Was bleibt von einer Liebe, wenn der Geliebte stirbt - und mit ihm eine ganze Generation? Jan Stressenreuters Roman Wie Jakob die Zeit verlor aus dem Jahr 2013 erzählt von genau diesem Verlust: präzise, schonungslos und dabei so zärtlich, dass es wehtut.
Jakob und Marius: Liebe in der Aids-Krise
Die Handlung bewegt sich zwischen zwei Zeitebenen: In den 1980er Jahren verlieben sich Jakob und Marius ineinander - mitten in die Ära der Ledermänner, Frankie Goes to Hollywood und einer schwulen Szene, die noch nicht ahnt, was kommt. Dann bricht Aids aus. Was als freie, wilde Zeit begann, wird zur tödlichen Bedrohung.
Mehr als zwanzig Jahre später, in den 2000ern, droht Jakobs Beziehung zu seinem Freund Arne zu scheitern. Der Vorwurf: Jakob habe den Tod von Marius nie wirklich verarbeitet. Nach einem heftigen Streit verschwindet Arne aus Jakobs Leben. Jakob bleibt allein zurück - gefangen zwischen Gegenwart und einer Vergangenheit, die ihn nicht loslässt.
Auf seiner Spurensuche nach Arne trifft Jakob auf Philip, einen 23-jährigen Stricher, der HIV-positiv ist. Doch Philip lebt mit dem Virus - anders, selbstbewusster, als es in Jakobs Generation möglich war. In dieser Begegnung zeigt sich, was sich verändert hat: HIV ist 2026 kein Todesurteil mehr. Aber die Wunden der Vergangenheit sind geblieben.

Aufbruch und Angst - was die 80er heute noch lehren
Stressenreuters Stärke liegt in der Ehrlichkeit. Er romantisiert die 80er nicht, aber er verurteilt auch nicht. Stattdessen zeichnet er das Bild einer Zeit, in der schwule Männer zwischen Aufbruch und Angst lebten - eine Zeit, die heute oft vergessen wird, weil sie unbequem ist. Der Roman ist zugleich Liebesgeschichte, Trauerarbeit und Zeitdokument.
Was den Roman auch 2026 relevant macht: Er erinnert daran, dass queere Geschichte nicht nur Pride und Fortschritt ist, sondern auch Verlust. Für jüngere Leser, die mit PrEP und U=U aufgewachsen sind, ist Wie Jakob die Zeit verlor ein Fenster in eine Welt, die ihre Väter und älteren Brüder geprägt hat - und deren Trauma bis heute nachwirkt.
Triggerwarnungen: Der Roman behandelt explizit Aids-bedingte Krankheit, Tod und Trauer. Wer mit diesen Themen schwer umgehen kann, sollte sich darauf einstellen.
Jan Stressenreuter, einer der wichtigsten schwulen Autoren im deutschsprachigen Raum, verstarb 2018 im Alter von nur 57 Jahren. Wie Jakob die Zeit verlor gehört zu seinen stärksten Werken - und ist zugleich sein persönlichstes. Stressenreuter selbst lebte durch diese Zeit; der Roman ist auch seine Art der Vergangenheitsbewältigung.
Querverlag, Buchhandel & Streaming 2026
- Querverlag (Print & eBook): Das Buch ist direkt beim Querverlag sowie über die Buchhandlung Löwenherz (Wien) bestellbar.
- Amazon & Thalia: Sowohl als Taschenbuch (ca. 14-16 EUR) als auch als eBook (Kindle) erhältlich.
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- Hörbuch: Aktuell (Stand April 2026) ist keine Hörbuch-Version bekannt.
Stressenreuters Werke & verwandte Lektüren
Dann probier auch diese Bücher:
- Jan Stressenreuter: Mit seinen Augen (2008) - Ein weiterer Roman von Stressenreuter, der die Situation von Homosexuellen in den 1950er Jahren thematisiert. Ebenso eindringlich, historisch noch weiter zurück.
- Hervé Guibert: Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (1990) - Ein autobiographischer Roman über Aids, Freundschaft und Sterben. Radikal ehrlich und stilistisch einzigartig.
- Garth Greenwell: What Belongs to You (2016) - Zeitgenössischer queerer Roman über Begehren, Scham und die Last der Vergangenheit. Formal experimentell, emotional kompromisslos.
