Tomboy - Ein Sommer als jemand anderes

Die zehnjährige Laure nutzt den Umzug, um sich als Michael vorzustellen. Céline Sciammas zartes Drama von 2011 über Geschlechtsidentität im Kindesalter ist 2026 aktueller denn je.

justboys-Redaktion

4 Min Lesezeit

Tomboy - Ein Sommer als jemand anderes - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

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Wenn du dich jemals gefragt hast, wie es ist, in einer Identität zu stecken, die nicht zu dir passt - oder wenn du einen Film suchst, der genau diese Erfahrung mit unglaublicher Klarheit einfängt -, dann ist "Tomboy" genau das Richtige. Céline Sciammas zweitens Werk von 2011 ist ein leiser, zärtlicher Film über eine Zehnjährige, die sich entscheidet, den Sommer über jemand anderes zu sein. Und er ist heute, 15 Jahre später, vielleicht sogar noch wichtiger als damals.

Laures Geheimnis: Ein Sommer als Mikäl

Laure ist zehn Jahre alt. Sie trägt ihre Hosen weit, die Haare kurz, und wie ein typisches Mädchen sieht sie nicht aus - will sie auch nicht. Als ihre Familie in eine neue Wohnsiedlung am Pariser Stadtrand zieht, nutzt Laure die Chance: Sie stellt sich den Nachbarskindern als Michael vor. Niemand zweifelt. Warum auch?

Der Sommer wird zu einem großen Experiment. Michael spielt Fußball, rauft mit den Jungs, schwimmt im See - und verliebt sich in die gleichaltrige Lisa, die seine Nähe sucht. Laures kleine Schwester Jeanne wird zur wichtigsten Komplizin: Sie kennt das Geheimnis und hält dicht. Zu Hause, bei den Eltern, bleibt Laure Laure. Draußen, in der Freiheit der Sommerferien, ist sie Michael. Doch je näher das Schuljahr rückt, desto enger wird der Raum für diese Doppelexistenz.

Der Film aus dem Jahr 2011 erzählt nicht von einem dramatischen Coming-out, sondern von einem Kind, das ausprobiert, wer es sein könnte - und von einer Umwelt, die das zunächst zulässt, bevor sie plötzlich die Regeln durchsetzt. Céline Sciamma inszeniert das alles mit einer Leichtigkeit, die den Ernst der Situation nie verleugnet, aber auch nie pädagogisch wird. Zoé Héran spielt Laure/Michael mit einer stillen Intensität, die unter die Haut geht.

Keine Label, nur Authentizität - darum wirkt Tomboy heute noch

Während viele queere Filme heute direkt und laut mit Identität umgehen, bleibt "Tomboy" radikal zurückhaltend. Keine Erklärungen, keine Kategorien, keine Label - nur ein Kind, das im Moment lebt. Genau das macht den Film zeitlos. Die Fragen, die Laure/Michael aufwirft, sind 2026 drängender denn je: Wer darf entscheiden, wer wir sind? Wie viel Raum geben wir Kindern, sich selbst zu entdecken? Und was passiert, wenn dieser Raum plötzlich verschwindet?

Sciamma hat mit "Tomboy" einen Film geschaffen, der sich jeder einfachen Lesart verweigert. Manche sehen darin eine trans*-Erzählung, andere eine Geschichte über Gender-Nonkonformität oder schlicht über kindliche Selbstbestimmung. Der Film lässt all diese Deutungen zu, ohne sich festzulegen. Das kann heute befremden - in Zeiten, in denen wir gewohnt sind, Identitäten klar zu benennen. Aber genau diese Offenheit ist auch seine Stärke.

Wichtig: Der Film zeigt gegen Ende eine Szene öffentlicher Demütigung, in der Laure gezwungen wird, vor den anderen Kindern ein Kleid zu tragen und ihr "wahres" Geschlecht zu offenbaren. Diese Szene ist hart und kann triggern, besonders wenn du selbst Erfahrungen mit Zwangsouting oder geschlechtsbezogener Gewalt gemacht hast. Sciamma inszeniert sie nicht voyeuristisch, aber die emotionale Wucht ist enorm.

Was den Film 2026 besonders sehenswert macht: Céline Sciamma ist inzwischen eine der wichtigsten queeren Stimmen im europäischen Kino. Nach "Tomboy" folgten "Mädchenbande" (2014), das Oscar-prämierte "Porträt einer jungen Frau in Flammen" (2019) und zuletzt "Petite Maman" (2021). Wer Sciammas spätere Arbeiten kennt und schätzt, findet in "Tomboy" bereits alle ihre Markenzeichen: den präzisen Blick auf Körperlichkeit, die Arbeit mit Laiendarsteller*innen, die Abwesenheit von Musik als dramaturgischem Treibstoff. Es ist ein Film, der sich Zeit lässt - und dir diese Zeit auch abverlangt.

Streaming-Check: Apple TV, DVD und die digitalen Optionen

  • Apple TV: digital zum Kauf oder Verleih verfügbar
  • DVD/Blu-ray: über Videobuster, Amazon oder im Fachhandel erhältlich
  • Flatrate-Streaming: Aktuell kein Angebot bei Netflix, Mubi, Amazon Prime Video, ARD/ZDF Mediathek oder anderen großen Plattformen in DACH (Stand April 2026)

Falls du den Film in besserer Qualität sehen möchtest, lohnt sich der Kauf der Blu-ray - die Bildsprache von Kamerafrau Crystel Fournier, die auch an Sciammas späteren Filmen mitarbeitete, entfaltet ihre volle Wirkung erst auf einem ordentlichen Bildschirm.

Filme in derselben subtilen Stimmung

Wenn "Tomboy" dich berührt hat, könnten diese Filme für dich interessant sein:

  • Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019) - Céline Sciammas Meisterwerk über verbotene Liebe und den weiblichen Blick im 18. Jahrhundert. Wer "Tomboy" mochte, wird hier die gleiche visuelle Poesie und emotionale Tiefe finden.
  • Close (2022) - Lukas Dhonts Drama über zwei Jungen, deren enge Freundschaft an den Erwartungen ihrer Umwelt zerbricht. Ähnlich zart und schmerzhaft wie "Tomboy".
  • Petite Maman (2021) - Ebenfalls von Sciamma, diesmal über ein achtjähriges Mädchen, das nach dem Tod der Großmutter eine magische Begegnung erlebt. Kurz, intensiv, außergewöhnlich.

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