartenschuppen, wo er Insekten und kleine Tiere seziert - ein verstörendes Bild dafür, wie er versucht herauszufinden, wie die Welt funktioniert.

Dann passiert es: Aus einem Impuls heraus küsst Nicholas seinen Freund Bobby. Die Reaktion ist nicht das, was Nicholas erhofft hatte. Bobby ist so schockiert und überfordert von diesem Moment, dass er sich - zumindest in Nicholas' Wahrnehmung - in zwei Persönlichkeiten aufspaltet: eine "normale", heterosexuelle Seite und eine dunkle, queere Seite, die Nicholas' Gefühle erwidert.

Nicholas fühlt sich zur schwulen, "bösen" Version von Bobby hingezogen. Er pflegt diese Seite, versteckt sie fast, während die andere Bobby-Hälfte weiterhin sein Leben als normaler Teenager lebt. Der Film wird zunehmend surrealer, die Grenzen zwischen Realität und Halluzination verschwimmen, und Nicholas muss sich schließlich der Frage stellen, die alle queeren Kids irgendwann beantworten müssen: Kann ich zu meinen Gefühlen stehen, auch wenn die Welt um mich herum sie als etwas Monströses betrachtet?

Surreale Queerness: Warum der Film heute noch verstört

Ehrlich gesagt: "The Nature of Nicholas" ist nicht für jeden. Der Film ist langsam, stilisiert und nutzt Horror-Ästhetik auf eine Weise, die verstörend und faszinierend zugleich ist. Er arbeitet mit langen Pausen, surrealen Bildern und einer Atmosphäre, die sich irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama und psychologischem Albtraum bewegt.

Was ihn aber auch über 20 Jahre nach seiner Entstehung interessant macht: Er traut sich, queeres Begehren nicht als etwas Schönes oder Romantisches zu zeigen, sondern als das, was es für viele junge Menschen tatsächlich ist - verwirrend, beängstigend, fast monströs in einer Welt, die Anderssein pathologisiert. Die Zombie-Metaphern mögen auf den ersten Blick plump wirken, aber sie fangen etwas ein, das viele queere Menschen kennen: das Gefühl, dass ein Teil von dir stirbt, wenn du dich verstecken musst, während ein anderer Teil heimlich weiterlebt.

Der Film ist stellenweise schwer auszuhalten - nicht wegen expliziter Gewalt, sondern wegen der emotionalen Intensität und der Langsamkeit, mit der Regisseur Jeff Erbach seine Geschichte erzählt. Es gibt Szenen, die sich wie eine Ewigkeit hinziehen. Manche Dialoge sind hölzern. Aber genau das macht auch den hypnotischen Charakter des Films aus.

Wichtig: Der Film zeigt auch die Sezierung von Tieren und nutzt Body-Horror-Elemente, die für manche triggern könnten. Zudem ist die Darstellung von queerer Sexualität als etwas "Dunkles" problematisch, auch wenn der Film letztlich klar macht, dass das Monster nicht das Queersein selbst ist, sondern die gesellschaftliche Unterdrückung.

Schwer zu finden: Verfügbarkeit in DACH

Und hier wird es schwierig: Aktuell ist "The Nature of Nicholas" in keinem großen Streaming-Dienst in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar (Stand April 2026). Weder Netflix, Amazon Prime, Mubi noch andere gängige Plattformen führen den Film in ihrem Katalog.

Deine Optionen:

  • Gebraucht-DVDs über internationale Plattformen (eBay, Amazon Marketplace) - allerdings meist mit englischen Untertiteln oder ganz ohne
  • Gelegentlich taucht der Film bei queeren Filmfestivals auf - es lohnt sich, die Programme von Events wie dem "Identities - Queer Film Festival" in Wien oder queeren Filmreihen in Programmkinos im Auge zu behalten
  • Die Film-Community auf Letterboxd und ähnlichen Plattformen kann manchmal Hinweise auf Sichtungen geben

Ja, das ist frustrierend. "The Nature of Nicholas" ist einer dieser Filme, die in der queeren Filmgeschichte eine Nische besetzen, aber kommerziell nie richtig verfügbar gemacht wurden. Das macht ihn umso mehr zu einem Geheimtipp - wenn du ihn findest, hast du etwas entdeckt, das nicht jeder kennt.

Mysterious Skin und weitere verstörende Queer-Klassiker

Wenn du auf surreale, atmosphärische queere Coming-of-Age-Filme stehst, könnten dich diese Werke interessieren:

  • Mysterious Skin (2004) von Gregg Araki - ebenfalls verstörend, ebenfalls über queeres Erwachsenwerden, mit Joseph Gordon-Levitt in einer seiner intensivsten Rollen
  • I Kill Giants (2017) - kein explizit queerer Film, aber ähnlich in der Art, wie Fantasie und Realität verschwimmen, wenn ein Kind mit Trauma umgehen muss
  • Closet Monster (2015) - kanadisches Coming-out-Drama mit surrealen Elementen und einem sprechenden Hamster; deutlich zugänglicher als "The Nature of Nicholas", aber mit ähnlichem Mut zu ungewöhnlichen Bildern

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