Twisted - Oliver Twist in der queeren Unterwelt von New York

Seth Michael Donskys experimentelle Neuerzählung von Dickens' Oliver Twist versetzt den Klassiker in die schwule Szene von Manhattan - mit Drag Queens, Strichern und einem radikalen Indie-Blick auf Ausbeutung und Schutz.

justboys-Redaktion

3 Min Lesezeit

Twisted - Oliver Twist in der queeren Unterwelt von New York - Coverbild

© Salzgeber & Co. Medien / Filmverleih — Pressefoto

Was passiert, wenn du Charles Dickens' Waisenjungen-Drama in die Schwulenbordelle, Drag-Bars und Straßenecken von Manhattan verlagerst? Seth Michael Donskys "Twisted" aus dem Jahr 1996 liefert eine verstörende, experimentelle Antwort - und ist dabei so unbequem wie faszinierend.

Lees Flucht in Arthurs dunkles Netzwerk

Der zehnjährige Lee flieht aus seiner Pflegefamilie, in der er misshandelt wurde, und landet auf den Straßen von New York City. Dort gerät er schnell in die Kreise von Arthur, einem Zuhälter, der ihn an den alternden Bordellbesitzer André weiterreicht. André führt ein Etablissement für Stricher - und hat klare Pläne, Lee dort einzusetzen.

Doch Lee findet in Angel einen unerwarteten Beschützer: Angel ist selbst ein Ex-Stricher, der in einer toxischen Beziehung mit dem brutalen Eddie steckt. Trotz seiner eigenen Probleme versucht Angel, Lee vor dem vollständigen Absturz zu bewahren - unterstützt von Shiniqua, einer Drag Queen mit scharfer Zunge und großem Herz. Der Film folgt Lees Weg durch eine Welt voller Gewalt, sexueller Ausbeutung und Drogen, aber auch durch Momente von unerwarteter Solidarität.

"Twisted" ist eine queere Neuerzählung von Dickens' "Oliver Twist": Lee steht für Oliver, Angel für Nancy, Eddie für Bill Sikes, André für Fagin. Die Namen haben sich geändert, die Themen - Armut, Ausbeutung, das Ringen um Würde - bleiben.

New-Queer-Cinema der 90er - zeitlos verstörernd

Der Film ist alles andere als leichte Kost. Er ist düster, experimentell und stellenweise schwer auszuhalten. Seth Michael Donsky nutzt eine bewusst raue Bildsprache - viele Szenen wirken wie bei Kerzenlicht gedreht, die Kamera ist oft verwackelt, der Schnitt fragmentiert. Das ergibt eine beklemmende Atmosphäre, die nicht jedem gefällt.

Aber genau darin liegt die Stärke: "Twisted" gehört zur New-Queer-Cinema-Bewegung der 90er, die queeres Leben ungeschönt zeigte - ohne Romantisierung, aber auch ohne voyeuristische Ausbeutung. Der Film wurde 1997 auf der Berlinale gezeigt und 2013 vom Museum of Modern Art in New York in seine permanente Filmsammlung aufgenommen - eine seltene Ehre für einen Independent-Streifen dieser Art.

Besonders bemerkenswert: Die Darstellung von Solidarität innerhalb marginalisierter Communities. Angel und Shiniqua sind keine Heiligen, aber sie sind da - und genau diese Ambivalenz macht den Film authentisch. Billy Porter, der später mit "Pose" weltberühmt wurde, spielt hier eine seiner ersten Filmrollen als Drag Queen Shiniqua.

Triggerwarnungen: Der Film zeigt explizit sexuelle Gewalt an Minderjährigen, Drogenkonsum, körperliche Misshandlung und Mord. Er ist nicht für jeden geeignet - und das ist okay.

DVD + Plex: So findest du Twisted

  • DVD: Eine deutsche DVD-Veröffentlichung (Original mit Untertiteln) ist über Amazon.de bestellbar - oft als Import aus dem Pro-Fun-Media-Verleih.
  • Streaming (international): Plex listet den Film, allerdings zeigt die Plattform aktuell "keine Verfügbarkeit" für DACH an (Stand April 2026).
  • Aktuell kein legales Streaming-Angebot in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verfügbar. Der Film taucht gelegentlich in Retrospektiven queerer Filmfestivals auf - etwa bei Narrow Rooms-Screenings in New York oder in queeren Archiv-Reihen.

Nach Twisted: Swoon, Idaho & Co.

Wenn du "Twisted" magst, probier diese Filme:

  • "Swoon" (1992, Tom Kalin): Ein weiterer New-Queer-Cinema-Klassiker, der die Leopold-&-Loeb-Morde in experimenteller Schwarzweiß-Ästhetik erzählt.
  • "My Own Private Idaho" (1991, Gus Van Sant): River Phoenix und Keanu Reeves als Stricher in Portland - ebenfalls eine lose Shakespeare-Adaption mit radikalem Indie-Spirit.
  • "Poison" (1991, Todd Haynes): Drei ineinander verwobene Geschichten über queeres Begehren, Gewalt und Ausgrenzung - stilistisch ebenso mutig wie "Twisted".

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